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Luther als Spiegel unserer selbst

Zur Nationalen Sonderausstellung auf der Wartburg zu Eisenach

Ein strahlend schöner Maitag, voll ungewohnter Wärme! Den Weg nach Eisenach bin ich schon oft gefahren. Jedes Mal die Freude: Da ist sie, die Wartburg, Burg aller deutschen Burgen! Vor einigen Jahren besuchte ich sie anlässlich... [mehr]

Ein strahlend schöner Maitag, voll ungewohnter Wärme! Den Weg nach Eisenach bin ich schon oft gefahren. Jedes Mal die Freude: Da ist sie, die Wartburg, Burg aller deutschen Burgen! Vor einigen Jahren besuchte ich sie anlässlich eines Symposiums über Luther, ausgerichtet von der Luther-Gesellschaft im Rahmen der Lutherdekade. Es ging um den freien Willen. Damals war die Burg eingerüstet, in Vorbereitung auf die 950-Jahr-Feier, die im Luthergedenkjahr 2017 (500 Jahre Thesenanschlag und Beginn der Reformation) stattfinden würde. Also zwei Gründe, die Wartburg zu besuchen: die Nationale Sonderausstellung ›Luther und die Deutschen‹ und die fast tausend Jahre alte Burg selbst. Aber noch ein Drittes kommt hinzu: Das Wartburgfest feiert seinen 200. Geburtstag!

Lesen als subjektiver Weltgewinn

Versuch einer Selbstrecherche

In meinem thüringisch-dörflichen Elternhaus gab es keine nennenswerten Bücher. Eingeprägt hat sich mir lediglich ein alpiner BildTextband von Luis Trenker, vor allem wegen seiner Schwarz-Weiß-Fotos. Dieses Buch habe... [mehr]

In meinem thüringisch-dörflichen Elternhaus gab es keine nennenswerten Bücher. Eingeprägt hat sich mir lediglich ein alpiner BildTextband von Luis Trenker, vor allem wegen seiner Schwarz-Weiß-Fotos. Dieses Buch habe ich immer wieder durchblättert, allein und auch mit Frau Dornis, einer Nachbarin, zu der ich manchmal hinüberging, wenn ich allein war. Sie richtete meine Aufmerksamkeit auf die abgebildeten Bergdörfer, genauer gesagt auf die Kirchlein, die niemals fehlten. Immer wieder spornte sie mich an, sie zu suchen. Ich muss offen lassen, was das in meinem Unterbewusstsein bewirkt hat.

By Heart – ein Tribut an den Geist

»Wenn ich zum stillen Rat in meiner Brust / Entbiete die Erinn’rung alter Tage ...« Wenn man auf die Bühne geht, um ein Gedicht auswendig zu lernen, kann dabei nur ein Geschenk rauskommen: Ein Geschenk an die Menschen,... [mehr]

»Wenn ich zum stillen Rat in meiner Brust / Entbiete die Erinn’rung alter Tage ...« Wenn man auf die Bühne geht, um ein Gedicht auswendig zu lernen, kann dabei nur ein Geschenk rauskommen: Ein Geschenk an die Menschen, das aus der Hochachtung für den Geist selbst stammt. Zu diesem Experiment lud der portugiesische Regisseur, Schauspieler und Leiter des ›Theatro National D. Maria II‹ Tiago Rodrigues im Rahmen des Weimarer Kunstfestes 2016 zehn Menschen ein. 

Erzählungen über Europa

Ich und Europa VI

Europa hört irgendwo hinter dem Ural auf: als verstumme es oder trockne allmählich aus. 1999 fuhr ich an den Stillen Ozean und übte die Langsamkeit und das Warten in einer Landschaft, die immer einsamer wurde. Aber ich... [mehr]

Europa hört irgendwo hinter dem Ural auf: als verstumme es oder trockne allmählich aus. 1999 fuhr ich an den Stillen Ozean und übte die Langsamkeit und das Warten in einer Landschaft, die immer einsamer wurde. Aber ich konnte keine genaue Stelle finden, wo Europa endet. In Wladiwostok fühlte ich mich sogar plötzlich wieder zuhause. Woran das lag, kann ich heute nicht mehr sagen. Aber ich glaube, Europa braucht Wasser und das Meer. 

Wort – Weg – Warte

Eine Liebeserklärung

Wenn die Welt Bühne wäre – ganz und gar? Ort der Erscheinung. So sehen sie vermutlich die zur Welt kommenden Kinder seit jeher. Neu ist jedoch die Tatsache, dass sich innerhalb der Welt dieselbe Wahrnehmung ergibt wie... [mehr]

Wenn die Welt Bühne wäre – ganz und gar? Ort der Erscheinung. So sehen sie vermutlich die zur Welt kommenden Kinder seit jeher. Neu ist jedoch die Tatsache, dass sich innerhalb der Welt dieselbe Wahrnehmung ergibt wie jenseits von ihr. Die selbstverständliche Erfahrungsweise ist inzwischen das Bild – nicht im Sinne der Analogie, der Abbildung oder der Trennung zwischen Sein und Schein, sondern als neue einheitliche Seinsqualität. Weltwirklichkeit als Bildwerdung – damit ist das Scheinbare nicht länger als Anschein zu verstehen. Weder vor dem Spiegel noch hinter dem Scheinwerfer ist die Quelle des Wirklichen aufzufinden. Den Schein nicht mehr als Ausdruck eines Ansich-Seienden zu erfahren, sondern darin den Entwurf eines Sich-Lichtenden zu sehen – so kommen wohl heute die Kinder zur Welt. Originalität lässt sich nicht mehr als Standbild auf unerschütterlichem Grund besichtigen. Nur im Prozess, in der Erscheinungssphäre, im vollen Licht öffentlicher Vorgänge kann sie geortet, bezogen, identifiziert werden.

Der Dichter als Vorsitzender

Zwei neue Bücher von und über Albert Steffen

Es mag übertrieben sein, von Albert Steffen als einem Unbekannten innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu sprechen. Doch angesichts der Tatsache, dass Steffen nicht nur ein enger Mitarbeiter Rudolf Steiners war, sondern... [mehr]

Es mag übertrieben sein, von Albert Steffen als einem Unbekannten innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu sprechen. Doch angesichts der Tatsache, dass Steffen nicht nur ein enger Mitarbeiter Rudolf Steiners war, sondern nach dessen Tod fast vierzig Jahre lang als Erster Vorsitzender die Anthroposophische Gesellschaft prägte, ist es eine höchst eigentümliche Tatsache, dass erst jetzt eine umfassende biografische Darstellung in Angriff genommen wird. Und auch sonst ist die Literatur dünn gesät. Seit 1984, als Steffens 100. Geburtstag mit mehreren Publikationen begangen wurde, sind ihm ganze drei Bücher gewidmet worden, von denen zwei sich mit den ›Kleinen Mythen‹ beschäftigen. Peter Selgs Studie: ›Albert Steffen – Begegnung mit Rudolf Steiner‹ (Dornach 2009) greift immerhin jenen Aspekt in Steffens Leben und Werk heraus, den dieser wohl auch selbst als zentral bezeichnet hätte.

Die Michael-Prophetie Rudolf Steiners

und das Zusammenwirken von Platonikern und Aristotelikern

Platonismus und Aristotelismus traten insbesondere in ihrer Wirkungsgeschichte als Polaritäten auf. Davon zeugt die Anknüpfung an die platonische Philosophie im frühen Mittelalter ebenso wie die Bezugnahme auf Aristoteles... [mehr]

Platonismus und Aristotelismus traten insbesondere in ihrer Wirkungsgeschichte als Polaritäten auf. Davon zeugt die Anknüpfung an die platonische Philosophie im frühen Mittelalter ebenso wie die Bezugnahme auf Aristoteles im Hochmittelalter. Auch Goethe beschreibt diesen Gegensatz in seiner ›Geschichte der Farbenlehre‹. Rudolf Steiner hingegen blickte immer wieder auf das Vermittelnde, ja auf die Zusammengehörigkeit der beiden Strömungen, was auch in seiner eigenen Biografie zum Ausdruck kam. Der Artikel wendet sich insbesondere der Frage nach der Michaelprophetie zu und kommt zu Beobachtungen, wie sich diese in der heutigen Zeit verwirklicht.

Sinnangliederungen

Elemente der Spracherneuerung bei Rudolf Steiner und Tendenzen im gegenwärtigen Sprachgebrauch

»Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort«, dichtete Rainer Maria Rilke im Jahr 1898 und drückte damit sein Erschrecken über scheinbar eindeutige Weltinterpretationen und sprachliche Vordergündigkeiten aus. Bei Hugo... [mehr]

»Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort«, dichtete Rainer Maria Rilke im Jahr 1898 und drückte damit sein Erschrecken über scheinbar eindeutige Weltinterpretationen und sprachliche Vordergündigkeiten aus. Bei Hugo von Hoffmannsthal äußerte sich zu gleicher Zeit eine tiefe Skepsis gegenüber den eigenen Ausdrucksmitteln, wie er in seinem 1902 entstandenen ›Brief‹ des Lord Chandos an Francis Bacon offenbarte. Sprache, offensichtlich auch die poetische, schien dem menschlichen Ausdrucks- und Verständigungsbedürfnis nicht mehr zu genügen. Hofmannsthals Lord Chandos wünscht sich »eine Sprache, von deren Worten mir auch nicht eines bekannt ist, eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zu mir sprechen«, die »unmittelbarer, glühender ist als Worte«. Ein solcher Wunsch lässt alles Herkömmliche hinter sich und greift in den Bereich hinter den Wörtern, ins Übersinnliche hinein. 

Grenze der Sprache – Ende der Welt

Zur Apologie mythischer Rede. In Erinnerung an Ludwig Wittgenstein

In Absatz 6.522 des ›Tractatus‹ – so aktuell wie je – schreibt Ludwig Wittgenstein: »Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies z e i g t sich, es ist das Mystische.« Ist wirklich »Unaussprechliches« gemeint?... [mehr]

In Absatz 6.522 des ›Tractatus‹ – so aktuell wie je – schreibt Ludwig Wittgenstein: »Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies z e i g t sich, es ist das Mystische.« Ist wirklich »Unaussprechliches« gemeint? Also etwas, das nicht ausgesprochen werden darf, das tabu ist wie »die Unaussprechlichen« – nämlich die Beinkleider einer Dame im Viktorianischen England? Oder ist vielmehr »Unaussprechbares« oder »Unsagbares« gemeint, mithin etwas, das nicht ausgesprochen werden k a n n ? (Die Endsilbe »-bar« eines verneinten Adjektivs drückt, auch in dessen Substantivierung, kein Verbot, sondern eine Unmöglichkeit aus, was – nebenbei gesagt – die Väter und Mütter des Grundgesetzes nicht wussten, als sie mangels Beherrschung der deutschen Sprache fälschlicherweise behaupteten, die Würde des Menschen sei »unantastbar«.) Oder aber, dritte Möglichkeit: Meint »Unaussprechliches« die eminente Fülle des so Benannten, die alle Sprachgewalt so sehr übersteigt, dass Sprache sie nicht auszuschöpfen vermag, da sie angesichts ihrer nie an ein Ende gelangt? – Wie differenziert ist Wittgensteins Sprachgebrauch? Aus dem Kontext des ›Tractatus‹ lässt sich erschließen, dass »Unaussprechliches« am ehesten jenes meint, das sich nach Wittgenstein nicht »klar« sagen, also überhaupt nicht sagen lässt und somit unsagbar ist.

Rudolf Steiner als Erzähler I

Perspektiven einer allgemeinen Erzähltheorie

Traditionell verstehen wir unter Erzählungen Geschichten, die in Form von Mythen, Märchen oder Romanen kulturell überliefert sind oder von Schriftstellern verfasst werden. Sie gelten als Produkte der Phantasie. Auch wenn... [mehr]

Traditionell verstehen wir unter Erzählungen Geschichten, die in Form von Mythen, Märchen oder Romanen kulturell überliefert sind oder von Schriftstellern verfasst werden. Sie gelten als Produkte der Phantasie. Auch wenn sie für unsere Lebensorientierung Bedeutung haben und das Fiktive sowie das Imaginäre so etwas wie eine anthropologische Disposition darstellen, sind Erzählungen als eine Art Feierabendprodukte doch von der nüchternen Tagesarbeit und dem klaren Tatsachenwissen geschieden. Ein Roman ist eben, nach traditionellem Verständnis, keine Biografie und eine historische Erzählung kein Roman. Doch die selbstverständliche Unterscheidung zwischen dem Faktischen, die für den wissenschaftlichen, und dem Fiktiven, die für den künstlerischen Text gilt, ist fragwürdig geworden. Erzählen können wir nämlich immer schon beides: erfundene Geschichten und tatsächlich erlebte. Die Erzählung als produktive Schöpfung kann sich so eng wie möglich an die erlebten Tatsachen halten oder vor Erfindungslust übersprudeln, immer ist sie Erzählung, erzählende Tätigkeit.

»Ein Blick in unheimliche zeitliche Tiefen«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit Raoul Schrott

Was lässt sich erzählen vom Urknall, der Entstehung der Erde und dem Beginn des Lebens? Sieben Jahre lang ist Raoul Schrott dieser Frage nachgegangen. Er hat die Welt bereist, um zu den Ursprüngen zu gelangen, den ältesten... [mehr]

Was lässt sich erzählen vom Urknall, der Entstehung der Erde und dem Beginn des Lebens? Sieben Jahre lang ist Raoul Schrott dieser Frage nachgegangen. Er hat die Welt bereist, um zu den Ursprüngen zu gelangen, den ältesten Steinen, den Fossilien von allererstem Leben, den frühesten Spuren des Menschen, und hat dazu zahlreiche Gespräche mit Naturwissenschaftlern geführt. Entstanden ist ein gewaltiges Epos, beeindruckend in seiner erzählerischen Fülle wie in seiner thematischen Spannweite. ›Erste Erde. Epos‹ (Hanser, München 2016) erkundet vor dem Hintergrund der kosmologischen Geschichte und der Evolution die Existenz des Menschen in ihren zahlreichen Facetten.

Wie göttlich wird der Mensch?

Yuval Noah Hararis aufrüttelnde Vision einer nicht allzu fernen Zukunft

Yuval Noah Harari ist Professor für Weltgeschichte in Jerusalem. Der gerade mal vierzigjährige, feingliedrige Akademiker mit den gro­ßen Augen und Ohren hat ein Buch vorgelegt, das derzeit die Beststellerlisten stürmt:... [mehr]

Yuval Noah Harari ist Professor für Weltgeschichte in Jerusalem. Der gerade mal vierzigjährige, feingliedrige Akademiker mit den gro­ßen Augen und Ohren hat ein Buch vorgelegt, das derzeit die Beststellerlisten stürmt: ›Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen‹ wirft einen faszinierenden Blick in die Geschichte von morgen – mit zum Teil apokalyptischen Visionen