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Wachsamkeit

Ich und Europa X

Wachsamkeit west als Gegenwart des Ich. In dieser Gegenwart knospet das Ich in jedem Augenblick als Freiheit von sich selbst und von anderem, jenseits von innen und außen: generative Leere eines bewussten Wollens, das in... [mehr]

Wachsamkeit west als Gegenwart des Ich. In dieser Gegenwart knospet das Ich in jedem Augenblick als Freiheit von sich selbst und von anderem, jenseits von innen und außen: generative Leere eines bewussten Wollens, das in der empfindsamen Begegnung mit jedem Augenblick, Ereignis oder Wesen zu einer konkreten Form der Freiheit blühen kann; empfindsame, wache und freie Begegnung, die – durch ein denkendes Tätigsein entstehend – den uneingeschränkt dialogischen Charakter der authentischen Natur des Denkens offenbart. Die Bildung und Pflege dieses wachsamen, warmen Wollens, dieses dialogischen, lichtvollen Denkens, d.h. eine Kultur der denkenden Wachsamkeit im Ich, will ich als eigenen Klang von Europas Schicksal wahrnehmen.

Netzwerk einer verkannten Stadt

Zur Ausstellung ›revonnaH. Kunst der Avantgarde in Hannover 1912-1933‹ im Sprengel Museum Hannover

Nach meiner ersten Besichtigung der Ausstellung habe ich mich gefragt: Welche Art der Darstellung war für dich am eindrücklichsten, welches Werk wirst du als Besonderheit in Erinnerung behalten? Das dunkle Ölgemälde mit... [mehr]

Nach meiner ersten Besichtigung der Ausstellung habe ich mich gefragt: Welche Art der Darstellung war für dich am eindrücklichsten, welches Werk wirst du als Besonderheit in Erinnerung behalten? Das dunkle Ölgemälde mit den ausdrucksstarken Gesichtern oder die archetypisch wirkende Maske? Die in Öl auf Sperrholz gemalte alte Frau im Bett oder der Frauenkopf aus rotem Stein? Die völlig abstrakte Komposition mit Holzrahmenfragment und Holzkugelsegment oder das Foto von einem dürren Bäumchen in karger Winterlandschaft? Das realitätsnahe Bild einer Menschenschlange vor dem Arbeitsamt oder das stark vereinfachte, von Farbflächen geprägte Plakat? Was muss das für eine gärende Zeit in Hannover gewesen sein, in der all diese unterschiedlichen Werke geschaffen oder ausgestellt wurden!

Das Färberlein als erster Filmregisseur

Zur Ausstellung ›Tintoretto – A Star Was Born‹ im Wallraf-Richartz-Museum Köln

Venedig war eine der bevölkerungsreichsten Großstädte Europas, als Jacopo Robusti 1518 oder 1519 geboren wurde – als Sohn eines Färbers, daher sein Künstlername »Tintoretto« (»Färberlein«). Bereits 1538, also... [mehr]

Venedig war eine der bevölkerungsreichsten Großstädte Europas, als Jacopo Robusti 1518 oder 1519 geboren wurde – als Sohn eines Färbers, daher sein Künstlername »Tintoretto« (»Färberlein«). Bereits 1538, also mit etwa 20 Jahren, war er ein ausgewiesener Meister mit eigener Werkstatt. Das war auch nötig, um sich gegen die allgegenwärtige Konkurrenz durchzusetzen, denn Venedig war ebenso eine der europäischen Hauptstädte der Kunst.

Die blauen Fenster

Zweite Betrachtung zu den Fenstermotiven im Großen Saal des Goetheanums

Wir lassen den Bereich der grünen Fenster hinter uns und öffnen uns dem Blau. Würde man sich mit dieser Farbe identifizieren, sagt Rudolf Steiner, »so würde man durch die Welt gehen, indem man das Bedürfnis empfindet,... [mehr]

Wir lassen den Bereich der grünen Fenster hinter uns und öffnen uns dem Blau. Würde man sich mit dieser Farbe identifizieren, sagt Rudolf Steiner, »so würde man durch die Welt gehen, indem man das Bedürfnis empfindet, mit dem Blau immer weiter und weiter fortzuschreiten, den Egoismus in sich zu überwinden, gleichsam makrokosmisch zu werden, Hingabe zu entwickeln. [...] Wie begnadet von göttlicher Barmherzigkeit würde man sich fühlen, wenn man also durch die Welt geht.« Derart gestimmt können wir in das innige, schöne und ausgewogene Blau – das durch Kobalt und Kupferoyxyde gefärbt wurde – eintauchen.

Das Wort von Herz zu Herz

Eine weihnachtliche Bildbetrachtung

In einer mittelalterlichen Miniatur gibt es ein Bild der Begegnung von Maria und Elisabeth, die beide ihr Kind unter dem Herzen tragen. Der Maler hat das Herz der Frauen jedoch geöffnet, so dass die Kinder selbst sichtbar... [mehr]

In einer mittelalterlichen Miniatur gibt es ein Bild der Begegnung von Maria und Elisabeth, die beide ihr Kind unter dem Herzen tragen. Der Maler hat das Herz der Frauen jedoch geöffnet, so dass die Kinder selbst sichtbar werden. Was er gemalt hat, ist nicht nur die Geschichte von Maria und Elisabeth, die sich begegnen und deren Kinder sich – in Wirklichkeit – im Bauch bewegen, sondern er hat ein eigentliches Herzbild gemalt. Er zeigt uns die Kraft und Fähigkeit des Herzens, und er führt uns mit diesem Bild in jenen Bereich, der einst in der Begegnung der beiden Frauen und ihrer Kinder sich öffnete und der (in der Zeit vor Weihnachten) immer wieder neu aufgesucht werden kann.

Eine Reise ins Heilige Land

Was ist noch heilig an diesem zerrissenen Land? Warum ist all das Heilige gerade hier geschehen, in einer Erdgegend, die auch damals nicht ein Hort des Friedens war? Sogar die Vorbereitung dessen, was die Zeitenwende bewirkt... [mehr]

Was ist noch heilig an diesem zerrissenen Land? Warum ist all das Heilige gerade hier geschehen, in einer Erdgegend, die auch damals nicht ein Hort des Friedens war? Sogar die Vorbereitung dessen, was die Zeitenwende bewirkt hat, hervorgehend aus dem auserwählten Volk, war verbunden mit heftigen Auseinandersetzungen, Eroberungen, Vertreibungen und anderen Brüchen. Zudem sind Hass, Aufhetzung des Volkes, Gefangennahme, Geißelung und gewaltsamer Tod Bestandteil des Heilsgeschehens selbst: von paradiesischen Zuständen im menschlichen Zusammenleben keine Spur!

Am Scheideweg: Islamkritik und interkultureller Dialog

Zum Erscheinen einer korankritischen Streitschrift des deutsch-ägyptischen Politologen Hamed Abdel-Samad

Hamed Abdel-Samad ist einem breiteren Publikum durch seine zahlreichen Bücher und Auftritte in TV-Diskussionsrunden bekannt, in denen er seine kritische Haltung zum politischen Islam verteidigt. Als Sohn eines streng gläubigen... [mehr]

Hamed Abdel-Samad ist einem breiteren Publikum durch seine zahlreichen Bücher und Auftritte in TV-Diskussionsrunden bekannt, in denen er seine kritische Haltung zum politischen Islam verteidigt. Als Sohn eines streng gläubigen sunnitischen Imams in Ägypten aufgewachsen, kam er Mitte der 1990er Jahre zum Studium nach Deutschland und absolvierte hier innerhalb weniger Jahre eine Konversion vom überzeugten Muslim, den die Freizügigkeit westlicher Gesellschaften zutiefst verunsicherte und in schwere Sinnkrisen stürzte, zu einem der profundesten Kritiker der islamischen Religion.

An der Grenze zum verbotenen Land

Zu Peter Handkes 75. Geburtstag

Peter Handke wird 75 Jahre alt. Wie kann das sein? Ist jemand mit 75 nicht schon sehr alt? Nicht Peter Handke. Er bleibt jung in seinen Werken, und wenn man ab und zu ein Bild von ihm sieht, in immer vorgeschritteneren Jahren,... [mehr]

Peter Handke wird 75 Jahre alt. Wie kann das sein? Ist jemand mit 75 nicht schon sehr alt? Nicht Peter Handke. Er bleibt jung in seinen Werken, und wenn man ab und zu ein Bild von ihm sieht, in immer vorgeschritteneren Jahren, darf einen das nicht stören.

Dass er jung bleibt, bedeutet nicht, dass er etwa immer derselbe bleibt. Nein, er ist immer ein anderer, und keines seiner Werke gleicht einem vorherigen. Mit jedem Werk betritt er ein Gebiet, das er noch nicht kennt. Sein Alter zeigt sich höchstens als Zunahme an Weisheit.

Er hat viel veröffentlicht, und kaum jemand wird alles gelesen haben. Das erste, was ich vor vielen Jahren von ihm entdeckte, war ›Die Geschichte des Bleistifts‹ (1982). Ich empfand sie wie eine Offenbarung aus der Literatur, die einerseits real zur Erde gehört, aber als Kunst sich ins Übersinnliche schwingt – eine bezaubernde Welt zwischen Himmel und Erde, aus der man jedes Mal reich beschenkt zurückkehrt.

Bewusstseinswandel durch die Blume

›Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes‹ – Eine Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum

Betritt man den durch geschickte Untergliederung erstaunlich groß wirkenden Ausstellungsraum, so stößt man zuerst auf das kleine farbige Blatt ›Buschrose mit Miniermotte, Larve und Puppe‹ von Maria Sibylla Merian:... [mehr]

Betritt man den durch geschickte Untergliederung erstaunlich groß wirkenden Ausstellungsraum, so stößt man zuerst auf das kleine farbige Blatt ›Buschrose mit Miniermotte, Larve und Puppe‹ von Maria Sibylla Merian: eine rosafarbene »Große hundertblätterichte Rose«, deren geöffnete oberste Blüte sich an einem nach rechts ausschwingenden Stängel nach links neigt. Auf diese hat die sie eine echte getrocknete Raupe geklebt. Eine weitere – jetzt gezeichnete – grüne Raupe kriecht auf einer der noch knospigen Blüten, eine dritte schaut mit ihrem schwarzen Köpfchen aus einer Blütenknospe, durch sie sich gerade gefressen hat, heraus. Auf dem Stiel eines nach rechts herunterhängenden Fiederblattes ist die kleine bräunliche Puppe zu erkennen – wie ein fein segmentierter »Dattelkern«, während ein geschlüpftes »Mottenvögelein« (Merians Worte!) oben auf der grossen Blüte sitzt, deren gelbliche Flügel mit dem Gold, das am Grunde eines nach außen gebogenen Blütenblattes sichtbar wird, korrespondieren. Von links kommt eine weitere Motte, die Flügel ausbreitend, angeflogen.

»Toujours travailler!«

Zum 100. Todestag von Auguste Rodin (12. November 1840 in Paris - 17. November 1917 in Meudon)

Es ist ein extrem heißer Augusttag, als wir die kleine bergige Strasse in Meudon, einem Ort südlich von Paris, emporsteigen. Ein hohes Gitter begrenzt einen weitläufigen Garten. Die halbrunde Pforte ist einladend geöffnet,... [mehr]

Es ist ein extrem heißer Augusttag, als wir die kleine bergige Strasse in Meudon, einem Ort südlich von Paris, emporsteigen. Ein hohes Gitter begrenzt einen weitläufigen Garten. Die halbrunde Pforte ist einladend geöffnet, und eine schattige, leicht abwärts führende Kastanienallee empfängt uns. Im halb verdorrten Gras stehen einige Antiken. Da ist schon das Haus zu sehen: ein kleines Gartenhaus im Stil Louis-treize, aus roten Backsteinen, mit weißem Naturstein abgesetzt, und hohem Giebeldach aus Schiefer. Ab 1894 arbeitete Rodin vor allem hier. Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses. Wir lösen die Eintrittskarten und sind bei Rodin daheim.

Grenzüberschreitungen

Ich und Europa IX

Als ich noch ein Kind war, wirkten Grenzen auf ambivalente Weise anziehend auf mich, sie waren Schwellen zu unbekannten Ländern, und wer eingelassen wurde, hatte den ersten Schritt der »Initiation« geschafft. Deshalb war... [mehr]

Als ich noch ein Kind war, wirkten Grenzen auf ambivalente Weise anziehend auf mich, sie waren Schwellen zu unbekannten Ländern, und wer eingelassen wurde, hatte den ersten Schritt der »Initiation« geschafft. Deshalb war das Warten vor dem Zoll immer mit der Spannung verbunden: Werden wir eingelassen oder nicht? Und wenn uns der Zöllner mit einer Handbewegung durchgewinkt hatte, war das ein kleiner Sieg – ein fröhlicher Triumph über das Prinzip der Ausgrenzung, das jeder Grenze innewohnt.

Die Philosophie an der Schwelle

Jan Patočkas Tod vor 40 Jahren und seine Begegnung mit der Anthroposophie

Im Dezember 1976 stand der 75. Geburtstag des Physikers Werner Heisenberg bevor. Zu diesem Jubiläum hatte die Alexander von Humboldt-Stiftung, deren Präsident Heisenberg Jahrzehnte lang war, ihre ehemaligen ausländischen... [mehr]

Im Dezember 1976 stand der 75. Geburtstag des Physikers Werner Heisenberg bevor. Zu diesem Jubiläum hatte die Alexander von Humboldt-Stiftung, deren Präsident Heisenberg Jahrzehnte lang war, ihre ehemaligen ausländischen Stipendiaten gebeten, kleine Texte aus ihrem Wissensgebiet zu einer Festschrift beizutragen. Zu den Angefragten gehörte auch der damals fast 70-jährige tschechische Philosoph, Phänomenologe und Comeniologe Jan Patočka. In seiner Jugend durfte er dank dem Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung bei Edmund Husserl in Freiburg studieren, dessen Werk er sich lebenslang sehr verbunden fühlte. Patočka entschied sich, für Heisenberg über ›Ursprung und Sinn des Unsterblichkeitsgedankens bei Plato‹ zu schreiben. Dabei beschäftigte er sich anhand von Platons Dialogen intensiv mit den tiefen Rätseln des Todes, der Natur, der Seele und der Beziehung ihres ewig-unsterblichen Teils zum Leib, wie sie sich u.a. im Gesetz der Wiederverkörperung zeigt. Während er sich mit diesen Schwellenfragen befasste, überschritt er selbst die Schwelle und starb unter dramatischen Umständen am 13. März 1977. Sein Text erschien posthum. So haben wir es hier mit dem vermutlich letzten – erschütternd testamentarischen – Text Patočkas zu tun, der gerade aus dem platonischen Todesverständnis heraus ein besonnenes, engagiertes Stehen und Wirken im Leben folgert. »Es wäre ein Kurzschluss, [...] eine Weltflucht als Folge zu postulieren«, heißt es darin.