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Eurhythmisch denken

Die Gebärden des Verstehens

Wenn ich denkend ergreife, erfasse, verstehe, dann begegne ich, denkend-wahrnehmend, nicht einer steif vor mir stehenden Realität, einem in sich gefangenen, verschlossenen Gegen-Stand. Die Gegenwart des Verstehens west vielmehr... [mehr]

Wenn ich denkend ergreife, erfasse, verstehe, dann begegne ich, denkend-wahrnehmend, nicht einer steif vor mir stehenden Realität, einem in sich gefangenen, verschlossenen Gegen-Stand. Die Gegenwart des Verstehens west vielmehr in mir als Empfindung eines dynamischen Gleichgewichtes, einer Harmonie zwischen meinem Ich und dem durch das Denken verstandenen Wesen; einer Harmonie, die durch mich in einem Augenblick jenseits von Raum und Zeit knospet. Diese Harmonie wird aber unmittelbar zu einem stimmigen zeitlichen Verhältnis, zu einem stimmigen Rhythmus, der in der verstehenden Begegnung blüht. Und durch das Klingen dieses Rhythmus’ offenbaren sich wiederum mein Ich und das verstandene Wesen räumlich-zeitlich in einer Form, die ohne das Verstehen nicht hätte geboren werden können: Das räumlich-zeitliche Sein wird durch mein Verstehen reicher, und mein Verstehen ist die Schöpfung neuer Formen des Seins. Schule ich mich nun darin, die seinsschaffende Dimension des Begreifens, Verstehens wahrzunehmen, so offenbart sich mir das begreifende, verstehende Denken als Tätigkeit, die in der aktiven Bildung stimmiger, guter, schöner Rhythmen west. Begreifendes, verstehendes Denken ist, anders gesagt, wortwörtlich eurhythmisch – denn »eu-« ist das altgriechische Präfix, das auf »gut, schön, stimmig, harmonisch« hinweist.

Columban in den Wellen

Westliche Spiritualität und die Sinneswelt

Es wird berichtet, dass der Hl. Columban von Iona (521-597) immer wieder Orte in der Natur aufsuchte, wo er sich in Einklang mit Gott bringen konnte. Der Kontakt zu sich selbst und zu spirituellen Quellen wurde im frühen... [mehr]

Es wird berichtet, dass der Hl. Columban von Iona (521-597) immer wieder Orte in der Natur aufsuchte, wo er sich in Einklang mit Gott bringen konnte. Der Kontakt zu sich selbst und zu spirituellen Quellen wurde im frühen irisch-keltischen Christentum gerne im Freien, draussen in der Natur gesucht. Auch in der ›Vita Columbani‹, der Biografie Columbans des Jüngeren (Columban von Luxeuil, 540-615) oder in der Biografie des Hl. Gallus (550-640) heisst es, dass sich die iro-schottischen Mönche öfters für längere Zeiten in HoÅNhlen oder Wald-Einöden zurückzogen, um dort Kraft zu sammeln, sich und Gott in der Meditation zu finden und erneut inneren Anschluss an ihre Mission zu erfahren. Schon vor der Strömung des iro-schottischen Christentums im 5. bis 8. Jahrhundert, in der druidischen Kultur der Kelten, war diese Haltung selbstverständlich, aber noch weniger an Innerlichkeit gebunden. Der Geist war draussen in der Natur, in den Elementen gegenwärtig und wurde auch dort in den druidischen Gottesdiensten verehrt.

Das Herzorgan bei Aristoteles und Joseph Beuys

Aristoteles war der erste Denker, der das Herz naturwissenschaftlich erforschte. Allerdings konnte er dieses noch als einen Mittler zwischen übersinnlicher und irdischer Welt begreifen. Die moderne Naturwissenschaft hingegen... [mehr]

Aristoteles war der erste Denker, der das Herz naturwissenschaftlich erforschte. Allerdings konnte er dieses noch als einen Mittler zwischen übersinnlicher und irdischer Welt begreifen. Die moderne Naturwissenschaft hingegen schaut das Herz rein unter äußeren Gesichtspunkten an. Ein zentrales Anliegen von Joseph Beuys war es, Kunst und Naturwissenschaft zu verbinden. Der vorliegende Beitrag zeigt, wie er in dieser Intention an den Herzbegriff des Aristoteles anknüpfte.

Zur historischen Geburt der Mathematik als Wissenschaft

Facetten der erwachenden Verstandesseele

Ich möchte hier den Blick auf den fulminanten Beginn der Mathematik als Wissenschaft im europäischen Raum richten, der mit dem allgemeinen Erwachen der Verstandesseele in der griechischen Antike einherging. Bereits der... [mehr]

Ich möchte hier den Blick auf den fulminanten Beginn der Mathematik als Wissenschaft im europäischen Raum richten, der mit dem allgemeinen Erwachen der Verstandesseele in der griechischen Antike einherging. Bereits der Auftakt dieser Entwicklung selbst stellt eines der besonders tief beeindruckenden Ereignisse der europäischen Geistesgeschichte dar. Außerdem trägt dieser Beginn signaturhaft bereits alle wesentlichen Züge, welche den weiteren Entwicklungsverlauf bestimmen. Bevor ich sechs Einzelphänomene als Momente der europäischen Geburt der Mathematik genauer darstelle,soll die Schilderung der Gesamtbewegung während der entscheidenden ersten 300 Jahre zur Orientierung und als roter Faden vorangestellt werden.

Der Punkt ohne Wiederkehr

Neue Versuche zur Willensfreiheit

Lässt das Gehirn Willensfreiheit zu oder sind wir vom Gehirn gesteuert? Ist das menschliche Handeln dem Zufall überlassen oder ist der Mensch frei, über sein Tun und Lassen zu entscheiden? Dieser Fragekomplex ist durch neue... [mehr]
Lässt das Gehirn Willensfreiheit zu oder sind wir vom Gehirn gesteuert? Ist das menschliche Handeln dem Zufall überlassen oder ist der Mensch frei, über sein Tun und Lassen zu entscheiden? Dieser Fragekomplex ist durch neue Experimente einer Arbeitsgruppe an der Berliner Charité um eine interessante Variante bereichert worden. Die Versuche zeigen, dass man sowohl fest geplante als auch unwillkürlich impulsive Handlungen unterlassen kann, wenn vor dem Vollzug noch mindestens 1/5 Sekunde Zeit bleibt. Es gibt somit eine Freiheit des negativen Handelns oder Unterlassens. Ist allerdings dieser Zeitpunkt überschritten, gibt es kein Zurück mehr (»Point of No Return«).

Hermeneutik und Kritik

Zur Auseinandersetzung zwischen Max Dessoir und Rudolf Steiner

Am 22. Oktober 1916, es ist ein Sonntag, schreibt der vom Dienst an der Front befreite Instruktionsoffizier Walter Johannes Stein aus Wien an den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner in Dornach: »Hochverehrter Herr... [mehr]

Am 22. Oktober 1916, es ist ein Sonntag, schreibt der vom Dienst an der Front befreite Instruktionsoffizier Walter Johannes Stein aus Wien an den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner in Dornach: »Hochverehrter Herr Doktor! Prof Dr Max Dessoir (Berlin) hat am 20. d. M. in Wien im kleinen Vortragssaal der Urania einen Vortrag gehalten, welcher in einem Zyklus von drei Vorträgen der letzte war ›Aberglaube und Geheimwissenschaft in der Gegenwart, Theosophie‹. So lautete die Ankündigung des Vortrags. Die zwei vorangehenden beschäftigten sich mit ›Gesundbeten und Kabala‹. Ich hatte nur den dritten gehört [...] Der dritte Vortrag war eine Polemik. Was als Polemik gebracht wurde ist nicht so gefährlich wie die vorangehende ›unbefangene und objektive‹ Darstellung der Lehre des ›Herrn Steiner‹.«

Philosophie und Sündenfall

Franz Brentanos ›Lehre Jesu‹ und die Anthroposophie

Franz Brentano hat über seine Schüler auf viele Richtungen in Philosophie und Psychologie des 20. Jahrhunderts (z.B. Phänomenologie, Existenzphilosophie, analytische Philosophie, experimentelle Psychologie) großen Einfluss... [mehr]

Franz Brentano hat über seine Schüler auf viele Richtungen in Philosophie und Psychologie des 20. Jahrhunderts (z.B. Phänomenologie, Existenzphilosophie, analytische Philosophie, experimentelle Psychologie) großen Einfluss ausgeübt. Weniger bekannt ist, dass er mit seinem Philosophieren ein tiefes religiöses Anliegen verband. Darin liegt aber meines Erachtens der Grund für die innere geistige Beziehung seines Erkenntnisstrebens zur Anthroposophie. Der vorliegende Text möchte auf diese Beziehung hinweisen, ohne dabei alle geäußerten Gedanken ausführlich erläutern zu können. Die geschilderten Zusammenhänge sind so komplex, dass ihre Darstellung den zur Verfügung stehenden Rahmen weit überschreiten würde. Ich hoffe dennoch, auch ohne tiefer gehende Begründung der Sachverhalte die Leserinnen und Leser gerade durch die offen bleibenden Fragen zum Nachdenken über die rätselhafte Verbindung Brentanos zur Anthroposophie und zu Rudolf Steiner anregen zu können.

Der »Kampf um die Seele«

Zum 100. Todestag von Franz Brentano

Am 17. März dieses Jahres 2017 jährt sich der Todestag von Franz Brentano zum hundertsten Male. Der Philosoph und Psychologe hat an den Grundlagen des Gebietes der seelischen Phänomene geforscht und maßgeblich zur Entwicklung... [mehr]

Am 17. März dieses Jahres 2017 jährt sich der Todestag von Franz Brentano zum hundertsten Male. Der Philosoph und Psychologe hat an den Grundlagen des Gebietes der seelischen Phänomene geforscht und maßgeblich zur Entwicklung der Psychologie als eigenständige Wissenschaft beigetragen. Brentano zählt zudem zu den wichtigsten Vorreitern der philosophischen Phänomenologie. Der Artikel möchte an die Persönlichkeit Brentanos erinnern und Grundgedanken sowie wichtige Entdeckungen seiner Seelenlehre umreißen. Dabei soll das Schwergewicht auf sein methodisches Hauptwerk ›Psychologie vom empirischen Standpunkte‹ (1874) gelegt werden. Gegen Ende des Beitrags wird Rudolf Steiners Würdigung des Philosophen in seinem Nachruf auf Brentano von 1917 zur Sprache gebracht und es werden einige darin enthaltene Grundeinsichten in ihrer Relevanz für die Möglichkeit zukünftiger geisteswissenschaftlicher Forschung skizziert.

Von der Tragödie zur Hoffnung

Zum gemeinsamen Karma von Deutschland und Israel

Ist es möglich, dass die große Tragödie des letzten Jahrhunderts, die in der Mitte Europas, im Herzen unserer modernen Zivilisation stattfand, in eine Hoffnung tragende Kraft verwandelt wird? Das ist die Frage, welche... [mehr]

Ist es möglich, dass die große Tragödie des letzten Jahrhunderts, die in der Mitte Europas, im Herzen unserer modernen Zivilisation stattfand, in eine Hoffnung tragende Kraft verwandelt wird? Das ist die Frage, welche hier behandelt werden soll. Aus Sicht der anthroposophischen Geisteswissenschaft ist das Schicksal Mitteleuropas in unserem Zeitalter von größter Bedeutung. Nicht ohne Grund zieht sich dieses Thema durch das gesamte Werk Rudolf Steiners, der ein herausragender Repräsentant des mitteleuropäischen Geistes war. Wenn wir begreifen, wie während der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts alle Hoffnungen, die Steiner für Europa hegte, in ihr krasses Gegenteil verkehrt wurden, dann ist diese Frage berechtigt – und wer das Schicksal der Menschheit ernsthaft in seinem Herzen bewegt, der sieht sich seither mit banger Erwartung vor sie gestellt.

Das Gottesvolk

Offenbarung und Auserwählung im jüdischen Selbstverständnis – I. Teil

»Das auserwählte Volk« – die Formulierung irritiert. Das ist verständlich. Wie und warum sollte einem bestimmten Volk ein Sonderstatus unter allen anderen Völkern zustehen? Bezieht sich nicht ein Begriff wie »Auserwählung«... [mehr]

»Das auserwählte Volk« – die Formulierung irritiert. Das ist verständlich. Wie und warum sollte einem bestimmten Volk ein Sonderstatus unter allen anderen Völkern zustehen? Bezieht sich nicht ein Begriff wie »Auserwählung« – sofern er überhaupt brauchbar und nicht abgelebter religiöser Aberglaube ist – bestenfalls auf Individuen, keineswegs auf ein Kollektiv? Sind nicht alle Menschen, wenn schon nicht »auserwählt«, so doch zumindest »berufen«? Und ist nicht, im christlichen Verständnis – und auch im islamischen – die Gottesgefolgschaft prinzipiell von jedem Volkszusammenhang längst losgelöst?

Hineni - הנני!

Zur esoterischen Methodik in Anthroposophie und Judentum

»Hineni« – הנני – ist Hebräisch. Es ist eine Verschmelzung von hine ( הנה ) = »hier« und ani ( אני ) = »Ich«. Es bedeutet zugleich: »Hier bin ich!«, »Ich bin hier!« und »Ich... [mehr]

»Hineni« – הנני – ist Hebräisch. Es ist eine Verschmelzung von hine ( הנה ) = »hier« und ani ( אני ) = »Ich«. Es bedeutet zugleich: »Hier bin ich!«, »Ich bin hier!« und »Ich bin!« Diese besondere Wortform – eine Synthese von Person und Standortbestimmung, zugleich räumlich und geistig – ist ein der hebräischen Sprache eigentümliches Phänomen und erscheint im Alten Testament zum ersten Mal von einem Menschen ausgesprochen, wenn erzählt wird, dass Elohim, der Gott, Abraham beim Namen ruft und dieser antwortet: »Hineni!« Darauf wird erzählt, wie Abraham aufgefordert wird, Isaak zu opfern. Es ist Abraham auch der erste Mensch, von dem berichtet wird, dass ihm von jenem Gott mit dem nicht auszusprechenden Namen befohlen wurde, sich auf den Weg zu machen, ohne ein bestimmtes Ziel zu kennen, im reinen Gottvertrauen eine Reise anzutreten. Abraham – und später auch Samuel – stellen sich bedingungslos dem Ruf der göttlichen Stimme: »Hineni!«

Ein Tor zum Eigentlichen

Zur Skalierbarkeit von Imagination, Inspiration und Intuition

Die höheren Erkenntnisstufen sind nicht nur für Eingeweihte erreichbar. Die damit verbundenen Erfahrungen können unter bestimmten Bedingungen schon im alltäglichen Leben eintreten, nur werden sie dort oft nicht bemerkt,... [mehr]

Die höheren Erkenntnisstufen sind nicht nur für Eingeweihte erreichbar. Die damit verbundenen Erfahrungen können unter bestimmten Bedingungen schon im alltäglichen Leben eintreten, nur werden sie dort oft nicht bemerkt, weil sie sehr unscheinbarer Natur sind. Man muss gewissermaßen seine Denkaktivität auf die richtige Größenordnung einstellen, um sie zu bemerken. Anders gesagt: Die Begriffe Imagination, Inspiration und Intuition lassen sich skalieren.