Heft 12, 2016

Schwerpunkt: Und Friede auf Erden?

So ist der ›Friedenstanz‹ eine Komposition. Er wurde in einer vollkommen durchrhythmisierten und sinnstiftenden Form gegeben. Er ist ein Ganzes. Meditiert man ihn, lebt man mit ihm, gibt er einem einen Schlüssel in die Hand, um das Tor des Herzens zu öffnen, mit dem Herzen zu denken. Friedvoll wird das Herz, denn es lernt tiefer und tiefer zu erkennen und dadurch in die Abgründe der Seele zu schauen, ohne zu stürzen. Der ›Friedenstanz‹ erweist sich als ein Weg zum Frieden – im Sprechen davon wandelt er sich zum heilenden Wort.

- Sharon Karnieli -
Inhalt

Editorial:

Zu diesem Heft

Die neueren Bibelübersetzungen belehren uns, dass das Lukasevangelium »Friede auf Erden« nicht denen verheißt, »die guten Willens sind«, sondern den »Menschen seines Wohlgefallens«. Auch wenn es ein Unterschied ist,... [mehr]

Die neueren Bibelübersetzungen belehren uns, dass das Lukasevangelium »Friede auf Erden« nicht denen verheißt, »die guten Willens sind«, sondern den »Menschen seines Wohlgefallens«. Auch wenn es ein Unterschied ist, ob sich die Menschen Gottes Wohlgefallen erwerben müssen oder nicht: Ohne ihren guten Willen ist Friede auf Erden gewiss auch nicht möglich. Und daran scheint es immer mehr zu mangeln. Oder täuscht dieser Eindruck? Unser Brennpunkt zur Lage in der Türkei – ergänzt um eine Wortmeldung zur Wahl Donald Trumps – versucht ein differenziertes Bild zu zeichnen und die politische Finsternis durch das Licht zu erhellen, das dort in vielen Menschen dennoch leuchtet.

Brennpunkt:

Gegen den Mauerbau der Seele

Am 9. November 2016 erfährt die Welt vom Wahlausgang in Amerika. Ein deutscher Schicksalstag, an dem wir uns erinnern an die Pogrome der Reichskristallnacht und den Mauerfall. Ein Satz aus dem kollektiven Gedächtnis: »Niemand... [mehr]

Am 9. November 2016 erfährt die Welt vom Wahlausgang in Amerika. Ein deutscher Schicksalstag, an dem wir uns erinnern an die Pogrome der Reichskristallnacht und den Mauerfall. Ein Satz aus dem kollektiven Gedächtnis: »Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten« – dies verkündete die Staatsmacht der DDR, wenige Tage bevor mit dem Mauerbau begonnen wurde. Den folgenden Satz hat Donald Trump im Wahlkampf zelebriert: »We’re going to build that wall!« Eine Mauer der Abschottung will der neue Präsident errichten – nicht nur um mexikanische Immigranten abzuwehren, sondern um alles auszugrenzen, was der Besinnung Amerikas auf sich selbst im Weg steht. Dieselbe Isolations-Geste, mit der sich Grossbritannien aus der EU verabschiedet hat, zeigt sich nun in Amerika.

Ein höherer Geist?

Anmerkungen zum Putschversuch in der Türkei

Ungefähr eine Dreiviertelstunde per Fähre von Istanbul entfernt liegen die idyllischen Prinzeninseln, deren Name daher rührt, dass die Sultane des Osmanischen Reiches dorthin ihre jüngeren Brüder verbannten. Bereits... [mehr]

Ungefähr eine Dreiviertelstunde per Fähre von Istanbul entfernt liegen die idyllischen Prinzeninseln, deren Name daher rührt, dass die Sultane des Osmanischen Reiches dorthin ihre jüngeren Brüder verbannten. Bereits im Mittelalter diente Büyükada, die größte der Inseln, fünf verschiedenen byzantinischen Kaiserinnen als Exil und im 20. Jahrhundert fand der abtrünnige Kommunist Leo Trotzki hier zeitweilig Zuflucht. Die internationalen Sicherheitsexperten, die sich am 15. Juli 2016 im ›Splendid Palace Hotel‹ auf Büyükada zusammenfanden, um über die Außenpolitik des Iran zu diskutieren, dürften sich also auf ein ruhiges Wochenende in angenehmer Umgebung gefreut haben. Bekanntlich wurde daraus nichts.

Unter der Wolke der Angst

Festnahmen und Suspendierungen im Bildungswesen als Maßnahmen der Einschüchterung nach dem Putschversuch in der Türkei

»Soeben wurde Murat Özyaşar bei einer Razzia in unserer Wohnung von einer Anti-Terror-Einheit festgenommen. #MuratÖzyaşar«, twitterte die Istanbuler Journalistin Sibel Oral am 1. Oktober 2016 um 6.06 Uhr. Der kurdische... [mehr]

»Soeben wurde Murat Özyaşar bei einer Razzia in unserer Wohnung von einer Anti-Terror-Einheit festgenommen. #MuratÖzyaşar«, twitterte die Istanbuler Journalistin Sibel Oral am 1. Oktober 2016 um 6.06 Uhr. Der kurdische Schriftsteller und Lehrer Murat Özyaşar ist ihr Ehemann, erst im Frühjahr hatten die beiden geheiratet und eine Wohnung im Istanbuler Traditionsviertel Kurtuluş bezogen. Drei Wochen vor der Festnahme war eine Tochter Mavi Lorin zur Welt gekommen, am selben Tag erfuhr Özyaşar von seiner Suspendierung als Lehrer. Oral mobilisierte unverzüglich Freunde, Familie und Anwälte und zog zum Polizeipräsidium. Sie wusste weder, was ihrem Mann vorgeworfen wurde, noch wohin man ihn brachte. Stunden später erhielten die Anwälte die Auskunft, Özyaşar sei zum Flughafen gebracht worden und werde in seine Heimatstadt Diyarbakır ausgeflogen. Kontakt zu ihrem Mandanten bekamen sie nicht.

Die Gefangenschaft aber verwandelt dich in einen Samen

Zu ›Lebenslang für die Wahrheit‹ von Can Dündar

Hier schreibt einer, angetrieben durch einen unbestechlichen Gerechtigkeitswillen, einen Gerechtigkeitsmut, wie ihn die meisten von uns vielleicht nur sehr jung an sich selbst erfahren. Doch außergewöhnliche Zeiten und... [mehr]

Hier schreibt einer, angetrieben durch einen unbestechlichen Gerechtigkeitswillen, einen Gerechtigkeitsmut, wie ihn die meisten von uns vielleicht nur sehr jung an sich selbst erfahren. Doch außergewöhnliche Zeiten und Umstände schaffen außergewöhnliche Menschen, wobei die Anforderungen an den Mut exponentiell steigen. Can Dündar selbst hatte sich immer als vorsichtigen Menschen angesehen, bis er beschloss, dem »Imperium der Angst« und der Unterdrückung in der Türkei auch im Gefängnis die Stirn zu bieten.

Diese Sehnsucht ist unser

Aus der Arbeit mit Schauspielern in der Türkei

Seit einigen Jahren arbeite ich als Gastdozent für Theater an der Universität in Istanbul. Gemeinsam mit meinen Kollegen und Kolleginnen habe ich den Auftrag, jungen türkischen Bühnenkünstlern die Schauspielmethode Michael... [mehr]

Seit einigen Jahren arbeite ich als Gastdozent für Theater an der Universität in Istanbul. Gemeinsam mit meinen Kollegen und Kolleginnen habe ich den Auftrag, jungen türkischen Bühnenkünstlern die Schauspielmethode Michael Tschechows zu vermitteln. Das ist immer wieder eine beglückende Arbeit. Jedes Mal, wenn ich wieder hierherkomme, hat sich das Land verändert, leider selten zum Guten. Seit Jahren schon werden demokratische Grundwerte systematisch abgebaut und Bildungseinrichtungen für politische Zwecke missbraucht. Doch diesmal ist es schlimmer.

Interview:

»Der Traum von Ferne und Exotik«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit dem französischen Schriftsteller Mathias Enard

Beethoven besaß einen Kompass. Und dieser Kompass zeigt nach Osten. Er zeigt in den Orient. Es ist der Kompass der Erleuchtung, das Artefakt Suhrawardis, des großen persischen Philosophen und ersten Orientalisten. In seinem... [mehr]

Beethoven besaß einen Kompass. Und dieser Kompass zeigt nach Osten. Er zeigt in den Orient. Es ist der Kompass der Erleuchtung, das Artefakt Suhrawardis, des großen persischen Philosophen und ersten Orientalisten. In seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman ›Kompass‹ (aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, Hanser Berlin 2016) erschließt Mathias Enard einen faszinierenden Raum der Begegnung von Orient und Okzident. Anknüpfend an die Liebesgeschichten der Weltliteratur und getragen von einer immensen Recherche, lässt er den Wiener Musikwissenschaftler Franz Ritter in einer schlaflosen Nacht mystische Orte, historische Stätten und Vergangenheiten durchwandern. Der Leser wird hineingezogen in einen überwältigenden Strom des Zusammenwirkens abendländischer und orientalischer Einflüsse in der Musik, Literatur, Kunst und Philosophie.

Wer ist Avalokiteshvara?

Oder: Wie christlich kann der Buddhismus sein?

An einer Wand des Tempels von Banteay Chhmar in Kambodscha kann man eine Darstellung Avalokiteshvaras, des Bodhisattva des Mitgefühls sehen. Er hat mehrere Köpfe, damit er alle Not der Welt sehen kann, und 33 Arme, damit... [mehr]

An einer Wand des Tempels von Banteay Chhmar in Kambodscha kann man eine Darstellung Avalokiteshvaras, des Bodhisattva des Mitgefühls sehen. Er hat mehrere Köpfe, damit er alle Not der Welt sehen kann, und 33 Arme, damit er überall helfen kann. Die Arme sind wie Sonnenstrahlen dargestellt, die von der Mitte nach außen strahlen. Auch wenn man nichts über diesen Bodhisattva weiß, ist durch die Wirkung der Darstellung deutlich, dass man hier einem höchst bedeutsamen Wesen gegenübersteht. Nach langer Betrachtung hatte ich den Wunsch, noch innerlicher diesem Wesen zu begegnen.

Das »kleine Kind« in uns

Die Erfahrung einer imaginativen Lebensüberschau

Im Gegensatz zu allen Östlichen Meditations- und Schulungswegen, die sich durch Meditation und »mystische Versenkung« nach innen richten, um die Seele aus ihren Verhaftungen und somit von den Ursachen allen Leidens zu... [mehr]

Im Gegensatz zu allen Östlichen Meditations- und Schulungswegen, die sich durch Meditation und »mystische Versenkung« nach innen richten, um die Seele aus ihren Verhaftungen und somit von den Ursachen allen Leidens zu befreien, richtet sich die anthroposophische Seelenhaltung zunächst nach außen, auf den denkenden und wahrnehmenden, den erkennenden Menschen, um ihn durch die Meditation aus seiner durch eine grundlegende Konstitution (»Sündenfall«) bedingten Erkenntnisbeschränkung zu befreien. Konsequenterweise beschäftigt sich deshalb zum Beispiel der Buddhismus nicht mit der Erkenntnis der Natur, mit Elementargeistern, nicht mit der geistigen Welt der Hierarchien, nicht mit der Geistesgeschichte der Menschheit, aber auch nicht mit medizinischen oder pädagogischen Aufgaben, die sich aus einer solchen erweiterten Sicht auf den Menschen ergeben.

Und Friede auf Erden ...

Imagination, Inspiration, Intuition im Vaterunser und im ›Friedenstanz‹ von Rudolf Steiner

Heute sind wir als Menschheit über die Schwelle gegangen, wir befinden uns quasi im Grenzbereich zwischen Himmel und Erde. Achim Noschka sagte, wir befinden uns »zwischen dem Unsichtbaren und Sichtbaren«, einem Gebiet,... [mehr]

Heute sind wir als Menschheit über die Schwelle gegangen, wir befinden uns quasi im Grenzbereich zwischen Himmel und Erde. Achim Noschka sagte, wir befinden uns »zwischen dem Unsichtbaren und Sichtbaren«, einem Gebiet, das noch unbekannt ist, und das doch jeder mehr oder weniger aus eigener Erfahrung kennt. Meistens ist es schwer zu orten, wo man sich gerade befindet. Mit welchen Mitteln erkennt man das Gebiet, »die geistigen Bewegungen«, die da sozusagen als Landschaften auftauchen? Welche Begriffe braucht es dazu, wie ist die Landschaft zu fassen? »Im Schaffen dieser [neuen] Begrifflichkeiten [...], in dem Augenblick, wo ich an der Grenze bin zwischen dem Unsichtbaren und Sichtbaren, berge ich die geistigen Bewegungen durch entsprechende Worte«, sagte Achim Noschka in die Drei 2012.1 Die neuen Begrifflichkeiten, die entsprechenden Worte, die die geistigen Bewegungen – Achim Noschka folgend – bergen, können in den drei von Rudolf Steiner oftmals beschriebenen Stufen der höheren Erkenntnis gesucht werden. Damit ist sicher nicht ausgeschöpft, was Achim Noschka in der oben zitierten Aussage meinte. Aber wenn wir die Begrifflichkeiten in der Imagination, Inspiration und Intuition wirklich schaffen, dann erschließt sich das Gebiet, das sich auftut »zwischen dem Unsichtbaren und Sichtbaren«.

Meditationen vor der Krippe

Zum 400. Geburtstag von Andreas Gryphius

›Andreas Gryphius – Philosoph und Poet unter dem Kreuz‹ lautet der Titel eines Aufsatzes aus dem Jahr 1988. Überschaut man das lyrische Werk von Andreas Gryphius (1616-1664), so ist das Thema der Passion Christi in überwältigender... [mehr]
›Andreas Gryphius – Philosoph und Poet unter dem Kreuz‹ lautet der Titel eines Aufsatzes aus dem Jahr 1988. Überschaut man das lyrische Werk von Andreas Gryphius (1616-1664), so ist das Thema der Passion Christi in überwältigender Fülle präsent; vor allem das vierte Buch seiner Oden zeigt mit neunzehn Gedichten von der ›Einsetzung des Abendmahls‹ bis zu ›Des Herrn Begräbnis‹ die ganze Passion. Man könnte aber auch sagen: »Andreas Gryphius – Philosoph und Poet vor der Krippe«, denn auch Christi Geburt ist zu einem nicht geringen Teil Thema seiner Lyrik. Im Folgenden möchte ich das an einigen Texten zeigen.

Forum Anthroposophie:

Auferstehung im Tode?

Zum Buch ›Auferstehung denken‹ von Matthias Remenyi

In die Drei 3/2016 findet sich eine ausführliche Besprechung des kurz vorher erschienenen dreibändigen Werkes ›Auferstehung. Die Auferstehung im Werk Rudolf Steiners‹ von Frank Linde. Wenige Monate später kam das Buch... [mehr]

In die Drei 3/2016 findet sich eine ausführliche Besprechung des kurz vorher erschienenen dreibändigen Werkes ›Auferstehung. Die Auferstehung im Werk Rudolf Steiners‹ von Frank Linde. Wenige Monate später kam das Buch ›Auferstehung denken‹ von Mathias Remenyi heraus. Für die Leserschaft dieser Zeitschrift stehen sich damit ein anthroposophisches und ein theologisches Werk zum selben Thema gegenüber, letzteres als Teil einer ausgedehnten Fachliteratur. Beide Bücher sind dem Themenkreis »Eschatologie« zuzurechnen.

Feuilleton:

Schönheit als Manifest einer Stadt

Zur Ausstellung ›Venedig – Stadt der Künstler‹ im Bucerius Kunstforum

Stadt der Künstler? Stadt der Touristen? Stadt – nicht zuletzt – ihrer Bewohner? Überrascht war ich schon beim ersten Rundgang, wie viel in dieser Ausstellung auch von Menschen gezeigt wird, obwohl nicht immer aus allen... [mehr]

Stadt der Künstler? Stadt der Touristen? Stadt – nicht zuletzt – ihrer Bewohner? Überrascht war ich schon beim ersten Rundgang, wie viel in dieser Ausstellung auch von Menschen gezeigt wird, obwohl nicht immer aus allen gesellschaftlichen Schichten – ein Spektrum menschlicher Möglichkeiten, gespiegelt in der Stadt. Zwei polar einander gegenüberstehende Bildbeispiele mögen das symbolisieren: einerseits das Porträt des Dogen Leonardo Loredan, um 1501-1505 wohl von Vittore Carpaccio gemalt, und die ›Venezianische Zwiebelverkäuferin‹ von John Singer Sargent, um 1880-1882 entstanden, auf der anderen Seite. Bilder einzelner Menschen sind jedoch selten, meistens werden in der Ausstellung Gruppen dargestellt. Oft sind die so gezeigten Menschen mehr oder weniger Staffage, vor allem in den frühen Vedutenbildern. (Eine Vedute ist ein wirklichkeitsgetreues Abbild einer Stadt oder Landschaft, heute wird der Begriff meist synonym mit »Stadtbild« verwendet.) In manchen anderen Bildern aber ist die jeweilige Gruppe das Thema, wie etwa Spieler, maskierte Menschen im Karneval oder Gaukler vor dem Dogenpalast.

»Duino ist die Wolke meines Wesens«

Zu Rilkes 90. Todestag am 29. Dezember 2016

Von Triest aus fährt ein Linienbus entlang der adriatischen Küste, vorbei an dem wundersamen Schloss Miramare, dann hinauf zur Hochebene, durch DoÅNrfer mit südlichen Bäumen und Blumen. Die Straßennamen sind auf Italienisch... [mehr]

Von Triest aus fährt ein Linienbus entlang der adriatischen Küste, vorbei an dem wundersamen Schloss Miramare, dann hinauf zur Hochebene, durch DoÅNrfer mit südlichen Bäumen und Blumen. Die Straßennamen sind auf Italienisch und Slowenisch angegeben. Weiter geht es durch den Karst mit Gestrüpp und niedrigen Bäumen, wo nichts recht wachsen kann auf dem Kalkgestein. Aber da ist das Meer, das in der Weite ruhig liegt, mit einem riesigen Schwarm von weißen Segeln. Drüben in Triest ist ein Festtag mit einer Regatta. Die vielen Segel leuchten in der Ferne, wie weiße Vögel, die sich auf dem Wasser niedergelassen haben. Vögel des Meeres …

Schöpferischer Bildprozess

Zu Rembrandts ›Isaak und Rebekka‹

Ein dramatischer Augenblick: Abraham hat gerade den Arm erhoben, um seinen Sohn Isaak mit dem Messer zu töten. Da erscheint ein Engel, ergreift Abrahams Arm und das Messer fällt herab. Ein Messer im freien Fall! Rembrandt... [mehr]

Ein dramatischer Augenblick: Abraham hat gerade den Arm erhoben, um seinen Sohn Isaak mit dem Messer zu töten. Da erscheint ein Engel, ergreift Abrahams Arm und das Messer fällt herab. Ein Messer im freien Fall! Rembrandt hätte den szenischen Moment nicht günstiger wählen können. Es ist, als würde man eine Tür öffnen und plötzlich Zeuge eines Geschehens werden, das man mit einem Blick erfasst. Allerdings währt die Illusion nur kurze Zeit, dann wird klar: Hier bewegt sich nichts, alles bleibt starr und das Messer hängt weiterhin in der Luft. Bei längerem Anschauen mag das grotesk anmuten, doch wozu sollte man das tun? Man hat ja erkannt, um welche Geschichte es geht. Und so wendet man sich dem nächsten Gemälde zu, um sich erneut in einen wohligen Schrecken versetzen zu lassen, denn man weiß ja: Es ist bloß ein Bild! Und als Bild repraÅNsentiert es eine Wirklichkeit, an der man nicht teilhat.

»Eine Plastik ist kein Objekt, sie ist eine Fragestellung«

Alberto Giacometti und Bruce Nauman – Zur Produktivität einer Konfrontation in der Frankfurter Schirn

Alberto Giacometti und Bruce Nauman in einer Ausstellung? Das schien mir etwas abwegig und wenig verlockend – bis ich sie gesehen und die kluge Einführung der Kuratorin Esther Schlicht gehört hatte. Sie machte zunächst... [mehr]

Alberto Giacometti und Bruce Nauman in einer Ausstellung? Das schien mir etwas abwegig und wenig verlockend – bis ich sie gesehen und die kluge Einführung der Kuratorin Esther Schlicht gehört hatte. Sie machte zunächst deutlich: Die beiden einzelgängerischen Künstler aus verschiedenen Generationen und Erdteilen – Giacometti lebte von 1901 bis 1966 (am 10. Oktober 2016 war sein 50. Todestag) im schweizerischen Bergell und in Paris, Nauman wurde 1941 in den USA geboren – sind sich nie begegnet und der jüngere hat sich auch nie auf den älteren bezogen.

Der (Stief-)Vater des Vaterlandes

Zur bayerisch-tschechischen Landesausstellung 2016/17 über Karl IV.

Die große bayerisch-tschechische Landesausstellung, die am 15. Mai pünktlich zum 700. Geburtstag Karls IV. in Prag eröffnet wurde und nun bis zum 5. März 2017 in Nürnberg zu sehen ist, wird mit sparsamen Worten angekündigt:... [mehr]

Die große bayerisch-tschechische Landesausstellung, die am 15. Mai pünktlich zum 700. Geburtstag Karls IV. in Prag eröffnet wurde und nun bis zum 5. März 2017 in Nürnberg zu sehen ist, wird mit sparsamen Worten angekündigt: »1316 | *700 | 2016 | Karl IV. | Prag/Nürnberg«. Wer auf der Autobahn zwischen diesen Städten unterwegs ist, wird immer wieder auf die ›Via Carolina‹ hingewiesen, welche die enge Verbindung beider Orte im Leben und Wirken dieses spätmittelalterlichen Herrschers symbolisiert. Indessen wird gerade im Vergleich dieser Orte ein großer Unterschied deutlich, denn wer durch Prag geht, wird vielfach – und nicht nur an den einschlägigen tourist spots – mit dem bedeutenden Kaiser konfrontiert; doch einer wie geringen Zahl von Menschen bei uns in Deutschland ist Karl IV. geläufig! Am Ende der Ausstellung wird das sogar thematisiert: Ganz unterschiedliche Narrative sind hierzulande und in Tschechien mit seiner Person verbunden. Wäre es nicht – wenn es doch das Ziel sein muss, viele Menschen zu erreichen – sinnvoll gewesen, sich von vornherein etwas mehr Gedanken über eine angemessene, ja volkspädagogische Präsentation zu machen?

Fundstück XIX – Ein Freund nachdenklicher Stunden

In einem Regal, weit hinten in den Tiefen des Archivs hängt, zwischen vielen Portraits Rudolf Steiners und anderen Zeugnissen der Malerei, eine große gerahmte Radierung. Denkbar schlicht ist der mittelbraune Holzrahmen... [mehr]

In einem Regal, weit hinten in den Tiefen des Archivs hängt, zwischen vielen Portraits Rudolf Steiners und anderen Zeugnissen der Malerei, eine große gerahmte Radierung. Denkbar schlicht ist der mittelbraune Holzrahmen – an manchen Stellen angeschlagen, jedoch liebevoll ausgebessert. Das wellige, etwas grobe Papier zeigt Spuren, die wohl der Zahn der Zeit hinterlassen hat; sodass sich ein Gefühl der Erleichterung einstellt, es nunmehr hinter Glas gut aufgehoben zu sehen.

Das verschwundene Jesuskind

Die erzgebirgische Weihnachtspyramide kam mit der Post in einem grossen Paket: ein Familienerbstück, das nun in meinen Haushalt übergehen sollte. Vorsichtig zog ich die Einzelteile aus den überbordenden Mengen an Zeitungspapier... [mehr]

Die erzgebirgische Weihnachtspyramide kam mit der Post in einem grossen Paket: ein Familienerbstück, das nun in meinen Haushalt übergehen sollte. Vorsichtig zog ich die Einzelteile aus den überbordenden Mengen an Zeitungspapier und weichen Papierservietten heraus. Und da sich so große Haufen von altem Verpackungspapier ansammelten, entsorgte ich diese gleich in der Altpapiertonne draussen im winterlichen Dunkel des Voradventssamstagabends.

Dreigliederung und »Nervenfrage«

Eine Einladung zu einer Tagung in Belgien

1917 wird allgemein als ein geschichtliches Epochenjahr betrachtet. Die Russische Revolution, das Eingreifen Amerikas in den Ersten Weltkrieges, die Eroberung Jerusalems durch Großbritannien und die damit zusammenhängende... [mehr]

1917 wird allgemein als ein geschichtliches Epochenjahr betrachtet. Die Russische Revolution, das Eingreifen Amerikas in den Ersten Weltkrieges, die Eroberung Jerusalems durch Großbritannien und die damit zusammenhängende Balfour-Erklärung, die 32 Jahre später zur Gründung des Staates Israel führte – alles dieses ereignete sich in diesem Jahr. Es ist nicht schwer, in diesen Ereignissen die heutige Weltproblematik wie vorgebildet zu erkennen.

Buchbesprechungen:

Peter F. Tschudin:Megalithische Welten. Eine Spurensuche

Kartenhaus am Tellerrand

Olaf Daecke:Kultur - Kunst – Wirtschaft. Portraits der baden-württembergischen Region Köngen und Wendlingen

In pädagogischer Provinz

Wolfgang Hübner:Körper und Kosmos. Untersuchungen zur Ikonographie der zodiakalen Melothesie

Feinsinnig und kenntnisreich

Kristin Helber:Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns. Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land

Umfassend und wertvoll

Johannes Greiner und Sivan Karnieli:Schau in dich – Schau um dich. Ein Buch zur Eurythmie

Ansporn und Stärkung

Leserforum:

»Und wenn er sie beim Kragen hätte«

Zu ›Labortische zu Altären?‹ von Christoph Hueck in die Drei 7/2016

Nögges Nuggets: