Heft 9, 2017

Schwerpunkt: Spuren der Kabbala

»Die Brücke zwischen der Anthroposophie und der in Israel entstandenen modernen Kultur, die für spirituelle Themen erwacht ist, kann dort geschlagen werden, wo im Judentum die Pfeiler stehen, die das Leben des einzelnen Menschen und der Gesellschaft auf der Grundlage spirituellen Wissens begründen. Einer dieser Pfeiler ist der ekstatische kabbalistische Weg. Dieser kann jedoch nur individuell und aus freier Entscheidung begangen, nicht als methodische Konsumware verallgemeinert werden, denn er erfordert eine Befreiung von jenen Anteilen der Tradition, die als Ballast wirken.«

- Udi Levy -
Inhalt

Editorial:

Zu diesem Heft

Zeitgeschehen:

Wahlfieber? Nein danke!

Eine Betrachtung zur Bundestagswahl und darüber hinaus

An anderer Stelle wurde schon erwähnt, wie oft in Schlagzeilen die Begriffe Fieber und Angst erscheinen und die Öffentlichkeit dadurch unterschwellig beeinflusst wird. Vor Wahlen wird durch eine... [mehr]

An anderer Stelle wurde schon erwähnt, wie oft in Schlagzeilen die Begriffe Fieber und Angst erscheinen und die Öffentlichkeit dadurch unterschwellig beeinflusst wird. Vor Wahlen wird durch eine starke Personalisierung, Massenkundgebunden, prägnante Slogans usw. tatsächlich eine Art »Fieber« erzeugt. Neue Versprechungen und (Schein-)Hoffnungen beleben dann die Politik. Andererseits kann das Pochen auf die Qualitäten des Gewohnten durchaus als ein Schüren von Angst verstanden werden. Schon auf Konrad Adenauers Wahlplakaten hieß es: »Keine Experimente«. Die Kanzlerin liegt mit ihrem »Weiter so« und der Behauptung »Deutschland geht es gut« auf der gleichen Linie. Allerdings kontrastiert der oft wiederholte Verweis auf ihre vermeintlichen Qualitäten mit den konkreten Ergebnissen ihrer Regierungszeit – wie Spreizung der Einkommen, Rechtspopulismus, eine gescheiterte Klimapolitik, die Kritik an Deutschlands Exportüberschüssen etc. Trotzden scheint die Kanzlerin auf viele Wähler immer noch überzeugend zu wirken. Wer sich die deutschen Wahlergebnisse der letzten 30 Jahre und deren Folgen anschaut, bemerkt aber auch, dass es fast bedeutungslos war, wer gewonnen hatte, denn alle mit der Regierung betrauten Parteien haben neoliberale Politik betrieben und dabei an Profil eingebüßt.

In Wirklichkeit

Beobachtungen auf der ›documenta 14‹ in Athen

»Hiermit trete ich aus der Kunst aus.« Joseph Beuys – Hiermit schließe ich mich dem vorangestellten Aktionssatz an. Es ist Zeit, Stellung zu beziehen. Was soll man anfangen mit einer Kunstveranstaltung, die als Parallelwelt... [mehr]

»Hiermit trete ich aus der Kunst aus.« Joseph Beuys – Hiermit schließe ich mich dem vorangestellten Aktionssatz an. Es ist Zeit, Stellung zu beziehen. Was soll man anfangen mit einer Kunstveranstaltung, die als Parallelwelt fungiert – und keine Wärme, keine Zähmung, nichts an die wildfremde Wirklichkeit abgibt, dies aber zuvor ausdrücklich als ihr Anliegen formuliert: »In der Echtzeit, in der echten Welt zu agieren, in der wir leben wollen«? Die Rede ist von der ›documenta 14‹, deren erster Teil dieses Jahr in Athen stattfand. Ich war dort, ich kam, mich berühren zu lassen, denn: »Ich liebe Griechenland und Griechenland liebt mich«. Darum werde ich versuchen nicht mit einer Silbe abzuweichen in der Beschreibung dessen, was wirklich der Fall war.

»Sogar weibliche Gottheiten waren im Spiel«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit Peter Schäfer

»Die Erhöhung des Jesus von Nazareth als des Erstgeborenen vor aller Schöpfung, des menschgewordenen Gottes, des Sohnes Gottes, des Menschensohns, des Messias« – alle diese christlichen Vorstellungen einer göttlichen... [mehr]

»Die Erhöhung des Jesus von Nazareth als des Erstgeborenen vor aller Schöpfung, des menschgewordenen Gottes, des Sohnes Gottes, des Menschensohns, des Messias« – alle diese christlichen Vorstellungen einer göttlichen Zweisamkeit wurzeln im frühen Judentum, das ebenfalls viele Namen für einen zweiten Gott im Himmel hatte. Der Judaismus-Forscher Peter Schäfer stellt das Bild von einem jüdischen Monotheismus angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse infrage. In seinem Buch ›Zwei Götter im Himmel. Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike‹ (C. H. Beck, München 2017) beschreibt er, wie sich das rabbinische Judentum, das sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 nach unserer Zeitrechnung unter Federführung der Rabbinen herausbildete, angesichts des entstehenden Christentums wieder auf seine frühen Vorstellungen zweier Götter besann. Die Vorstellung eines zweiten Gottes im Himmel wurde von Rabbinen und jüdischen Mystikern über die Jahrhunderte weiterentwickelt.

Schwerpunkt: Judentum und Israel

Weltensamen

Zugänge zur Kabbala im Werk von Nelly Sachs

Ihr Leben lang rang Nelly Sachs (1891–1970) darum, die rechte Sprache zu finden. Was konnte Sprache leisten – über die Mitteilung subjektiver Sichtweisen und Befindlichkeiten hinaus? Welches war die eigentlich schöpferische... [mehr]

Ihr Leben lang rang Nelly Sachs (1891–1970) darum, die rechte Sprache zu finden. Was konnte Sprache leisten – über die Mitteilung subjektiver Sichtweisen und Befindlichkeiten hinaus? Welches war die eigentlich schöpferische Dimension von Sprache? Im letzten Augenblick durch die energische Intervention einer Freundin vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerettet, wurde sie 1940 in Schweden zur Exilantin. Dort lebte sie nicht nur geographisch und politisch im Exil, sondern auch sprachlich. Die sprachliche Heimat ihrer ersten Lebenshälfte – im Deutschen – war durch den Missbrauch, den das verbrecherische Regime an ihr verübte, korrumpiert und diskreditiert, sie musste erst wieder geläutert, gerettet, ja neu geschaffen werden. Und dann war da noch das Hebräische als Herausforderung der eigenen jüdischen Existenz, zu der sie durch die Verfolgung schmerzhaft erwacht war und deren Tradition sie sich inzwischen bewusst zugewandt hatte. In Deutschland hatte sie sich vor allem mit Thora und Talmud beschäftigt, doch nun entdeckte sie die Kabbala und die Spiritualität der osteuropäischen Chassidim – letztere vermittelt durch die Beschäftigung mit Martin Buber, erstere durch die Lektüre der Schriften Gershom Scholems sowie des jüdischen Anthroposophen Ernst Müller.

Lichtgewinn aus Distelähnlichem

Mit Paul Celan in der Kabbalisten-Stadt Safed

Eines der spannendsten Fotos, das ich bei den Recherchen zu meinem Film ›Gottes zerstreute Funken. Jüdische Mystik bei Paul Celan‹ sah, zeigte den Dichter vor den Gräbern großer Kabbalagelehrter in Safed. Celan... [mehr]

Eines der spannendsten Fotos, das ich bei den Recherchen zu meinem Film ›Gottes zerstreute Funken. Jüdische Mystik bei Paul Celan‹ sah, zeigte den Dichter vor den Gräbern großer Kabbalagelehrter in Safed. Celan hatte 1969 während seiner Israelreise einen Abstecher in dieses spirituelle Zentrum gemacht, um das Grab des Mystikers Isaac Luria (1534–1572) zu besuchen, der im 16. Jahrhundert eine völlig neue Deutung der Kabbala vorgelegt hatte. Auch mich hatte Lurias Interpretation schon lange fasziniert, und erst die Entdeckung, dass Celan davon beeinflusst war, führte zu der Entscheidung, einen Film über diesen von Tragik umwölkten Dichter zu riskieren. Ich hatte die Lurianische Kabbala über die Kunst von Anselm Kiefer kennengelernt, zuerst über geheimnisvolle Bildtitel wie ›Bruch der Gefäße‹, ›Zimzum‹, ›Schechina‹ und ›Sefiroth‹. Dann durch die Kabbalastudien von Gershom Scholem, die mir diese Begriffe verständlicher machten, mit denen Luria versucht hatte, die brutale Vertreibung der Juden aus Spanien mit seinem Gottesbegriff zusammenzudenken. Gott, so seine Hypothese, muss sich bereits am Anfang der Schöpfung zurückgezogen haben, um die freie Entwicklung der Welt nicht zu gefährden (Zimzum). Seine wenigen Lichtstrahlen waren aber immer noch so mächtig, dass die ersten Seinsformen (»Gefäße«) zerbrachen  und ihre Scherben von nun an durch das All schwirrten (Shevirat Ha kelim). An ihren Rändern aber kleben noch göttliche Lichtfunken, die der spirituell Suchende einsammeln und neu zusammensetzen kann, im Akt des Tikkun, was übersetzt »Reparatur der Welt« heißt.

Lebendige Mystik

Zur Aktualität der Kabbala im Israel der Gegenwart

Im Jahre 2006 fand in Winterthur unter dem Titel ›Das jüdische Winterthur‹ eine Ausstellung statt. Ich wurde dem Präsidenten der dortigen »israelitischen Gemeinde« – der Begriff »jüdische« wird auffälligerweise... [mehr]

Im Jahre 2006 fand in Winterthur unter dem Titel ›Das jüdische Winterthur‹ eine Ausstellung statt. Ich wurde dem Präsidenten der dortigen »israelitischen Gemeinde« – der Begriff »jüdische« wird auffälligerweise umgangen – auf der Vernissage vorgestellt. Er lud mich zum bevorstehenden Passahfest ein. Eine gemeinsame Bekannte war dabei und sagte daraufhin zu ihm: »Lass ihn in Ruh’, er ist Israeli!« Eine Schweizer Kultur- und Religionsgemeinde nennt sich also »israelitisch«, betrachtet jedoch die eigentlichen Israelis als in religiösen Fragen ignorant, uninteressiert und ohne Glauben. Dann hielt eine Rabbinerin(!) der konservativen Bewegung – die behauptet fortschrittlich und nicht orthodox zu sein – einen Vortrag. Sie lehnte es strikt und kategorisch ab, meine anschließende Frage zu beantworten, ob sie etwas über die Messiaserwartung im Judentum sagen könne. Wollte sie diese Frage mit einem Israeli nicht diskutieren? Im Nachhinein meinte ich etwas verstanden zu haben: dass die Beziehung der Menschen jüdischer Herkunft zu Religion, Transzendenz und Mystik in Europa eine andere ist als in Israel. Und dass es – jenseits von gegenseitigen Vorurteilen und unbegründeten Ansichten – interessant wäre, einmal den Versuch zu wagen, diese Differenzen und deren Entstehung zu untersuchen.

Forum Anthroposophie:

Die »Evidenz der Lebenstatsachen«

Annäherungen an Karl König

Der Arzt und Heilpädagoge Karl König war eine herausragende Figur des vergangenen Jahrhunderts und der anthroposophischen Bewegung. Lange Jahre war er auch ein Flüchtling in Europa. Zwei Neuerscheinungen zu Königs 50.... [mehr]

Der Arzt und Heilpädagoge Karl König war eine herausragende Figur des vergangenen Jahrhunderts und der anthroposophischen Bewegung. Lange Jahre war er auch ein Flüchtling in Europa. Zwei Neuerscheinungen zu Königs 50. Todestag geben Anlass, diese besondere Persönlichkeit neu ins Bewusstsein zu rücken.

Feuilleton: Judentum und Israel

Engel aus Gras

Zu Ansgar Martins: ›Adorno und die Kabbala‹

Als ich Ende der 1970er Jahre an der Freien Universität Berlin zu studieren begann, war Theodor W. Adorno in aller Munde – nicht nur in Philosophie und Soziologie, sondern ebenso in Germanistik und Musikwissenschaft. Seine... [mehr]

Als ich Ende der 1970er Jahre an der Freien Universität Berlin zu studieren begann, war Theodor W. Adorno in aller Munde – nicht nur in Philosophie und Soziologie, sondern ebenso in Germanistik und Musikwissenschaft. Seine scharfsinnigen Gesellschaftsanalysen sowie seine subtilen Studien zu Literatur und Musik begeisterten viele, auch mich, der ich 1985 über seine Kunsttheorie promovierte.

Feuilleton:

Die grünen Fenster

Erste Betrachtung zu den Fenstermotiven im Großen Saal des Goetheanums

Betritt man den Großen Saal des Goetheanums, so fallen einem sofort die Fenster auf, die alles in farbiges Licht tauchen. Bei näherer Betrachten beginnen diese sich zu offenbaren und zeigen Erlebnisse und Stationen auf... [mehr]

Betritt man den Großen Saal des Goetheanums, so fallen einem sofort die Fenster auf, die alles in farbiges Licht tauchen. Bei näherer Betrachten beginnen diese sich zu offenbaren und zeigen Erlebnisse und Stationen auf dem Weg, der von der physischen in die geistige Welt führt. Hier wird in künstlerischer Form viel mehr gesagt, als ein ganzes Buch beschreiben könnte, denn man sieht schon auf Anhieb nicht nur verschiedene Gestalten mit ihrem individuellen Ausdruck, sondern auch ihre Anordnung, ihre Beziehungen untereinander, sowie die Unterschiede zwischen Nord- und Südseite. In diesem und drei kommenden Heften wird der Versuch unternommen, eine Beschreibung der Fensterbilder selbst und der bei ihrer Betrachtung möglichen Erlebnisse vorzunehmen. Jeder Artikel ist so aufgebaut, dass die Beschreibung zuerst den Skizzen Rudolf Steiners nachspürt, die er für jene Künstler gezeichnet hat, die mit der künstlerischen Ausführung der Fenster des ersten Goetheanums beauftragt waren. Dafür durfte ich die Originale im Rudolf Steiner Archiv studieren. Die Erkenntnisse, die mir daraus entstanden sind, habe ich anschließend in einem interpretatorischen Teil dargestellt. Denn einerseits geht es mir um die genaue Wahrnehmung, und andererseits bin ich mir sehr bewusst, dass jeder Interpret das Wahrgenommene nur durch seine eigene, persönliche Sicht zu erhellen versucht. Insofern kann meine Interpretation nur ein Angebot sein.

Aus meiner europäischen Jukebox

Ich und Europa VII

Zwei musikalische Reiseentdeckungen aus diesem und dem letzten Sommer stellen die Folie dar für aphoristische Fragen an Europa und Gedanken zu seiner Zukunft.

Rosenkreuzertum und Tantrismus

Ein Forschungskolloquium zum Verhältnis von Anthroposophie und Buddhismus

Im Rahmen des Forschungsprojekts ›Perspektiven und Konzepte interreligiösen Dialogs und Lernens – Beiträge aus Anthroposophie und Waldorfpädagogik‹ fand am 29. und 30. April 2017 am Institut für Waldorfpädagogik,... [mehr]

Im Rahmen des Forschungsprojekts ›Perspektiven und Konzepte interreligiösen Dialogs und Lernens – Beiträge aus Anthroposophie und Waldorfpädagogik‹ fand am 29. und 30. April 2017 am Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität in Mannheim ein vertiefendes Forschungskolloquium zum Verhältnis von Anthroposophie und Buddhismus statt. Mit Thich Dhuc Thinh, einem Mönch der vietnamesischen Li-Chi-Schule, dem Buddhismusforscher Volker Zotz, Schüler und Nachfolger von Lama Anagarika Govinda in der Leitung des Arya-Maitreya-Mandala-Ordens sowie dem Organisator der seit 2015 in Stuttgart situierten Begegnungen zwischen anthroposophischen und buddhistischen Meditationslehrern, Andreas Neider, sollten die Perspektiven eines möglichen Dialogs ausgelotet werden.

Sommerlicher Aufbruch ins Unerwartete

Über die ›Living Connections‹-Konferenz zur anthroposophischen Meditation am Goetheanum

In hochsommerlicher Stimmung und bei Temperaturen bis zu 37 Grad fand vom 7.–9. Juli 2017 die ›Living-Connections‹-Konferenz am Goetheanum mit insgesamt etwa 450 Teilnehmern aus aller Welt statt. Vorbereitet hatte diese... [mehr]

In hochsommerlicher Stimmung und bei Temperaturen bis zu 37 Grad fand vom 7.–9. Juli 2017 die ›Living-Connections‹-Konferenz am Goetheanum mit insgesamt etwa 450 Teilnehmern aus aller Welt statt. Vorbereitet hatte diese groß angelegte Konferenz die ›Goetheanum-Meditation-Initiative-Worldwide‹, die vor sieben Jahren auf Anregung von Arthur Zajonc und anderen am Goetheanum und in Järna/Schweden entstanden ist. Diese Initiativgruppe mit einem Kern aus zwölf Menschen und einem erweiterten Kreis von mittlerweile etwa 75 Menschen aus allen Teilen der Welt, vor allem aber aus dem Westen, hatte einen großen Rahmen aufgespannt, in dem es tatsächlich möglich wurde, anthroposophische Meditation und Spiritualität in einer großen Offenheit und Weite zu erfahren.

Kurz notiert:

Kurz notiert

Seite: 79

Buchbesprechungen:

Hans-Jürgen Scheurle:Das Gehirn ist nicht einsam. Resonanzen zwischen Gehirn, Leib und Umwelt

Neue Aspekte der Hirnforschung

Roland van Vliet:Wer, denken die Menschen, bin ich? Eine Christologie der Liebe

Kenntnisreich und persönlich

Jean-Claude Lin:Heimkehren – Die Kunst des Haiku

Die Kunst des Augenblicks

Carolin Emcke:Gegen den Hass

Diagonal zu lesen

Leserforum:

Herz und/oder Hirn?

Zu ›Der Punkt ohne Wiederkehr‹ von Hans-Jürgen Scheurle in die Drei 5/2017

Nögges Nuggets:

Endlich ein Trost