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Zu Besuch in Donetsk

Eine Reise durch den Osten Europas im Januar 2017 – Teil I

Am Grenzübergang Die russische Seite der Grenze zur Ost-Ukraine. Wir Passagiere unseres Busses sollen alle raus, alles mitnehmen, uns in einem Raum in Reih und Glied aufstellen, Gepäck auf den Boden vor... [mehr]

Am Grenzübergang Die russische Seite der Grenze zur Ost-Ukraine. Wir Passagiere unseres Busses sollen alle raus, alles mitnehmen, uns in einem Raum in Reih und Glied aufstellen, Gepäck auf den Boden vor uns. Ein Soldat mit Hund kommt herein und läuft die Reihe entlang. Der Hund schnüffelt und findet nichts. Wir dürfen weiter. Gepäck durchleuchten, Leibesvisite, Passkontrolle. Die Frau hinterm Glas schaut nicht einmal zu mir hoch, und doch fühle ich mich geprüft. Strenge Miene und das Gewicht der Macht auf ihren mit Abzeichen geschmückten Schultern. Der Busfahrer wollte mich in Rostow nicht mitnehmen, obwohl ich ein Ticket hatte: »Das gibt Probleme an der Grenze.« Da müsse er dann Stunden warten, bis er weiterkönne. Schließlich, mit schmollender Gebärde, ließ er mich doch hinein. Jetzt steht er auf der anderen Seite der Grenze und schaut nervös zu den Wartenden in der Schlange herüber. Die Frau prüft, wendet, scannt und scheint nicht weiterzukommen. Tippt in einen Computer, schaut, prüft, wendet. Dann geht sie zum Schalter nebenan, berät sich. Nun muss man auch dort lange warten, bis es weitergeht. Schließlich kommt sie zurück, macht einen Eintrag mit Kugelschreiber neben mein Russlandvisum und reicht mir den Pass, als ob alles wie immer sei – streng, normal, ordentlich.

Ein Land im Aufbruch

Eindrücke von einer Reise nach Kiew im April 2018

Der Kiewer Taxifahrer »Do you speak English?« - »I speak Google!« Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt unterhalten wir uns mit Hilfe des Internets: Er spricht laut und deutlich in sein Handy, oben... [mehr]

Der Kiewer Taxifahrer »Do you speak English?« - »I speak Google!« Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt unterhalten wir uns mit Hilfe des Internets: Er spricht laut und deutlich in sein Handy, oben auf dem Bildschirm erscheinen die Worte in kyrillischer Schrift, unten auf Deutsch. Dann bin ich dran. Nach einigem Hin und Her über Wetter und Verkehr frage ich, wie sich die Ukraine in den letzten 20 Jahren verändert habe. Er: »Es ist schlechter geworden.« – »Was war früher besser?« – Er, nach einer Pause: »Die Menschen. – Ich war früher besser.« Pause, Lächeln: »Ich war jünger …« Über Politik möchte er nicht gern reden: »Ich brauche keine Politik, ich brauche gute Polizei.« Er stammt aus Russland, hat ein Häuschen in Odessa und war als sowjetischer Soldat in Wladiwostok und Moskau, zu DDR-Zeiten auch mal in Ostberlin. Für ihn war es früher wohl besser.

Kooperatives Verrechnungsgeld oder nationalstaatliches Vollgeld?

In der Schweiz findet am 10. Juni 2018 eine Volksabstimmung über die Frage statt, wer in Zukunft den Franken herstellen soll: private Banken oder die Nationalbank. Initiiert wurde die Abstimmung von der »Vollgeld-Initiative«.... [mehr]

In der Schweiz findet am 10. Juni 2018 eine Volksabstimmung über die Frage statt, wer in Zukunft den Franken herstellen soll: private Banken oder die Nationalbank. Initiiert wurde die Abstimmung von der »Vollgeld-Initiative«. Mit dem Vollgeld würde das Geld einen Charakter bekommen, der einer kooperativen Weltwirtschaft entgegenläuft. Was wir brauchen, ist nicht ein staatliches Vollgeld, sondern ein aus den wirtschaftlichen Verhältnissen heraus geschaffenes Verrechnungsgeld.

Mensch werden in Ahrimans Welt

Der nachfolgende Text führt in essayistischer Art – die immer wieder übergeht in meditativ vertiefte Gedanken- und Erlebnisformen – einen Weg, durch den ein inneres Hinblicken und fühlendes Erkennen der Wirksamkeit... [mehr]

Der nachfolgende Text führt in essayistischer Art – die immer wieder übergeht in meditativ vertiefte Gedanken- und Erlebnisformen – einen Weg, durch den ein inneres Hinblicken und fühlendes Erkennen der Wirksamkeit und weltumspannenden Macht Ahrimans möglich wird. Das wirkliche Erkennen bildet schon einen Widerstand, der sein Vorbild findet in Widar, dem schweigenden Asen aus der Edda. Dieses Hinblicken, Teilnehmen und zugleich Widerstehen wird schließlich so intensiv, dass sich am Ende etwas umwenden kann. Das geschieht durch das Unvorhersehbare und Neue, das sich zwischen den Menschen ereignet.

Parteiendämmerung

oder: Das Ringen um eine »stabile« Regierung

Nach der Wahl ist vor der Qual. Das Bemühen um eine Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2017 erschien stellenweise wie ein Stück aus dem Tollhaus. Nach vier Verhandlungswochen von CDU/CSU, Grünen und FDP beendete... [mehr]

Nach der Wahl ist vor der Qual. Das Bemühen um eine Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2017 erschien stellenweise wie ein Stück aus dem Tollhaus. Nach vier Verhandlungswochen von CDU/CSU, Grünen und FDP beendete der FDP-Vorsitzende Christian Lindner unerwartet (?) die »Jamaika«-Gespräche, und eine von vielen für sicher gehaltene Regierungsoption löste sich auf. Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier allen Parteivorsitzenden ins Gewissen geredet hatte, folgte bei der SPD auf strikte Ablehnung die allmähliche Annäherung an eine Regierungsbeteiligung, da die Kanzlerin ausgeschlossen hatte, eine Minderheitsregierung zu führen.

Zum Beispiel: Rumänien

Ein Land auf der Kulturscheide Europas

Auf der Leipziger Buchmesse im März spielte Rumänien die Rolle des Gastlandes. Ein Wort, das die gegenwärtige rumänische Literatur wie die sozialen Netzwerke dieses Landes durchzieht, ist »rezist« – zu deutsch: widerstehen.... [mehr]

Auf der Leipziger Buchmesse im März spielte Rumänien die Rolle des Gastlandes. Ein Wort, das die gegenwärtige rumänische Literatur wie die sozialen Netzwerke dieses Landes durchzieht, ist »rezist« – zu deutsch: widerstehen. Damit ist vor allem der Widerstand gegen die korrupte politische Klasse Rumäniens gemeint, der immer wieder in großen Demonstrationen zum Ausdruck kommt. Die folgende Darstellung möchte einen Beitrag zum Verständnis dieses Landes leisten, dessen Probleme aus seiner besonderen Lage heraus erklärt werden können.

#EyeToo

Ich will gerade die Straße überqueren, da trifft mich ein blauer Lichtstrahl. Unwillkürlich schaue ich mich um, nach einer Radarfalle – aber, Gott im Himmel, ich bin doch zu Fuß unterwegs. Dann suche ich tatsächlich... [mehr]

Ich will gerade die Straße überqueren, da trifft mich ein blauer Lichtstrahl. Unwillkürlich schaue ich mich um, nach einer Radarfalle – aber, Gott im Himmel, ich bin doch zu Fuß unterwegs. Dann suche ich tatsächlich den Himmel ab, ob vielleicht eine Drohne ...? Nach dem Blitz kommt der Donner, prasselnd geht der Hagel nieder, es ist ein Gewitter. Ein erschreckender Jahresbeginn, Anfang 2018. Obwohl ich elektronisch abstinent lebe und dies keineswegs als Verzicht, sondern als Wohltat empfinde, nehme ich offensichtlich teil am Wahnsinn der Zeit. Wie könnte es sonst sein, dass ich eine überraschende Lichterscheinungn automatisch als technisch verorte? Das blaue Licht spottet meiner Geistesgegenwart.

Illusion und Inspiration

Anthropomorphe und kryptoreligiöse Motive des Transhumanismus

»Die Wissenschaft denkt nicht«: Dieser starke Satz Martin Heideggers kam mir schon während meiner Studienzeit in München des Öfteren in den Sinn, wenn mein anfänglicher Respekt vor Mathematik- oder Physikstudenten bei... [mehr]

»Die Wissenschaft denkt nicht«: Dieser starke Satz Martin Heideggers kam mir schon während meiner Studienzeit in München des Öfteren in den Sinn, wenn mein anfänglicher Respekt vor Mathematik- oder Physikstudenten bei gemeinsamen Verständnisbemühungen in Philosophie-Arbeitskreisen wie Butter in der Sonne dahinschmolz. Gerade neuerdings drängte sich mir der Satz erneut auf, diesmal aber nicht angesichts verzeihlicher studentischer Unreife, sondern angesichts eines Artikels mit dem Titel ›Unsere Nachfahren werden Maschinen sein‹, der am 23. Oktober in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ erstmals in deutscher Übersetzung ganzseitig publiziert wurde. Bei seinem Autor, Martin Rees, handelt es sich jedoch nicht um einen wissenschaftlichen Anfänger, sondern um einen der renommiertesten Wissenschaftler der Gegenwart. Der 1942 in York geborene Astronom der Cambridge University wurde seit 1984 aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit mit hochdotierten Auszeichnungen − vom Albert Einstein World Award of Science (2003) bis zur Isaac Newton Medaille (2012) − geradezu überhäuft, schliesslich sogar in den Adelsstand erhoben worden (Baron Rees of Ludlow) und war ein halbes Jahrzehnt, von 2005 bis 2010, Präsident der Royal Society (PRS), der bedeutendsten britischen Gelehrtengesellschaft.

Welten-Wechsel

Ein Samstag in Stuttgart

Ein freier Samstag in Stuttgart und die Möglichkeit, bei der ›VR Expo‹ in virtuellen Welten herumspazieren zu können – ein Fingerzeig, sich doch einmal mit einem verhältnismäßig unvertrauten Ambiente auseinanderzusetzen?... [mehr]

Ein freier Samstag in Stuttgart und die Möglichkeit, bei der ›VR Expo‹ in virtuellen Welten herumspazieren zu können – ein Fingerzeig, sich doch einmal mit einem verhältnismäßig unvertrauten Ambiente auseinanderzusetzen? Neugierig machten wir uns auf den Weg. Ein Einkaufszentrum – das ›Gerber‹ – als Ausstellungsort. Hinter bunten Turnschuhen befanden sich verschiedene Stände, ein paar Aufsteller mit bunten Bildern und spacig klingenden Namen – und Tische mit Computern. Ziemlich unspektakulär auf den ersten Blick.

Gesellschaftliche Resilienz

Anmerkungen zu einer notwendigen Qualität

Wer kennt nicht die schnappschussartige Erinnerung an eine einzelne Szene oder an einen einzelnen ausgesprochenen oder geschriebenen Satz, vielleicht weit zurückliegend, aber noch lebendig, wie wenn es eben gewesen wäre?... [mehr]

Wer kennt nicht die schnappschussartige Erinnerung an eine einzelne Szene oder an einen einzelnen ausgesprochenen oder geschriebenen Satz, vielleicht weit zurückliegend, aber noch lebendig, wie wenn es eben gewesen wäre? Die meisten damals erwachsenen Menschen erinnern sich beispielsweise genau an die konkrete Situation, in der sie sich befanden, als sie am 11. September 2001 die Nachricht von den brennenden und einstürzenden Wolkenkratzern in New York erreichte. Oft ist im Moment allerdings nicht einmal so klar, weshalb sich gerade diese Erinnerung so tief eingegraben hat. Viel später erst, im Rahmen eines selber oder von anderen thematisierten Zusammenhangs, taucht diese plötzlich wieder auf und fügt sich in ein aktuelles Thema ein. Von zwei solchen Erinnerungen ist hier die Rede – und anschließend von ihrer Einordnung in das Thema ›gesellschaftliche Resilienz‹.

Politik-Lese

Jeder sechste Bundesbürger lebt in Deutschland offiziell in Armut. Ein Fünftel der Erwerbstätigen ist im Niedriglohnsektor beschäftigt. Diese Elendsskala erfasst noch nicht die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Diese... [mehr]

Jeder sechste Bundesbürger lebt in Deutschland offiziell in Armut. Ein Fünftel der Erwerbstätigen ist im Niedriglohnsektor beschäftigt. Diese Elendsskala erfasst noch nicht die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Diese nackten Zahlen hätten einen anderen Wahlausgang erwarten lassen. Doch was gab es zu wählen für dieses Land, das eine neue Sozialpolitik braucht?  Außer der Linken, die weiterhin unter sozialistischem Ideologieverdacht steht, gibt es keine Partei, die sich radikal zur gesellschaftlichen Wirklichkeit bekennt. Die Linke trägt schwer an ihrem Erbe, ihre politische Theorie ist Vergangenheit, daher kommt sie mit ihren Zielen nicht in der Gegenwart an. Doch sie zeigt sich immerhin an der Realität orientiert. Alle anderen Parteien leiden mehr oder minder an Realitätsverlust. Ihre in der Vergangenheit konzipierten Identitäten sind weggebrochen.

Die Insel der Zufriedenen

Die Idee einer sogenannten Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, Grünen und FDP fasziniert seit der Bundestagswahl 2005 wenn nicht die Bevölkerung, so doch die Protagonisten des politischen Diskurses in Deutschland. Der Begriff... [mehr]

Die Idee einer sogenannten Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, Grünen und FDP fasziniert seit der Bundestagswahl 2005 wenn nicht die Bevölkerung, so doch die Protagonisten des politischen Diskurses in Deutschland. Der Begriff selbst wurde rund zehn Jahre früher im rheinischen Dormagen geprägt, als dem Redaktionsleiter eines örtlichen Anzeigenblatts, der gerade einen Karibik-Urlaub vorbereitete, die Ähnlichkeit zwischen der jamaikanischen Flagge und der Farbkombination einer möglichen Koalition im Stadtrat auffiel, dessen Wahl 1994 anstand. Aber erst 2005 verdrängte dieser Begriff den der »Schwarzen Ampel« oder »Schwampel«, der schon früher für dieselbe politische Konstellation erfunden worden war. Das war kein Zufall: »Schwampel« klingt nach einem widernatürlichen Hybrid, und als ein solches erschien die Verbindung von Christdemokraten und Grünen, solange jene noch von Helmut Kohl und diese von Alt-68ern angeführt wurden. Nachdem aber Angela Merkel durch politischen Vatermord an die Spitze ihrer Partei gelangt war und sie mit zäher Klugheit auf Modernisierungskurs gebracht hatte, erschien die Vorstellung eines solchen Bündnisses nicht mehr als abwegig, sondern als reizvolle, wenn auch ferne Perspektive. Dazu passte der Name der exotischen Karibikinsel viel besser.