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»Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist ...«

Zur Erinnerung an Siegfried Nacht (1878–1956)

Unter den Hörern Rudolf Steiners an der Berliner Arbeiterbildungsschule befanden sich auch Anarchisten, von denen einige unter polizeilicher Beobachtung standen. Dies betraf vor allem Siegfried Nacht (1878–1956), der wenig... [mehr]

Unter den Hörern Rudolf Steiners an der Berliner Arbeiterbildungsschule befanden sich auch Anarchisten, von denen einige unter polizeilicher Beobachtung standen. Dies betraf vor allem Siegfried Nacht (1878–1956), der wenig später steckbrieflich als Terrorist europaweit gesucht wurde. In seinen revolutionären Schriften (die auch unter den Pseudonymen Arnold Roller und Stephen Naft erschienen) plädierte er für den Generalstreik als Mittel des gesellschaftlichen Wandels. Langfristiges Ziel war die soziale Revolution mit selbstverwalteten Arbeiterkollektiven. Nacht gilt bis heute als klassischer Theoretiker des revolutionären Syndikalismus. Steiner hat ihn in einem Vortrag 1918 namentlich erwähnt und während der Dreigliederungszeit auch zum Syndikalismus Stellung bezogen.

Schiller bei den Proletariern

Zu Friedrich Schillers Geburtstag am 10. November und zur Gründung der Waldorfschule 1919

Die Schiller-Rezeption in Deutschland war im 19. Jahrhundert zunächst ein bürgerliches Unternehmen. Friedrich Schiller wurde zum Nationaldichter, zum Vorkämpfer für ein nationales Selbstbewusstsein und für die nationale... [mehr]

Die Schiller-Rezeption in Deutschland war im 19. Jahrhundert zunächst ein bürgerliches Unternehmen. Friedrich Schiller wurde zum Nationaldichter, zum Vorkämpfer für ein nationales Selbstbewusstsein und für die nationale Einheit. Dass er eine solche Vereinnahmung vehement zurückgewiesen hätte, wurde einfach ignoriert. Schiller hatte dazu, geradezu vorausschauend, an seinen Freund Christian Gottfried Körner geschrieben: »Es ist ein armseliges, kleinliches Ideal, für eine Nation zu schreiben; einem philosophischen Geist ist diese Grenze durchaus unerträglich. Dieser kann bei einer so wandelbaren zufälligen und willkürlichen Form der Menschheit, bei einem Fragmente (und was ist die wichtigste Nation anders?) nicht stille stehn.«

Entwicklungsgrundlagen eines freien Geisteslebens

Die soziale Dreigliederung als Aufgabe der Waldorfpädagogik – Teil I

Ihr 100-jähriges Jubiläum feierten die Waldorfschulen in diesem Jahr mit großen, öffentlich wirksamen Veranstaltungen. Das rief notwendig auch die Kritiker auf den Plan. In besonders perfider Weise hat sich das ARD-Magazin... [mehr]

Ihr 100-jähriges Jubiläum feierten die Waldorfschulen in diesem Jahr mit großen, öffentlich wirksamen Veranstaltungen. Das rief notwendig auch die Kritiker auf den Plan. In besonders perfider Weise hat sich das ARD-Magazin ›Kontraste‹ diesen Feierlichkeiten gewidmet. Moderatorin Eva-Maria Lemke gratuliert zunächst süffisant zum Jubiläum, um im Anschluss die Vertreter dieser Pädagogik nach allen Regeln der Kunst zu diffamieren: Die Eltern wüssten wohl nicht genau, wo sie ihre Kinder da hinschicken. Sie hätten vielmehr ein »heiles Bio-Bild« oder glaubten an ein »Lernen ohne Leistungsdruck«. Dabei folgten die Anhänger dieser Pädagogik den Lehren des Okkultisten Rudolf Steiner.

Wie kommt Neues in die Welt?

Von der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung – Teil I

Nicht nur im Hinblick auf Umwelt- und Klimaschutz scheint die gegenwärtige Situation von Mensch und Welt aussichtslos zu sein. Die wirklich Mächtigen dieser Erde wollen keine Veränderungen und machen manches bereits Erreichte... [mehr]

Nicht nur im Hinblick auf Umwelt- und Klimaschutz scheint die gegenwärtige Situation von Mensch und Welt aussichtslos zu sein. Die wirklich Mächtigen dieser Erde wollen keine Veränderungen und machen manches bereits Erreichte sogar wieder rückgängig. Einen Hoffnungsschimmer bietet da die weltweit erwachende junge Generation, die den Freitag zum Zukunftstag erklärt und zu einem globalen und generationsübergreifenden Klimastreik aufgerufen hat. Egal, was sie faktisch erreichen kann, bedarf sie unserer Unterstützung. Doch wie kann diese aussehen? – Tatsächlich befindet sich die Menschheit in einem Dilemma. Die Lage scheint ein Handeln zu erfordern, wie es nur diejenigen durchsetzen können, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. Doch diese sind – gewollt oder ungewollt – Teil eines Systems, das die herrschenden Verhältnisse hervorgebracht hat. Lässt sich dieses System aus sich heraus verändern? Sind wir zur Ohnmacht verdammt? Wessen bedarf es, damit wirklich Neues in die Welt Einlass finden kann?

Untergang und Aufgabe

Oswald Spengler und Rudolf Steiner

Vor einem Jahrhundert erschienen die beiden Bände eines monumentalen Werkes, das zu den meistgelesenen Büchern der Weimarer Republik gehörte und bis heute eines der umstrittensten Werke der Geschichtsphilosophie ist: Oswald... [mehr]

Vor einem Jahrhundert erschienen die beiden Bände eines monumentalen Werkes, das zu den meistgelesenen Büchern der Weimarer Republik gehörte und bis heute eines der umstrittensten Werke der Geschichtsphilosophie ist: Oswald Spenglers ›Der Untergang des Abendlandes. Umrisse eine Morphologie der Weltgeschichte‹, dessen erster Band ›Gestalt und Wirklichkeit‹ 1918 und dessen zweiter Band ›Welthistorische Perspektiven‹ 1922 veröffentlicht wurde. Der Titel ist zu einem politischen, wenn auch oft ironisch gebrauchten Schlagwort geworden, das mit jeder neuen Krise die Geister mobilisiert. Lange Jahre in Vergessenheit geraten, erlebten Autor und Werk im Spengler-Jahr 2018 eine bescheidene Renaissance sowohl in Presse und Rundfunk als auch im universitär-akademischen Kontext. So veranstaltete die neu gegründete ›Oswald Spengler Society‹ ihre erste Konferenz und verlieh dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq – jüngst weithin diskutiert wegen seines Romans ›Die Unterwerfung‹ (2015) – im Oktober vergangenen Jahres in Brüssel den ersten ›Oswald-Spengler-Preis‹.

»Im Anfang war das Wort ...«

Zur dialogischen Konstitution des Menschseins anhand eines Gedichtes von Friedrich Hölderlin

»Im Anfang war das Wort« – der Logos, sagt Johannes zu Beginn seines Evangeliums. Die Anfänglichkeit und die Wortung – oder besser partizipial formuliert: das Wortende – werden damit auf eine gleichermaßen exponierte ... [mehr]

»Im Anfang war das Wort« – der Logos, sagt Johannes zu Beginn seines Evangeliums. Die Anfänglichkeit und die Wortung – oder besser partizipial formuliert: das Wortende – werden damit auf eine gleichermaßen exponierte  Seinshöhe gestellt. Sie müssen folglich auch eine innerliche Nahbeziehung, ja eine Wesensverwandtschaft aufweisen. Im Anfang kann nichts anderes gewesen sein als das Wort. Der Zusammenhang zwischen beiden ist nichts Akzidentielles und  Kontingentes. Er muss in ihnen selbst begründet liegen. Doch wie sind Anfänglichkeit und das Wortende (als Ursprung von Sprache) miteinander wesenhaft verbunden? Inwiefern waltet in jedem Worte ein Anfängliches? Auf welche Weise  ist in jeder Anfänglichkeit ein Wortendes zugegen? Und wie sind diese beiden Vorgänge miteinander erstursprünglich verbunden? Worin liegen deren gemeinsame Herkunft und Wurzel?

Sokratische Wurzeln der Dialogischen Kultur

Seit rund dreißig Jahren wird am Hardenberg Institut in Heidelberg entwickelt, was inzwischen als Dialogische Führung bzw. Dialogische Kultur bekannt geworden ist. Damit wird etwas ganz Spezifisches bezeichnet, nicht einfach... [mehr]

Seit rund dreißig Jahren wird am Hardenberg Institut in Heidelberg entwickelt, was inzwischen als Dialogische Führung bzw. Dialogische Kultur bekannt geworden ist. Damit wird etwas ganz Spezifisches bezeichnet, nicht einfach nur (wie manche meinen), dass man »miteinander redet«. Miteinander zu reden, ist ja auch in anderen »Kulturen« nicht ganz ausgeschlossen! In der Dialogischen Kultur sucht man das Gespräch unter bestimmten Gesichtspunkten, die eingehend beschrieben wurden.

Die Verfassung Europas als Quadratur des Kreises

Lebensbedingungen der Menschenwürde – II. Teil

Im ersten Teil dieser Betrachtung (vgl. die Drei 6/2019) wurde die Frage gestellt, was notwendig ist, um den goldenen Maßstab der Menschenwürde europäisch zu fassen. Dabei wurde an ein Bild des Philosophen Jürgen Habermas... [mehr]

Im ersten Teil dieser Betrachtung (vgl. die Drei 6/2019) wurde die Frage gestellt, was notwendig ist, um den goldenen Maßstab der Menschenwürde europäisch zu fassen. Dabei wurde an ein Bild des Philosophen Jürgen Habermas angeknüpft, der das Verhältnis von Wissenschaft, Kunst und Religion (bzw. Ethik) mit einem Mobile vergleicht, das sich ineinander verhakt hat. Wenn man dieses Bild auf das gesellschaftliche Ganze überträgt, stellt sich die Frage, wie Wirtschaft, Recht und Kultur in ein freies Spiel zueinander finden können – und ob zu diesem Zweck die Europäische Union neu verfasst werden muss.

Das Mysterium der menschlichen Entwicklung

Grundlegendes zur Waldorfpädagogik

Die Waldorfpädagogik kann nicht ohne Anthroposophie sein. Denn ihr Herzstück, die Menschenkunde, bleibt unverständlich und muss deshalb letztlich verkümmern, wenn die kindliche und jugendliche Entwicklung nicht vor spirituellem... [mehr]

Die Waldorfpädagogik kann nicht ohne Anthroposophie sein. Denn ihr Herzstück, die Menschenkunde, bleibt unverständlich und muss deshalb letztlich verkümmern, wenn die kindliche und jugendliche Entwicklung nicht vor spirituellem Hintergrund verstanden wird. Hier sollen zwei der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte, die zugleich reale Entwicklungsrichtungen bedeuten, kurz skizziert werden.

Das Herz als Nicht-Pumpe

oder: Zurück in die Zukunft

Im Gegensatz zur erfolgreichen Science Fiction-Filmtrilogie ›Back to the Future‹, in der ein Akteur die Vergangenheit zu seinen Gunsten verändern will, haben wir keinen Anlass, eine Zeitreise zu unternehmen, um die hundert... [mehr]

Im Gegensatz zur erfolgreichen Science Fiction-Filmtrilogie ›Back to the Future‹, in der ein Akteur die Vergangenheit zu seinen Gunsten verändern will, haben wir keinen Anlass, eine Zeitreise zu unternehmen, um die hundert Jahre alten Ausführungen und Anregungen Rudolf Steiners aus der Gründungszeit der Waldorfpädagogik zu verändern. Im Gegenteil: Er hat damals zukunftsträchtige Hinweise gegeben, die gegenwärtig in eine neue Diskussionsrunde einmünden.

Die Zukunft der Oberstufe

In der letzten Reihe des Deutschkurses der 12. Klasse sitzt eine Schülerin, die sich grundsätzlich am Unterricht nicht beteiligt, immer gelangweilt und abwesend wirkt, desinteressiert und überfordert. Die Klassenarbeit... [mehr]

In der letzten Reihe des Deutschkurses der 12. Klasse sitzt eine Schülerin, die sich grundsätzlich am Unterricht nicht beteiligt, immer gelangweilt und abwesend wirkt, desinteressiert und überfordert. Die Klassenarbeit fällt unterdurchschnittlich aus. Es ist ganz deutlich: Diese Schülerin kann mit Gedichten nichts anfangen, sie sitzt hier in der falschen Veranstaltung. Dann kommt der letzte Tag der Unterrichtseinheit, ich verabschiede mich vom Kurs (es war während meines Referendariats an einem Gymnasium), alle gehen hinaus, da steht plötzlich diese Schülerin vor mir. Sie fragt mich etwas zögerlich: »Sie mögen doch Gedichte?« Das muss ich nicht mehr extra bestätigen, und dann fährt sie fort: »Ich hab’ da was für Sie – können Sie da mal hineinschauen?« Sie übergibt mir eine Mappe und es stellt sich heraus, dass sie Gedichte enthält – von ihr selbst geschrieben. Ich bedanke mich und verspreche, mich bald wieder zu melden.

Ideal und Wirklichkeit

Schulführungsfragen nach 100 Jahren

 Am Abend vor meinem 9. Geburtstag hatte ich Angst zu sterben. Ich hatte meinem älteren Bruder eine Tintenpatrone weggenommen, und als er ins Zimmer kam, war ich so erschrocken, dass ich die Patrone in den Mund steckte... [mehr]

 Am Abend vor meinem 9. Geburtstag hatte ich Angst zu sterben. Ich hatte meinem älteren Bruder eine Tintenpatrone weggenommen, und als er ins Zimmer kam, war ich so erschrocken, dass ich die Patrone in den Mund steckte und aus Versehen herunterschluckte. Ich wagte nicht, mich meinen Eltern anzuvertrauen, denn mein Diebstahl war mir peinlich und ich fand es gerecht, dafür an Tintenvergiftung zu sterben. In meinem Abendgebet zum lieben Gott bat ich ihn deshalb nur darum, mich noch meinen Geburtstag erleben zu lassen. Dann schlief ich ein.