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Lebendige Mystik

Zur Aktualität der Kabbala im Israel der Gegenwart

Im Jahre 2006 fand in Winterthur unter dem Titel ›Das jüdische Winterthur‹ eine Ausstellung statt. Ich wurde dem Präsidenten der dortigen »israelitischen Gemeinde« – der Begriff »jüdische« wird auffälligerweise... [mehr]

Im Jahre 2006 fand in Winterthur unter dem Titel ›Das jüdische Winterthur‹ eine Ausstellung statt. Ich wurde dem Präsidenten der dortigen »israelitischen Gemeinde« – der Begriff »jüdische« wird auffälligerweise umgangen – auf der Vernissage vorgestellt. Er lud mich zum bevorstehenden Passahfest ein. Eine gemeinsame Bekannte war dabei und sagte daraufhin zu ihm: »Lass ihn in Ruh’, er ist Israeli!« Eine Schweizer Kultur- und Religionsgemeinde nennt sich also »israelitisch«, betrachtet jedoch die eigentlichen Israelis als in religiösen Fragen ignorant, uninteressiert und ohne Glauben. Dann hielt eine Rabbinerin(!) der konservativen Bewegung – die behauptet fortschrittlich und nicht orthodox zu sein – einen Vortrag. Sie lehnte es strikt und kategorisch ab, meine anschließende Frage zu beantworten, ob sie etwas über die Messiaserwartung im Judentum sagen könne. Wollte sie diese Frage mit einem Israeli nicht diskutieren? Im Nachhinein meinte ich etwas verstanden zu haben: dass die Beziehung der Menschen jüdischer Herkunft zu Religion, Transzendenz und Mystik in Europa eine andere ist als in Israel. Und dass es – jenseits von gegenseitigen Vorurteilen und unbegründeten Ansichten – interessant wäre, einmal den Versuch zu wagen, diese Differenzen und deren Entstehung zu untersuchen.

Lichtgewinn aus Distelähnlichem

Mit Paul Celan in der Kabbalisten-Stadt Safed

Eines der spannendsten Fotos, das ich bei den Recherchen zu meinem Film ›Gottes zerstreute Funken. Jüdische Mystik bei Paul Celan‹ sah, zeigte den Dichter vor den Gräbern großer Kabbalagelehrter in Safed. Celan... [mehr]

Eines der spannendsten Fotos, das ich bei den Recherchen zu meinem Film ›Gottes zerstreute Funken. Jüdische Mystik bei Paul Celan‹ sah, zeigte den Dichter vor den Gräbern großer Kabbalagelehrter in Safed. Celan hatte 1969 während seiner Israelreise einen Abstecher in dieses spirituelle Zentrum gemacht, um das Grab des Mystikers Isaac Luria (1534–1572) zu besuchen, der im 16. Jahrhundert eine völlig neue Deutung der Kabbala vorgelegt hatte. Auch mich hatte Lurias Interpretation schon lange fasziniert, und erst die Entdeckung, dass Celan davon beeinflusst war, führte zu der Entscheidung, einen Film über diesen von Tragik umwölkten Dichter zu riskieren. Ich hatte die Lurianische Kabbala über die Kunst von Anselm Kiefer kennengelernt, zuerst über geheimnisvolle Bildtitel wie ›Bruch der Gefäße‹, ›Zimzum‹, ›Schechina‹ und ›Sefiroth‹. Dann durch die Kabbalastudien von Gershom Scholem, die mir diese Begriffe verständlicher machten, mit denen Luria versucht hatte, die brutale Vertreibung der Juden aus Spanien mit seinem Gottesbegriff zusammenzudenken. Gott, so seine Hypothese, muss sich bereits am Anfang der Schöpfung zurückgezogen haben, um die freie Entwicklung der Welt nicht zu gefährden (Zimzum). Seine wenigen Lichtstrahlen waren aber immer noch so mächtig, dass die ersten Seinsformen (»Gefäße«) zerbrachen  und ihre Scherben von nun an durch das All schwirrten (Shevirat Ha kelim). An ihren Rändern aber kleben noch göttliche Lichtfunken, die der spirituell Suchende einsammeln und neu zusammensetzen kann, im Akt des Tikkun, was übersetzt »Reparatur der Welt« heißt.

Weltensamen

Zugänge zur Kabbala im Werk von Nelly Sachs

Ihr Leben lang rang Nelly Sachs (1891–1970) darum, die rechte Sprache zu finden. Was konnte Sprache leisten – über die Mitteilung subjektiver Sichtweisen und Befindlichkeiten hinaus? Welches war die eigentlich schöpferische... [mehr]

Ihr Leben lang rang Nelly Sachs (1891–1970) darum, die rechte Sprache zu finden. Was konnte Sprache leisten – über die Mitteilung subjektiver Sichtweisen und Befindlichkeiten hinaus? Welches war die eigentlich schöpferische Dimension von Sprache? Im letzten Augenblick durch die energische Intervention einer Freundin vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerettet, wurde sie 1940 in Schweden zur Exilantin. Dort lebte sie nicht nur geographisch und politisch im Exil, sondern auch sprachlich. Die sprachliche Heimat ihrer ersten Lebenshälfte – im Deutschen – war durch den Missbrauch, den das verbrecherische Regime an ihr verübte, korrumpiert und diskreditiert, sie musste erst wieder geläutert, gerettet, ja neu geschaffen werden. Und dann war da noch das Hebräische als Herausforderung der eigenen jüdischen Existenz, zu der sie durch die Verfolgung schmerzhaft erwacht war und deren Tradition sie sich inzwischen bewusst zugewandt hatte. In Deutschland hatte sie sich vor allem mit Thora und Talmud beschäftigt, doch nun entdeckte sie die Kabbala und die Spiritualität der osteuropäischen Chassidim – letztere vermittelt durch die Beschäftigung mit Martin Buber, erstere durch die Lektüre der Schriften Gershom Scholems sowie des jüdischen Anthroposophen Ernst Müller.

Von der Tragödie zur Hoffnung

Zum gemeinsamen Karma von Deutschland und Israel

Ist es möglich, dass die große Tragödie des letzten Jahrhunderts, die in der Mitte Europas, im Herzen unserer modernen Zivilisation stattfand, in eine Hoffnung tragende Kraft verwandelt wird? Das ist die Frage, welche... [mehr]

Ist es möglich, dass die große Tragödie des letzten Jahrhunderts, die in der Mitte Europas, im Herzen unserer modernen Zivilisation stattfand, in eine Hoffnung tragende Kraft verwandelt wird? Das ist die Frage, welche hier behandelt werden soll. Aus Sicht der anthroposophischen Geisteswissenschaft ist das Schicksal Mitteleuropas in unserem Zeitalter von größter Bedeutung. Nicht ohne Grund zieht sich dieses Thema durch das gesamte Werk Rudolf Steiners, der ein herausragender Repräsentant des mitteleuropäischen Geistes war. Wenn wir begreifen, wie während der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts alle Hoffnungen, die Steiner für Europa hegte, in ihr krasses Gegenteil verkehrt wurden, dann ist diese Frage berechtigt – und wer das Schicksal der Menschheit ernsthaft in seinem Herzen bewegt, der sieht sich seither mit banger Erwartung vor sie gestellt.

Das Gottesvolk

Offenbarung und Auserwählung im jüdischen Selbstverständnis – I. Teil

»Das auserwählte Volk« – die Formulierung irritiert. Das ist verständlich. Wie und warum sollte einem bestimmten Volk ein Sonderstatus unter allen anderen Völkern zustehen? Bezieht sich nicht ein Begriff wie »Auserwählung«... [mehr]

»Das auserwählte Volk« – die Formulierung irritiert. Das ist verständlich. Wie und warum sollte einem bestimmten Volk ein Sonderstatus unter allen anderen Völkern zustehen? Bezieht sich nicht ein Begriff wie »Auserwählung« – sofern er überhaupt brauchbar und nicht abgelebter religiöser Aberglaube ist – bestenfalls auf Individuen, keineswegs auf ein Kollektiv? Sind nicht alle Menschen, wenn schon nicht »auserwählt«, so doch zumindest »berufen«? Und ist nicht, im christlichen Verständnis – und auch im islamischen – die Gottesgefolgschaft prinzipiell von jedem Volkszusammenhang längst losgelöst?

Hineni - הנני!

Zur esoterischen Methodik in Anthroposophie und Judentum

»Hineni« – הנני – ist Hebräisch. Es ist eine Verschmelzung von hine ( הנה ) = »hier« und ani ( אני ) = »Ich«. Es bedeutet zugleich: »Hier bin ich!«, »Ich bin hier!« und »Ich... [mehr]

»Hineni« – הנני – ist Hebräisch. Es ist eine Verschmelzung von hine ( הנה ) = »hier« und ani ( אני ) = »Ich«. Es bedeutet zugleich: »Hier bin ich!«, »Ich bin hier!« und »Ich bin!« Diese besondere Wortform – eine Synthese von Person und Standortbestimmung, zugleich räumlich und geistig – ist ein der hebräischen Sprache eigentümliches Phänomen und erscheint im Alten Testament zum ersten Mal von einem Menschen ausgesprochen, wenn erzählt wird, dass Elohim, der Gott, Abraham beim Namen ruft und dieser antwortet: »Hineni!« Darauf wird erzählt, wie Abraham aufgefordert wird, Isaak zu opfern. Es ist Abraham auch der erste Mensch, von dem berichtet wird, dass ihm von jenem Gott mit dem nicht auszusprechenden Namen befohlen wurde, sich auf den Weg zu machen, ohne ein bestimmtes Ziel zu kennen, im reinen Gottvertrauen eine Reise anzutreten. Abraham – und später auch Samuel – stellen sich bedingungslos dem Ruf der göttlichen Stimme: »Hineni!«