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»Wilde Verlässlichkeit«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit Alexander Kluge

»Nachträglich hätte ein unbefangener Beobachter die traumartige Verwicklung neu aufrollen und unter Zustimmung aller Beteiligten ein glücklicheres Ende herbeiführen können.« Auf der Suche nach dem glücklicheren Ende... [mehr]

»Nachträglich hätte ein unbefangener Beobachter die traumartige Verwicklung neu aufrollen und unter Zustimmung aller Beteiligten ein glücklicheres Ende herbeiführen können.« Auf der Suche nach dem glücklicheren Ende versammelt Alexander Kluge Schwärme von Geschichten, Beobachtungen, Erkenntnissen und Kuriositäten. Er hält Erinnerungen fest und durchmisst die Erdgeschichte ebenso wie die Geschichte seiner Familie. Ein einziger Moment kann die Wendung herbeiführen und den Schalter der Geschichte umlegen. Den zentralen Bezugspunkt bildet Kong, der riesige Gorilla auf dem Hochhaus, der die weiße Frau in seiner Hand hält und vor den angreifenden Flugzeugen beschützt. ›Kongs große Stunde. Chronik des Zusammenhangs‹ (Suhrkamp, Berlin 2015) ist ein faszinierendes Palimpsest, das vielfältige – überraschende und verstörende – Zusammenhänge offenbart.

»Wäre der Tag des Attentats von Sarajevo ein wenig anders verlaufen …«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler

Am 28. Juni 1914 wurde in Sarajevo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. Einen Monat später begann der Erste Weltkrieg. 40 Staaten waren an ihm beteiligt und 17 Millionen Menschen fielen ihm... [mehr]

Am 28. Juni 1914 wurde in Sarajevo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. Einen Monat später begann der Erste Weltkrieg. 40 Staaten waren an ihm beteiligt und 17 Millionen Menschen fielen ihm zum Opfer. Für George F. Kennan war er die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«. Herfried Münkler sieht in ihm auch »das Laboratorium, in dem fast alles entwickelt worden ist, was in den Konflikten der folgenden Jahrzehnte eine Rolle spielen sollte«. In seiner umfassenden Darstellung Der große Krieg. Die Welt 1914-1918 (Rowohlt Verlag, Berlin 2013) schildert er eindrucksvoll, wie ein regionaler Konflikt in einer Folge von Zufällen und Fehlentscheidungen zum weltweiten Krieg eskalierte. Er zeigt, wie dieser Krieg Revolutionen auslöste, das Ende der Imperien besiegelte und die Machtverhältnisse der Welt veränderte. Vor allem aber warnt er, dass die Konstellationen, die in diesen Krieg geführt hätten, keineswegs überwunden seien.

Verlust der Heimat, Tod von Familienmitgliedern und Situationen großer Angst…

Ruth Renée Reif im Gespräch mit Jenny Erpenbeck »

»Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr herausgefallen sind« denkt der emeritierte Altphilologe in Jenny Erpenbecks neuem Roman Gehen, ging, gegangen (Albrecht... [mehr]

»Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr herausgefallen sind« denkt der emeritierte Altphilologe in Jenny Erpenbecks neuem Roman Gehen, ging, gegangen (Albrecht Knaus Verlag, München 2015). Zwei Welten treffen darin aufeinander: Europa, die alte Welt, und Afrika, vertreten von mittellosen jungen Männern. Vor dem Roten Rathaus in Berlin begegnen sie einander zum ersten Mal. Der Professor sieht eine Demonstration von zehn schwarzhäutigen jungen Männern. Sie sagen nicht, wer sie sind. »Sie sind einfach da.« Sie wollen bleiben, und sie wollen Arbeit. Das Bild geht dem Professor nicht mehr aus dem Sinn. Abends im
Fernsehen erfährt er, dass es sich um Flüchtlinge handelt, die in einen Hungerstreik getreten sind. Er beschließt, die Männer zu befragen, nach ihrer Herkunft, ihrer Kindheit, ihren Vorstellungen und ihren Wünschen. Tag für Tag sucht er sie in ihren Unterkünften auf. Er wird Zeuge ihrer unwürdigen Unterbringung, ihres Hin- und Hergeschoben-Werdens und der Perspektivlosigkeit ihres Daseins. Und überdeutlich wird ihm bewusst, »dass er zu den wenigen Menschen auf dieser Welt gehört, die sich die Wirklichkeit, in der sie mitspielen wollen, aussuchen können«.

Spirituelle Identität zwischen Abgrenzung und Offenheit

Die Redaktion im Gespräch mit Johannes Kiersch und Günter Röschert

»... Es könnte aber nun sein, dass es dialektische Verhältnisse gibt, wo die Synthese nicht möglich ist oder wo ein Verzicht auf die Synthese stattfinden muss so, dass die beiden Aussagen, die einander gegenüberstehen,... [mehr]

»... Es könnte aber nun sein, dass es dialektische Verhältnisse gibt, wo die Synthese nicht möglich ist oder wo ein Verzicht auf die Synthese stattfinden muss so, dass die beiden Aussagen, die einander gegenüberstehen, in dem Spannungsverhältnis stehen bleiben und dass in dem Spannungsverhältnis das eigentlich Wesentliche zu finden ist, ohne dass man eine Synthese konstruiert.« (Günter Röschert)

»Sogar weibliche Gottheiten waren im Spiel«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit Peter Schäfer

»Die Erhöhung des Jesus von Nazareth als des Erstgeborenen vor aller Schöpfung, des menschgewordenen Gottes, des Sohnes Gottes, des Menschensohns, des Messias« – alle diese christlichen Vorstellungen einer göttlichen... [mehr]

»Die Erhöhung des Jesus von Nazareth als des Erstgeborenen vor aller Schöpfung, des menschgewordenen Gottes, des Sohnes Gottes, des Menschensohns, des Messias« – alle diese christlichen Vorstellungen einer göttlichen Zweisamkeit wurzeln im frühen Judentum, das ebenfalls viele Namen für einen zweiten Gott im Himmel hatte. Der Judaismus-Forscher Peter Schäfer stellt das Bild von einem jüdischen Monotheismus angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse infrage. In seinem Buch ›Zwei Götter im Himmel. Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike‹ (C. H. Beck, München 2017) beschreibt er, wie sich das rabbinische Judentum, das sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 nach unserer Zeitrechnung unter Federführung der Rabbinen herausbildete, angesichts des entstehenden Christentums wieder auf seine frühen Vorstellungen zweier Götter besann. Die Vorstellung eines zweiten Gottes im Himmel wurde von Rabbinen und jüdischen Mystikern über die Jahrhunderte weiterentwickelt.

»Nur eine Revolution kann retten, was zu retten ist«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit dem Philosophen Slavoj Žižek

Slavoj Žižek ist einer der anregendsten Denker der Gegenwart. Seine Philosophie entspringt der Auseinandersetzung mit den sozialen und kulturellen Phänomenen der Gegenwart. Der Philosophenkollege Dominik Finkelde vergleicht... [mehr]

Slavoj Žižek ist einer der anregendsten Denker der Gegenwart. Seine Philosophie entspringt der Auseinandersetzung mit den sozialen und kulturellen Phänomenen der Gegenwart. Der Philosophenkollege Dominik Finkelde vergleicht sie mit jenem anamorphotischen Blick auf die Wirklichkeit, der die Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts kennzeichnet, wenn perspektivisch verzogene Bildinhalte erst unter einem bestimmten Blickwinkel erkennbar werden. So wird Žižek von dem Willen getrieben, alles aus einer durch das Vokabular Hegels und Lacans getönten Perspektive noch einmal zu interpretieren. In seinem Buch ›Weniger als nichts. Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus‹, dessen Taschenbuchausgabe im August 2016 bei Suhrkamp erschienen ist, entwirft er aus der Perspektive immer neuer Lektüren von Hegel, Marx und Lacan seine politische Philosophie.

»Mit 5G wird sich das in diabolischem Ausmaß weiter steigern«

Claudius Weise im Gespräch mit Ulrich Weiner

Wer Ulrich Weiner persönlich treffen will, der muss entweder einen seiner Vorträge besuchen oder sich in ein entlegenes Waldstück im Schwarzwald begeben, das sich in einem der immer seltener werdenden Funklöcher befindet.... [mehr]

Wer Ulrich Weiner persönlich treffen will, der muss entweder einen seiner Vorträge besuchen oder sich in ein entlegenes Waldstück im Schwarzwald begeben, das sich in einem der immer seltener werdenden Funklöcher befindet. Warum das so ist und warum es in Zukunft immer mehr Menschen geben dürfte, die ein solches Leben am Rand der Gesellschaft führen müssen, ist der Inhalt des folgenden Interviews, das aus naheliegenden Gründen schriftlich geführt wurde.

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/ Rubrik: Interview

»ISIS verweigert sich jedem Gespräch«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit dem Nahost-Experten Bruno Schirra

Die dschihadistische Terrorgruppe ISIS bedroht die arabische Welt. Sie zieht eine Blutspur durch den Irak und Syrien. Ihr Ziel ist die Errichtung eines Islamischen Staates im Irak und in den historischen Grenzen Großsyriens.... [mehr]

Die dschihadistische Terrorgruppe ISIS bedroht die arabische Welt. Sie zieht eine Blutspur durch den Irak und Syrien. Ihr Ziel ist die Errichtung eines Islamischen Staates im Irak und in den historischen Grenzen Großsyriens. Am 29. Juni 2014 ernannte sich ISIS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi in der irakischen Stadt Mossul zum Kalifen und postulierte damit seinen Anspruch als Nachfolger des Propheten Mohammed. ISIS nennt sich seither ›Islamischer Staat‹ (IS) und unterstreicht nach Einschätzung des Nahost-Experten Bruno Schirra damit »den globalen Anspruch seiner Herrschaft«. Ausnahmslos jedes Land, in dem jemals Muslime die Herrschaft innehatten, solle seinem Kalifat unterworfen werden. Das bedeute die Gefahr eines Flächenbrandes, der über Syrien und den Irak hinaus die gesamte Region des Nahen und Mittleren Ostens erfassen könne. In seinem Buch ›ISIS. Der globale Dschihad. Wie der »Islamische Staat« den Terror nach Europa trägt‹ (Econ, Berlin 2015) analysiert Schirra, wie es zum fulminanten Aufstieg von ISIS kommen konnte und welche Gefahr – auch für Europa – von der Organisation ausgeht.

»In ›1001 Nacht‹ steckt Patriarchatskritik«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit Claudia Ott

Für Goethe war ›1001 Nacht‹ ein Lebensbuch. Hugo von Hofmannsthal sah darin »die kühnste Geistigkeit und die vollkommenste Sinnlichkeit in eins verwoben«. Jetzt ist die Überlieferungsgeschichte der Sammlung um einen... [mehr]

Für Goethe war ›1001 Nacht‹ ein Lebensbuch. Hugo von Hofmannsthal sah darin »die kühnste Geistigkeit und die vollkommenste Sinnlichkeit in eins verwoben«. Jetzt ist die Überlieferungsgeschichte der Sammlung um einen sensationellen Fund reicher. In der Raşit-Efendi-Bibliothek der Altstadt von Kayseri stöberte die Arabistin Claudia Ott das lange verschollene Ende von ›1001 Nacht‹ auf und machte es in einer großartigen Übersetzung der Öffentlichkeit zugänglich. Ott gehört international zu den führenden Experten für ›1001 Nacht‹. Ihre Erstübersetzung des bisher ältesten Fragments von ›1001 Nacht‹ liegt bereits in der 11. Auflage vor. ›Tausendundeine Nacht. Das glückliche Ende‹(C. H. Beck, München 2016) enthält Schahrasads kunstvoll verschachtelte Erzählungen der letzten 125 Nächte sowie den ausführlichen Schluss mit der reuigen Einsicht von Sultan Schahriyar und einer Doppelhochzeit.

25 Jahre Mauerfall: »Die Kraft der Einmischung«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit Daniela Dahn

»Scharfsinnig im Urteil und unabhängig in der Analyse«, schrieb der spanische Schriftsteller Jorge Semprún über Daniela Dahn. Er hob ihre dialektisch angelegten Texte hervor und bezeichnete sie als  Vertreterin... [mehr]

»Scharfsinnig im Urteil und unabhängig in der Analyse«, schrieb der spanische Schriftsteller Jorge Semprún über Daniela Dahn. Er hob ihre dialektisch angelegten Texte hervor und bezeichnete sie als  Vertreterin der deutschen Tradition der »demokratischen Vernunft« und als ausgewiesene Gesinnungs- und  Verantwortungsethikerin. Seit der Wiedervereinigung findet die streitbare Intellektuelle aus dem Osten zunehmend auch im Westen Gehör. Ihre kritischen Anmerkungen zur Wirtschaftspolitik sowie zur Entdemokratisierung lösen immer wieder heftige Kontroversen aus. In ihrem jüngsten Buch Wir sind der Staat! Warum Volk sein nicht genügt (Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013) fordert sie ihre Leser dazu auf, die Verfassung mit Leben zu erfüllen und den Staat, der immer mehr zu einem Instrument der Wirtschaft zu werden droht, in Besitz zu nehmen. Sie plädiert für einen Staat, dessen Bürger an der politischen Willensbildung teilnehmen. Und sie setzt sich mit der Frage auseinander, wie eine Demokratie zu organisieren wäre, »an der teilzunehmen tatsächlich auch für die vielbeschworene Basis interessant ist – für die klassischen Arbeiter, die kleinen Angestellten und Ladenbesitzer, die Dienstleistenden, Migranten und Arbeitslosen«.

Ich wollte dahin schauen, wo andere wegschauen"" (Interview)

»Ich sehe keinen europäischen Weg für Moldawien«

Ruth Renée Reif im Gespräch mit der moldawischen Schriftstellerin Liliana Corobca

»Besser ohne so viele Markenkleidungsstücke, dafür mit einer Mutter«, denkt die zwölfjährige Cristina wehmütig. Mit ihren beiden Brüdern ist sie ganz allein. Sie kocht, putzt, füttert die Hühner und Schweine und... [mehr]

»Besser ohne so viele Markenkleidungsstücke, dafür mit einer Mutter«, denkt die zwölfjährige Cristina wehmütig. Mit ihren beiden Brüdern ist sie ganz allein. Sie kocht, putzt, füttert die Hühner und Schweine und versucht, den Brüdern Ersatzmutter und -vater in einem zu sein. Ihre Eltern sind im Ausland, um Geld zu verdienen. Der Vater arbeitet in Sibirien, und die Mutter passt in Italien auf fremde Kinder auf. In ihrem Roman ›Der erste Horizont meines Lebens‹ (aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015) gibt die moldawische Schriftstellerin Juliana Corobca den Kindern in Moldawien eine Stimme, die von ihren Eltern zurückgelassen wurden.