Heft 6, 2019

»Die Urgedanken, die es zu erfassen gilt, sind also Weltgedanken, ja Menschheitsgedanken, und eben nicht Gedanken zur Auffrischung der unzeitgemäßen Ideologie der ›Sozialen Marktwirtschaft‹. Wer nicht gewillt ist, sein Denken über den national-wirtschaftlichen Rahmen hinaus zu erweitern und zu einem Denken der notwendig zu berücksichtigenden Eigengesetzmäßigkeiten des Geistes- und Wirtschaftslebens zu vertiefen, der wird auch nicht die deformierenden Machtstaats-Strukturen durch ein zeitgemäßes Rechtsleben ersetzen können.«

- Thomas Brunner -
Inhalt

Editorial:

Zu diesem Heft

100 Jahre Soziale Dreigliederung – dieses Jubiläum darf eine Zeitschrift, die als ›Monatsschrift für Anthroposophie und Dreigliederung‹ vor fast ebenso vielen Jahren ins Leben trat, nicht unbeachtet vorbeiziehen lassen.... [mehr]

100 Jahre Soziale Dreigliederung – dieses Jubiläum darf eine Zeitschrift, die als ›Monatsschrift für Anthroposophie und Dreigliederung‹ vor fast ebenso vielen Jahren ins Leben trat, nicht unbeachtet vorbeiziehen lassen. Anlässlich der unter dem Motto ›Werkstatt Soziale Dreigliederung‹ stehenden Mitgliederversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland erscheint nun hiermit unser Themenheft, in das wir drei Aufsätze von Rudolf Steiner, Ludwig Polzer-Hoditz und Karl Ballmer aus der 1919 gegründeten Wochenschrift ›Dreigliederung des Sozialen Organismus‹ im Originalsatz eingestreut haben.

Zeitgeschehen:

Libysche Lügen

Hintergründe eines Desasters

Anfang Mai, während ihres Besuchs in den sogenannten Sahel-Staaten, machte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine geradezu sensationelle Bemerkung über das von andauerndem Bürgerkrieg gezeichnete Libyen, die in den deutschen... [mehr]

Anfang Mai, während ihres Besuchs in den sogenannten Sahel-Staaten, machte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine geradezu sensationelle Bemerkung über das von andauerndem Bürgerkrieg gezeichnete Libyen, die in den deutschen Medien allerdings kaum Beachtung erfuhr. »Deutschland fühle eine Mitverantwortung für die Lage in dem afrikanischen Staat,« berichtete die Agentur Reuters, »weil es sich im UN-Sicherheitsrat 2011 bei der Abstimmung über die westlichen Militärintervention trotz Zweifeln enthalten habe. ›Immer wenn man etwas nicht verhindern kann, hat man auch eine Verantwortung dafür‹, sagte Merkel.«

#AllesWirdSehrGut

Beobachtungen vor den Neuwahlen in Istanbul

»In Şişli herrscht Aufstand, die Leute pfeifen und schlagen auf Töpfe und Pfannen«, twitterte die türkische Schriftstellerin Aslı Tohumcu am 6. Mai 2019, gut anderthalb Stunden, nachdem die türkische Wahlbehörde... [mehr]

»In Şişli herrscht Aufstand, die Leute pfeifen und schlagen auf Töpfe und Pfannen«, twitterte die türkische Schriftstellerin Aslı Tohumcu am 6. Mai 2019, gut anderthalb Stunden, nachdem die türkische Wahlbehörde die Kommunalwahlen in Istanbul annulliert hatte. Bald waren auch in anderen zentralen Bezirken der Metropole unzählige Menschen auf der Straße. Die spontane Empörung erinnerte an die Gezi-Proteste des Jahres 2013. Der frisch gekürte Oberbürgermeister Ekrem Imamoğlu von der sozialdemokratischen CHP gab sich indes gelassen, als der Protest losbrach, und verkündete über Twitter: »Wir alle gemeinsam tragen die Hoffnung, das Schöne und Gute. Macht euch keine Sorgen, alles wird sehr gut.«

Goldene Zeiten?

Zur Abwesenheit eines öffentlichen Diskurses über die Ziele der Digitalisierung in Deutschland

»Die Digitalisierung«, so heißt es in einem Merkblatt des ›Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen‹, »wird vielfach als unaufhaltsamer, sich beschleunigender Prozess erlebt... [mehr]

»Die Digitalisierung«, so heißt es in einem Merkblatt des ›Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen‹, »wird vielfach als unaufhaltsamer, sich beschleunigender Prozess erlebt und dargestellt. Sie ist aber keine ›Naturgewalt‹, sondern eine von Menschen vorangetriebene Entwicklung. Sie kann und sollte daher gestaltet werden. Damit dies gelingen kann, müssen die Prozesse und Auswirkungen dieser technischen Revolution von den gesellschaftlichen Akteuren verstanden und ihre Verursacher*innen und Treiber transparent gemacht werden. Wir brauchen Räume für die Diskussion darüber, wie die Digitalisierung mit gesellschaftlichen Zielen verbunden werden kann und welche Rollen öffentliche und private sowie lokale und globale Akteure dabei spielen sollten.«

Dreigliederung in der Landschaft

Goetheanistische Betrachtungen aus Afrika II

Auf einem Hügel im Norden Namibias stehend, bin ich umgeben von der großen Arena eines Tales. »Tal« ist allerdings ein völlig falsch geprägter Begriff für das, was ich hier als ein solches empfinde. Denn »Tal« hat... [mehr]

Auf einem Hügel im Norden Namibias stehend, bin ich umgeben von der großen Arena eines Tales. »Tal« ist allerdings ein völlig falsch geprägter Begriff für das, was ich hier als ein solches empfinde. Denn »Tal« hat für mich immer etwas Längliches, und das passt hier nicht. Besser wäre »Schale«, »Schüssel« oder »Senke«. Aber zum Begdlf des Tales gehört, dass es Berge sind, die es begrenzen, und dass sich unten Wasser sammelt, vielleicht ein Bach oder ein Fluss fließt oder es dort zumindest grüne Matten gibt. All das gehört hier auch dazu, nur ist das Tal viel weiter, größer, ruhiger und runder. Ich erlebte mich bisher in Afrika immer von die Sicht einfassenden Bergen umgeben. Berge bilden jeweils eine Grenze für das Auge. Sie wirken wie eine letzte Haut, die mich in der Ferne umgibt, als gehörten sie noch zu mir selbst oder zu meiner unmittelbaren Umgebung und ich könnte sie mit den Fingerspitzen berühren. Sie haben ein menschliches Maß, mein Erleben erreicht sie, weshalb sie nicht fremd oder gar fenseitig wirken, sondern vertraut, mich wie von Weitem umarmend.

»Geld ist Buchhaltung« – Ist diese Idee heute reif für die Welt?

Zum Forschungskolloquium der ›Wirtschaftskonferenz‹ vom 29. Oktober 2018 am Goetheanum

England und Deutschland sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einen tragischen Gegensatz geraten. Die dadurch hervorgerufene Trennung hat beide Völker immer mehr von ihrer eigentlichen Menschheitsaufgabe abgebracht. Christopher... [mehr]

England und Deutschland sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einen tragischen Gegensatz geraten. Die dadurch hervorgerufene Trennung hat beide Völker immer mehr von ihrer eigentlichen Menschheitsaufgabe abgebracht. Christopher Houghton Budd, Wirtschaftshistoriker und Koordinator der Wirtschaftskonferenz, bezeichnet diese beiden Völker als Cousinen. Es stellt sich ihm die Frage, ob sie durch ein gemeinsames Verständnis des Wirtschaftslebens wieder zu einer der Menschheitsentwicklung dienenden Zusammenarbeit finden können. In gleicher Weise müsste es möglich sein, eine Brücke zwischen der akademischen Wirtschaftswissenschaft und der anthroposophischen Bewegung zu finden. Der Schlüssel hierzu ist für ihn die Idee »Geld ist Buchhaltung«. Denn diese Idee lebt heute sowohl in englischsprachigen wie auch in deutschsprachigen Zusammenhängen und ist zudem nicht nur in anthroposophischen, sondern auch in akademischen Kontexten zu finden.

Zur Frage der Kreditgeldschöpfung

In der gegenwärtigen Wirtschaftspraxis gilt es als selbstverständlich, dass Banken Geld schöpfen, wenn sie Kredite vergeben. Die Wirtschaftswissenschaft begleitet diese Praxis mit einer umfangreichen Theorie. Die Mainstream-Auffassungen... [mehr]

In der gegenwärtigen Wirtschaftspraxis gilt es als selbstverständlich, dass Banken Geld schöpfen, wenn sie Kredite vergeben. Die Wirtschaftswissenschaft begleitet diese Praxis mit einer umfangreichen Theorie. Die Mainstream-Auffassungen hierzu werden sehr gut in einem FAZ-Artikel von Christian Siedenbiedel: ›Wie kommt Geld in die Welt?‹ beschrieben. Wie aber betrachtete Rudolf Steiner die sogenannte »Kreditgeldschöpfung«? Ging er ebenfalls davon aus, dass das Geld, welches als Buchgeld nur in Form von Zahlen in der Buchhaltung der Banken existiert, durch Kredite der Geschäftsbanken in Umlauf gebracht werden soll? Ist damit in der heutigen Literatur ein Prozess beschrieben, auf den Steiner sich implizit ebenfalls bezieht, wenn er von Geld als Buchhaltung spricht?

Bauernschaft und Dreigliederung

Das Rätsel des Geldes

Die Bilanzierung von materieller und geistiger Produktion im Wirtschaftsorganismus

Das größte Rätsel des Nationalökonomischen Kurses ist wie der Gedanke der Geldalterung zu verstehen und umzusetzen ist In diesem - die Serie zum Nationalökonomischen Kurs1 vorläufig abschließenden - Beitrag wird gezeigt... [mehr]

Das größte Rätsel des Nationalökonomischen Kurses ist wie der Gedanke der Geldalterung zu verstehen und umzusetzen ist In diesem - die Serie zum Nationalökonomischen Kurs1 vorläufig abschließenden - Beitrag wird gezeigt dass »abgelaufenes Geld« nicht der Zirkulation entzogen werden darf. Es muss notwendigerweise weiterhin umlaufen, wenn der Bereich der geistigen Tätigkeiten richtig finanziert und das Kaufgeld- und Schenkgeldgebiet in einem vernünftigen Gleichgewicht gehalten werden sollen.

Die Krise des Nationalstaats

Die Dreigliederung des Sozialen Organismus als mögliche Alternative zur multipolaren (Un-)Ordnung

Irak. Libyen, die Ukraine, Syrien. Venezuela. Korea und wieder Libyen und wieder die Ukraine - immer enger folgen die Konflikte aufeinander, in denen sich die Interessen der die Welt beherrschenden westlichen Staaten - allen... [mehr]

Irak. Libyen, die Ukraine, Syrien. Venezuela. Korea und wieder Libyen und wieder die Ukraine - immer enger folgen die Konflikte aufeinander, in denen sich die Interessen der die Welt beherrschenden westlichen Staaten - allen voran die der USA -mit denen Jener Staaten uberschneiden, welche diese E ominanz in frage stellen: Das ist das wiedeterstarkende Russland, das ist China, das entlang der »Neuen Seidenstiaße« üt*er Eurasien und Afrika in globale Dimensionen ausgreift, das sind aber auch Indien und der Iran souie eine Vielzahl kleinerer Staaten, die sich hinter ihnen versammeln. Doch neuer Nationalismus und die Missachtung nationaler Sou-\reränität lähmen sich in diesem Prozess gegenseitig. Die Notwendigkeit prinzipieller Veränderungen im Zusammenleben der Völker und der ihm zugrunde liegenden Ordnung, die es vom Diktat einer alles deformierenden Ökonomie und dem Gespenst Orwellscher Staatstealitäten befreien könnte - tritt immer drängender zutage. Die am weitesten reichende Perspektive liegt heute in einer Entflechtung des nationalen Einheitsstaates. Sie bringt die nach dem Ersten Weltkrieg aufgekommene Idee einer Dreigliederung des sozialen Organismus wieder in den Blick. Welche Botschaft enthält diese Idee für heute, nachdem bisherige Ansätze zur Überwindung der zerstörerischen Herrschaft des Kapitals nicht die ersehnten Ergebnisse gebracht haben?

Das Mobile der Sozialen Dreigliederung

Lebensbedingungen der Menschenwürde – I. Teil

»Würde des Menschen - Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen. / Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«1 Dieses Epigramm stammt nicht von Bertolt Brecht, sondern von Friedrich... [mehr]

»Würde des Menschen - Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen. / Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«1 Dieses Epigramm stammt nicht von Bertolt Brecht, sondern von Friedrich Schiller. Schiller hatte am eigenen Leibe erfahren, nie unwürdig es sein kann, sich das tägliche Brot nur mit Not verdienen zu können. Der Autor und Geschichtsprofessor tat alles, Frau und Kind zu ernähren, und erkrankte dabei lebensgefährlich. Zum Glück gewährten dänische Gönner dem wiedergenesenden Dichter ein großzügiges Stipendium, das ihm die Möglichkeit gab, sich ohne Hunger drei Jahre dem Kantstudium und der Ästhetik zu widmen. Zum Dank und als reife Frucht dieser Jahre schrieb er die -Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen-. Dass sich die Würde nicht von selbst ergibt, wenn durch das Stillen der täglichen Bedürfnisse des Menschen seine Blöße bedeckt ist, wusste auch Schiller. Die Proklamation der Menschenrechte durch die Französische Revolution begeisterte ihn. Als dieselbe Revolution mit den Menschen die Würde enthauptete, war er enttäuscht.

Einsicht & Initiative

Aspekte zur Sozialen Dreigliederung in methodischer Hinsicht

Im Rühjahr 1919 veröffentlicht Rudolf Steiner sein Buch »Die Kernpunkte der sozialen Frage - in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft« (CA 23). Bereits der Untertitel verdeutlicht, dass er mit dieser Schrift... [mehr]

Im Rühjahr 1919 veröffentlicht Rudolf Steiner sein Buch »Die Kernpunkte der sozialen Frage - in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft« (CA 23). Bereits der Untertitel verdeutlicht, dass er mit dieser Schrift nicht allein eine Anregung für die Tagespolitik seiner Zeit geben wollte, sondern etwas viel Grundlegenderes für die weitere Sozialentwicklung. Dass Steine auf dem großen Wiener Ost-West-Kongress im Juni 1922 davor sprach, »daß diese Veröffentlichung im Grunde mißverstandet worden ist auf allen Seiten«, weil sie als übliche sozial-utopische Schrift gelesen wurde, obwohl sie «als ein Appell nicht at das Denken über allerlei Einrichtungen, sondern als ein Appel an die unmittelbare Menschennatur gemeint«' war, wird häufig zitiert. Noch deutlicher äußerte er sich wenige Monate später im Rahmen einer Vortragsreihe zu Erziehungsfragen in Oxford: »Derjenige, der die »Kernpunkte der sozialen Frage« als ein Buch des Verstandes nimmt, versteht es nicht. Allein derjenige versteht es. der es als ein Willensbuch, als ein Herzensbuch nimmt, das gesprochen ist aus dem Leben heraus, aus demjenigen, was heute überall unter der Oberfläche des Daseins als die wichtigsten sozialen Impulse der Gegenwart genommen werden können.« Auf welchem Wege nun aber kann dieser »Appell an die unmittelbare Menschennatur« erfahren und geprüft werden, um selbstbestimmt beurteilen zu können, inwiefern diese 100 Jahre alte Schrift Motive enthält, die den gegenwärtigen Lebensnotwendigkeiten Entwicklungsimpulse zu vermitteln vermag?

campyrus:

Freies Geistesleben – Kennen wir das überhaupt schon?

Notizen zur Bildungsfrage

»Was man das Gute nennt, ist nicht das, was der Mensch soll, sondern das, was er will, wenn er die volle wahre Menschennatur zur Entfaltung bringt.« – Rudolf Steiner. Dieser Satz aus der ›Philosophie der Freiheit‹,... [mehr]

»Was man das Gute nennt, ist nicht das, was der Mensch soll, sondern das, was er will, wenn er die volle wahre Menschennatur zur Entfaltung bringt.« – Rudolf Steiner. Dieser Satz aus der ›Philosophie der Freiheit‹, der den »ethischen Individualismus« auf den Punkt bringt, scheint mir ein Leitmotiv des freien Geisteslebens zu sein; jenes gesellschaftlichen Gebietes also, welches Kultur und Bildung, Kunst, Wissenschaft und Religion, aber auch Rechtsprechung, Unternehmensführung und den Gesundheitsbereich umfasst. Das Ideal, an welchem sich das Geistesleben orientieren soll, um gesund zu sein, ist die Freiheit – und die soziale Dreigliederung, wie ich sie verstehe, lebt ja in wechselseitiger Abhängigkeit: je freier sich das Geistesleben ausformt, desto brüderlicher, geschwisterlicher, solidarischer kann sich das Wirtschaftsleben gestalten – und umgekehrt. Und je mehr diese beiden sich entwickeln, desto mehr Gleichheit wird in der die Rechtssphäre leben können.

Freie Schule und Dreigliederung

Ich als Wesen der Dreigliederung

Rudolf Steiner betont in seinen Ausführungen zur Dreigliederung stets die Notwendigkeit, die Befreiung des Geisteslebens als unabdingbare Voraussetzung für die Verwirklichung eines harmonischen, dreigliedrigen Gemeinschaftswesens... [mehr]

Rudolf Steiner betont in seinen Ausführungen zur Dreigliederung stets die Notwendigkeit, die Befreiung des Geisteslebens als unabdingbare Voraussetzung für die Verwirklichung eines harmonischen, dreigliedrigen Gemeinschaftswesens zu betrachten. Ohne ein Geistesleben, das der Freiheit als seiner Quelle bewusst wird und somit die schöpferische Freiheit des einzelnen Ichs ermöglicht, wäre folglich jeder Versuch, vom Rechts- oder vom Wirtschaftsleben ausgehend die sozialen Verhältnisse zeitgemäß zu gestalten, zum Scheitern verurteilt. Die hundert Jahre, die seit 1919 – dem Anfang der ersten öffentlichen Bewegung für die Dreigliederung – vergangen sind, liefern mehr als deutliche Beweise dafür. Die Entwicklung unserer Gesellschaft hetzt denn auch immer rasanter in die Richtung einer erstickenden Gleichschaltung des Geisteslebens, welche mit Hilfe der metastatisierenden Implementierung von Akkreditierungs-, Zertifizierungs- und Evaluationsverfahren durchgeboxt wird. Wurde aus der Erfahrung der letzten hundert Jahre nichts gelernt? Sind wir noch nicht so weit, uns ein auch nur elementares Erleben und Vorstellen bezüglich eines freien Geisteslebens zu bilden und schöpferisch zu verinnerlichen, das uns endlich zum Sprung fort von einer sich stets – gegenwärtig unter digitalem Gewand – wiederholenden Vergangenheit und hin zu einer menschenwürdigen Zukunft verhelfen könnte?

Forum Anthroposophie:

Sukzessive Ausbildung der Anthroposophie

Zu Rudolf Steiner: ›Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis Band I und II‹ (GA 90a/b)

Die noch bestehenden Lücken im Editionscorpus der Rudolf Steiner Gesamtausgabe werden inzwischen sukzessive geschlossen. Im Zuge dessen publizierte der Rudolf Steiner Verlag im vergangenen Jahr einen kapitalen Doppelband... [mehr]

Die noch bestehenden Lücken im Editionscorpus der Rudolf Steiner Gesamtausgabe werden inzwischen sukzessive geschlossen. Im Zuge dessen publizierte der Rudolf Steiner Verlag im vergangenen Jahr einen kapitalen Doppelband zu Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis (GA 90a/b). Er umfasst Berliner Vorträge, gehalten zwischen Ende September 1903 und Ende Dezember 1905, dann in Band II außer Berliner Vorträgen weitere des Jahres 1905, die in Köln, Düsseldorf und Hamburg gehalten wurden, sowie einen Einzelvortrag in Lugano vom Januar 1906. Es handelt sich um insgesamt 119 Vorträge vor Mitgliedern der ›Theosophischen Gesellschaft‹, oft in sehr knappen Zusammenfassungen, teilweise aber auch nach ausführlicheren Mitschriften wiedergegeben.

Rudolf Steiner:Hinaus in die Öffentlichkeit!

Zu Rudolf Steiner: ›Das Wesen der Anthroposophie‹ (GA 80a)

Als Rudolf Steiner 1921 das Angebot der renommierten Konzertagentur Wolff & Sachs erhielt, Vortragsreihen in den größten und repräsentativsten Sälen verschiedener deutscher Städte zu halten – nutzte er das als Gelegenheit,... [mehr]

Als Rudolf Steiner 1921 das Angebot der renommierten Konzertagentur Wolff & Sachs erhielt, Vortragsreihen in den größten und repräsentativsten Sälen verschiedener deutscher Städte zu halten – nutzte er das als Gelegenheit, die Anthroposophie populär zu machen? Ja und nein. Er sprach zwar vor großem Publikum, doch haben sich führende Anthroposophen gewundert, wie nüchtern und gedanklich er die Erkenntnisse und den Schulungsweg darlegte, so dass mancher verblüfft oder gar bestürzt war. Diese Vorträge – soweit sie stenografisch festgehalten wurden – sind nun als GA 80a der Gesamtausgabe beigefügt. Es ist ziemlich atemberaubend, dass in München und Wuppertal die Angriffe dermaßen rabiat waren, dass Steiner mit dem Veranstalter übereinkam, solche Tourneen künftig nicht mehr zu riskieren. Welch merkwürdiger Gegensatz: der abgeklärte Vortragsduktus und die emotionale Reaktion!

Feuilleton:

Die Mitte – »Frucht und Keim zugleich«

Oder: Nur aus der Ohnmacht kommt Neues in die Welt

»Ich heiße Greta Thunberg, ich bin 16 Jahre alt und komme aus Schweden. Und ich möchte, dass Sie in Panik geraten. Ich möchte, dass Sie sich so verhalten, als würde Ihr Haus brennen.« Mit diesen Worten stellte sich... [mehr]

»Ich heiße Greta Thunberg, ich bin 16 Jahre alt und komme aus Schweden. Und ich möchte, dass Sie in Panik geraten. Ich möchte, dass Sie sich so verhalten, als würde Ihr Haus brennen.« Mit diesen Worten stellte sich die jugendliche Klimaaktivistin am 16. April 2019, dem Tag nach dem Brand der Kathedrale Notre Dame in Paris, vor das Europäische Parlament in Straßburg. Dabei geht es ihr nicht darum, kopflos zu werden, sondern zu begreifen, in welcher Situation wir uns befinden. Sie hat sich kundig gemacht über das Ausmaß des Klimawandels wie sonst wohl kaum ein Laie. Und dieses Wissen macht ihr und ihren jugendlichen Mitstreitern Angst – Angst um ihre zukünftigen Lebensbedingungen, die sie auf die Handlungsträger unserer Zeit übertragen möchte: »Viele von uns werden von der Krise betroffen sein. Aber jemand wie ich darf nicht wählen. Und wir sind auch nicht in der Lage, Entscheidungen der Wirtschaft, der Politiker, der Ingenieure, der Medien, des Bildungswesens und der Wissenschaft zu beeinflussen. Bis wir so weit sind, uns ausgebildet haben – ja, wir haben die Zeit bis dahin nicht mehr. Und deshalb sind nun Millionen von Kindern auf die Straße gegangen zu streiken für das Klima, und versuchen die Aufmerksamkeit auf die Klimakrise zu lenken. Sie müssen uns zuhören!«

Leben mit Widersprüchen

Zur Ausstellung ›Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus‹ im Berliner Museum für Gegenwart (Hamburger Bahnhof)

Ungewöhnlich und doch zeitlos schön wirken die meisten Bilder Emil Noldes (1867–1956): leuchtende Farben, spannungsvolle Kompositionen, träumerische Stimmungen und märchenhafte Motive. Wüsste man nicht, dass sichdie... [mehr]

Ungewöhnlich und doch zeitlos schön wirken die meisten Bilder Emil Noldes (1867–1956): leuchtende Farben, spannungsvolle Kompositionen, träumerische Stimmungen und märchenhafte Motive. Wüsste man nicht, dass sich
die Ausstellung ›Emil Nolde – Eine deutsche Legende‹ um dessen nationalsozialistische Vergangenheit dreht – man würde angesichts der Gemälde nicht darauf kommen.

»Imagine Peace«

Zur Ausstellung ›Yoko Ono. PEACE is POWER‹ im Museum der bildenden Künste in Leipzig

Der herrliche Blütenduft von 100 Zitrusbäumen in sargförmigen Holzkisten empfängt uns in der Ausstellung ›PEACE is POWER‹, die der japanisch- amerikanischen Künstlerin Yoko Ono (*1933) gewidmet ist. Ihr Lebensmotto... [mehr]

Der herrliche Blütenduft von 100 Zitrusbäumen in sargförmigen Holzkisten empfängt uns in der Ausstellung ›PEACE is POWER‹, die der japanisch- amerikanischen Künstlerin Yoko Ono (*1933) gewidmet ist. Ihr Lebensmotto steht im jüngst erschienenen Bildband ›Imagine‹: »Wenn eine Milliarde Menschen auf der Welt Frieden denkt, werden wir Frieden bekommen. [...] Stellt euch den Dominoeffekt vor und fangt einfach an, FRIEDEN zu denken.« Zu seinem bekannten Song ›Imagine‹ wurde John Lennon, mit dem die Künstlerin elf Jahre lang zusammenlebte, durch Onos ›Grapefruit‹ angeregt, eine Zettelsammlung mit »Instructions« zur Imagination von Musikstücken, Bildern, Räumen und Aktionen. Beide Künstler verband eine tiefe, nicht konfessionelle Religiosität.

Schwerpunkt:

Frauenstimmrecht und Dreigliederung in der Schweiz

Feuilleton:

Frauenland ist Menschenland

Die Vordenkerin Charlotte Perkins Gilman

Gibt es einen weiblichen Beitrag zur Dreigliederung des sozialen Organismus? Bis vor 100 Jahren haben Frauen Politik und Gesellschaft nicht bestimmt, sie waren nur in Ausnahmefällen als Gattin oder Verwandte eines Mannes... [mehr]

Gibt es einen weiblichen Beitrag zur Dreigliederung des sozialen Organismus? Bis vor 100 Jahren haben Frauen Politik und Gesellschaft nicht bestimmt, sie waren nur in Ausnahmefällen als Gattin oder Verwandte eines Mannes beteiligt. Insofern existieren kaum Gesellschaftsentwürfe von ihnen – außer Utopien. In ihnen können wir ihre Wünsche und Zukunftsträume kennenlernen.

In der Gralsburg

Gedanken zur Wandlung des Geldes

Man könnte es als die Amfortas-Wunde des anthroposophischen Lebens empfinden: Bis heute ist es nicht gelungen, aus den Angaben Rudolf Steiners zwei wirksame Heilmittel zu schöpfen, zum einen, was die individuelle Krebserkrankungbetrifft... [mehr]

Man könnte es als die Amfortas-Wunde des anthroposophischen Lebens empfinden: Bis heute ist es nicht gelungen, aus den Angaben Rudolf Steiners zwei wirksame Heilmittel zu schöpfen, zum einen, was die individuelle Krebserkrankung
betrifft und zum anderen für die soziale Erkrankung des gesellschaftlichen Organismus – beides hängt vielleicht innig zusammen.

Kurz notiert:

Kurz notiert

Seite: 136

Buchbesprechungen:

Angelika Sandtmann:Die Dialog-Vision von David Bohm. Denkmustern auf den Grund gehen

Eine Dialogrezension über ein Dialogbuch

Leserforum:

Geistiger Determinismus?

Zu ›Am Widerstand gewinne!‹ von Christoph Hueck in die Drei 4/2019

Vox Humana:

Großstadt