Heft 9, 2018

Schwerpunkt: Polarisierungen

»Im Gegensatz zu dem völkischen Impuls, der auf der Ausschaltung des Denkens beruht, bauen sowohl das freimaurerische als auch das jesuitische Streben auf das Denken; allerdings in derjenigen Form, die es in der Neuzeit annehmen musste. Beide Wege gründen zudem auf der Kenntnis okkulter Inhalte. Darin gleichen sie ebenfalls dem anthroposophischen Ansatz. Nur dass letzterer danach strebt, das Denken aus eigener Kraft den geistigen Inhalten entsprechend umzugestalten. Scheitert dieses und behält das Denken die Form bei, die es in der Neuzeit angenommen hat, so müssen sich innerhalb der anthroposophisch orientierten Bestrebungen notwendig Formen herausbilden, die entweder dem Jesuitismus oder der Freimaurerei gleichen.«

- Stephan Eisenhut -
Inhalt

Editorial:

Zu diesem Heft

Polarisierungen: einmal als bewusst inszenierte Kontraste im Erleben der Natur, denen Renatus Derbidge im zweiten Teil seines Artikels über die Hybernischen Mysterien nachspürt; dann als zynische Herrschaftstechnik in meiner... [mehr]

Polarisierungen: einmal als bewusst inszenierte Kontraste im Erleben der Natur, denen Renatus Derbidge im zweiten Teil seines Artikels über die Hybernischen Mysterien nachspürt; dann als zynische Herrschaftstechnik in meiner Darstellung der französischen Besatzungspolitik im Syrien der Zwischenkriegszeit; schließlich als Gegensatz geistiger Strömungen im Beitrag Stephan Eisenhuts, der die spirituellen Grundlagen der sozialen Dreigliederung untersucht – wobei der Artikel meines geschätzten Kollegen verbindet, was in den beiden anderen für sich steht, nämlich Spiritualität und Politik. (Außerdem ist er ein Beispiel dafür, wie man mit Äußerungen Steiners, die verschwörungstheoretisch ausgebeutet werden können, in aufklärender Art und Weise umgehen kann.)

Zeitgeschehen:

Unterwegs in Tschetschenien

Eine Reise durch den Osten Europas im Januar 2018 – Teil II

S. begrüsst uns auf dem Bahnsteig von Grosny. Ein großer, etwas stämmiger, leicht untersetzter, aber agiler und fröhlicher Endvierziger, mit schwarzer Fellmütze, Jeans und einem schwarzen Anorak; leger, normal,... [mehr]

S. begrüsst uns auf dem Bahnsteig von Grosny. Ein großer, etwas stämmiger, leicht untersetzter, aber agiler und fröhlicher Endvierziger, mit schwarzer Fellmütze, Jeans und einem schwarzen Anorak; leger, normal, und doch sofort mit Lokalkolorit. Als er mich sieht, freut er sich und sagt, dass er sich geehrt fühle: Für uns habe er den landestypischen Bart abgeschnitten – und nun hätte ich solch einen Bart! Ich sähe aus wie ein Tschetschene. S. strahlt meinen Bart an und hat fast Tränen in den Augen. Er wird mich in den nächsten Tagen immer wieder auf Tschetschenisch ansprechen, da er es nicht hinzubekommen scheint, mich nicht als Tschetschenen anzusehen. Marija, die mit mir reisende Führerin und Übersetzerin, muss ihn dann gelegentlich daran erinnern, dass ich ihn nicht verstehe, und dass sie Pausen braucht, um zu übersetzen. Aber auch, wenn ich ihm auf Englisch etwas erwidere, scheint ihn das glücklich zu machen. S. wird sich während unseres Besuchs um uns kümmern. Stolz scheint ihn das zu machen. Zuerst förmlich und etwas steif, dann zunehmend herzlich. Jetzt steht er noch gewissermaßen dienstlich da – am Ende, gleicher Bahnsteig, vier Tage später, verabschiedet S. uns als Privatmensch, der Freunden schweren Herzens gute Reise wünscht.

Rustaweli Boulevard

Impressionen aus Georgien

Wilde Landschaften, reißende Gebirgsflüsse, schwindelerregende Schluchten, verschneite Pässe, unpassierbar, machten die Reise durch den Kaukasus zu einem abenteuerlichen Erlebnis, damals. Alexandre Dumas, der 1858 dort... [mehr]

Wilde Landschaften, reißende Gebirgsflüsse, schwindelerregende Schluchten, verschneite Pässe, unpassierbar, machten die Reise durch den Kaukasus zu einem abenteuerlichen Erlebnis, damals. Alexandre Dumas, der 1858 dort unterwegs war, erzählt davon in dem immer noch lesbaren Bericht ›Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus‹. Im Jahre 2000 reiste Fritz Pleitgen mit einem WDR-Fernsehteam auf den Spuren Dumas’ durch den Kaukasus und wusste in seinem ebenso lesbaren Reisebericht darzulegen, welch vielfältige, verschachtelte Region der Kaukasus ist. Darin zitierte er den russischen Dichter Andrej Belyj: »Kaukasus und Transkaukasus sind urälteste Orte der Menschheit. Mir ist klar, warum die Arche Noah hier strandete, warum die Argonauten hier hinreisten, warum Prometheus das himmlische Feuer des Wissens hierhin brachte.«

Schwerpunkt:

Die spirituellen Grundlagen der Dreigliederung des sozialen Organismus

Ein Blick auf Rudolf Steiners Wirken in den Jahren 1917/18

2019 werden viele anthroposophische Einrichtungen die 100-Jahr-Feier des Impulses der Dreigliederung des sozialen Organismus begehen. Dessen spirituelle Grundlagen werden vermutlich kaum beachtet. Dabei beruht dieser Impuls... [mehr]

2019 werden viele anthroposophische Einrichtungen die 100-Jahr-Feier des Impulses der Dreigliederung des sozialen Organismus begehen. Dessen spirituelle Grundlagen werden vermutlich kaum beachtet. Dabei beruht dieser Impuls darauf, dass eine genügend große Anzahl von Menschen ein Denken entwickelt, durch das eine konkrete, individuelle Beziehung zum Geist hergestellt wird. Von 1917 an hat Rudolf Steiner seinen Schülern mit großem Ernst verdeutlicht, was eintreten muss, wenn zu wenige Menschen ein solches geist-offenes Denken entwickeln können. Darauf lenkt der folgende Artikel den Blick.

Orkneys Megalithstätten und die Hybernischen Mysterien

Versuch einer Rekonstruktion und zugleich ein Beitrag zum »Lesen« Rudolf Steiners – Teil II

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde skizzert, wie Rudolf Steiners rätselhafte, zum Teil auch widersprüchliche Schilderungen der Hybernischen Mysterien zu lesen sein könnten. Versucht man, wie dort angedeutet, Steiner... [mehr]

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde skizzert, wie Rudolf Steiners rätselhafte, zum Teil auch widersprüchliche Schilderungen der Hybernischen Mysterien zu lesen sein könnten. Versucht man, wie dort angedeutet, Steiner so zu lesen, dass nicht das geschilderte Bild selbst die Wirklichkeit ist, sondern die dahinterstehenden Erlebnisse dasjenige sind, um das es in den Einweihungen ging, so kann man mit diesem imaginativen Blick Zeugnisse dieser Kultur in Hybernia, d.h. im fernen Westen und Nordwesten Europas finden. Einer dieser Orte sind die Orkney-Inseln im Norden Großbritanniens.

Teile und Herrsche in Syrien

Der Nahe Osten zwischen den Weltkriegen – Teil II

Die Neuordnung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg war durch das Sykes-Picot-Abkommen sowie die Konferenz von San Remo nur insofern vorgenommen worden, als Frankreich und Großbritannien ihre Einflusszonen voneinander... [mehr]

Die Neuordnung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg war durch das Sykes-Picot-Abkommen sowie die Konferenz von San Remo nur insofern vorgenommen worden, als Frankreich und Großbritannien ihre Einflusszonen voneinander abgrenzten. Was innerhalb dieser Zonen geschah, musste erst noch geklärt werden. Der folgende Artikel betrachtet die Entwicklung in Syrien und dem Libanon.

Beihefte:

Feuilleton:

Prozess und Peripetie

Kunstbetrachtung der Bewusstseinsseele

Ist es Zufall? Fast ein Jahrzehnt nach seinem zu frühen Hingang im Jahre 2009 sind an zwei verschiedenen Orten Werke zum Sehen und Denken Michael Bockemühls – sicher einer der interessantesten Kunstwissenschaftler der... [mehr]

Ist es Zufall? Fast ein Jahrzehnt nach seinem zu frühen Hingang im Jahre 2009 sind an zwei verschiedenen Orten Werke zum Sehen und Denken Michael Bockemühls – sicher einer der interessantesten Kunstwissenschaftler der jüngeren Vergangenheit, zumal aus anthroposophischer Perspektive – vorgelegt worden. So erschien 2016 im transcript-Verlag eine Auswahl seiner theoretischen Schriften, herausgegeben und eingeleitet von Kollegen der Universität Witten- Herdecke, wo Bockemühl einen Lehrstuhl für Kunstwissenschaft, Ästhetik und Kunstvermittlung innehatte und einige Jahre das ›Institut für das Studium fundamentale‹ leitete; in diesem Jahr dann im Info3-Verlag die ersten drei Exemplare einer auf insgesamt 20 Bände veranschlagten Reihe von Bockemühls Vorträgen über Kunst und Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts, die er in den neunziger Jahren im Wittener Saalbau gehalten hat, herausgegeben u.a. von seinem langjährigen Assistenten David Hornemann. Beide Publikationen ergänzen sich ausgezeichnet, da sie zum einen den theoretischen Hintergrund seiner Arbeit mit den daraus hervorgehenden Konsequenzen entfalten, und zum anderen zeigen, wie fruchtbar die darin entwickelten und reflektierten Perspektiven für die Erschließung von künstlerischen Phänomenen sein können.

Geteilte Fragen

Annäherungen an Michael Bockemühl

Zu Beginn der Buchvorstellung eines Freundes anno 2017 stellte dieser dem versammelten Publikum eine Frage, die ich – wie eben jener Freund – aus Seminaren von Michael Bockemühl kannte. Während die Frage bei Bockemühl,... [mehr]

Zu Beginn der Buchvorstellung eines Freundes anno 2017 stellte dieser dem versammelten Publikum eine Frage, die ich – wie eben jener Freund – aus Seminaren von Michael Bockemühl kannte. Während die Frage bei Bockemühl, wann immer ich sie ihn vor anderen aussprechen hörte, mehr oder weniger zündete, tat sie das an diesem Abend nicht. Warum? Ich sprach den Freund hinterher darauf an. Ihm war beides bewusst: dass, erstens, jene Frage von Bockemühl stammte, und, zweitens, sie nicht gezündet hatte. Aber warum? Darauf wusste er keine Antwort. Wäre es kraftvoller gewesen, wenn er auf den Urheber der Frage, also auf Bockemühl verwiesen hätte? Oder wenn er eine andere Frage bzw. einen ganz anderen Einstieg gewählt hätte? Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass jene an diesem Abend nicht zündende Frage eben nicht die Frage meines Freundes gewesen war – oder anders: nicht von ihm in diesem Moment realisiert, aktualisiert, individualisiert worden war.

Blick in den dynamischen Farbraum

Zu Robert Delaunays ›Les Fenêtres simultanées sur la ville‹

In einem Brief an Wassily Kandinsky schrieb der französische Künstler Robert Delaunay (1885–1941), er habe »die Bewegung der Farbe« gefunden.1 Mit dieser Entdeckung und ihrer konsequenten Anwendung in der Malerei... [mehr]

In einem Brief an Wassily Kandinsky schrieb der französische Künstler Robert Delaunay (1885–1941), er habe »die Bewegung der Farbe« gefunden.1 Mit dieser Entdeckung und ihrer konsequenten Anwendung in der Malerei stand Delaunay zunächst noch recht alleine da – obwohl die Frage der Bewegung im Bild seinerzeit eine viel diskutierte war. Wie man ein Werk der bildenden Kunst, das an sich statisch ist, so ausführen kann, dass es den Eindruck von Bewegung erweckt, hat die Menschen schon seit der Renaissance immer wieder beschäftigt. Im 20. Jahrhundert schien diese Frage dann vielen durch die Kinematografie beantwortet zu sein: Einige Maler versuchten nun, die im Film auf mehrere Bilder verteilte Abfolge einzelner Bewegungsstadien in einem Bild anzuhäufen, um so einen Bewegungsablauf zu simulieren. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Giacomo Ballas ›Dynamik eines Hundes an der Leine‹, auch bekannt als »Hund mit zwanzig Beinen«.

Amerika – ein Heimatfilm

Zu ›First Reformed‹ von Paul Schrader

Das Münchner Filmfest ist das südliche Pendant zur weltbekannten Berlinale. Ein höchst merkwürdiges Werk feierte während dessen 36. Auflage im vergangenen Juli seine Deutschlandpremiere: ›First Reformed‹ von Paul... [mehr]

Das Münchner Filmfest ist das südliche Pendant zur weltbekannten Berlinale. Ein höchst merkwürdiges Werk feierte während dessen 36. Auflage im vergangenen Juli seine Deutschlandpremiere: ›First Reformed‹ von Paul Schrader, gezeigt jeweils einmal zu Beginn und zum Ende des einwöchigen Festivals – wie ein Rahmen zur großen Gegenwartsfrage: Was ist bloß los in Amerika?

Innere und äußere Gärten

Paul Klee zu Gast in Max Liebermanns Villa am Wannsee

»Einmal, es war in Klees Feiernacht, legte er an geheimster Stelle den Keim zu seinem selbstbeschlossenen Ich. Von damals an wurden alle Fäden, die er zu spannen gesonnen war, zu zarten Würzelchen. Und was er seitdem seiner... [mehr]

»Einmal, es war in Klees Feiernacht, legte er an geheimster Stelle den Keim zu seinem selbstbeschlossenen Ich. Von damals an wurden alle Fäden, die er zu spannen gesonnen war, zu zarten Würzelchen. Und was er seitdem seiner Seele zu erzeichnen vermag, wird Wurzelung. Er sollte sein Sonnenjahr in Tunis erleben. Sofort schoss die Pflanze schlank empor. Nun trägt sie Blüten: seine feurigen Aquarelle. Das Ich entfaltet sich aber weiter: wenn Paul Klee zeichnet, so treibt es neue Wurzeln; und bunte Blumen strahlen auf, wenn er malt, in Farben dichtet.« – Theodor Däubler, 1919

Die Kunst der Wahrnehmung

James Turrell in Baden-Baden

Um das Licht zu sehen, tritt man zunächst in die Dunkelheit. Ein schmaler, schwarzer, verwinkelter Gang ist einer der ersten Erfahrungsräume, den man in der aktuellen Ausstellung im Frieder Burda Museum in Baden Baden betritt:... [mehr]

Um das Licht zu sehen, tritt man zunächst in die Dunkelheit. Ein schmaler, schwarzer, verwinkelter Gang ist einer der ersten Erfahrungsräume, den man in der aktuellen Ausstellung im Frieder Burda Museum in Baden Baden betritt: ›James Turrell – The Substance of Light‹. Das grelle Sommerlicht der Außenwelt legt sich wie ein Schleier vor das Auge und flimmert. Gerade dieser angestrengte Augenblick, während dem man nichts, scheinbar nichts sieht und doch so aktiv schaut, birgt eine Erfahrung, die sonst oft hinter allem »Zu-Sehenden« verborgen bleibt: das eigene Sehen.

Die Erfahrung der Leibfreiheit

Zum VIII. Forschungskolloquium Meditationswissenschaft am 9. Juni 2018 im Rudolf Steiner-Haus Stuttgart

Es ist Nacht geworden, und er hat sich im Hoggargebirge mitten in der Sahara verlaufen, hat seine Reisegruppe verloren, nichts Warmes anzuziehen, fast nichts mehr zu trinken: Es geht ums nackte Überleben. Denn die Nächte... [mehr]

Es ist Nacht geworden, und er hat sich im Hoggargebirge mitten in der Sahara verlaufen, hat seine Reisegruppe verloren, nichts Warmes anzuziehen, fast nichts mehr zu trinken: Es geht ums nackte Überleben. Denn die Nächte in der Sahara sind gnadenlos kalt und ohne entsprechende Ausrüstung kaum zu überleben. Eric Emanuel Schmitt ist 28 Jahre alt und erzählt 25 Jahre später in seinem Roman ›Nachtfeuer‹ (Frankfurt a.M. 2017) von den Erlebnissen dieser abenteuerlichen Nacht in der Sahara. Wie er sich im heißen Wüstensand eingrub, um nicht zu erfrieren, wie er sich plötzlich außerhalb seines Leibes, über sich schwebend empfand, und wie er dadurch unmittelbar die Erfahrung eines unabhängig vom Leib Existierenden machen konnte, die aus ihm, dem materialistisch gesinnten jungen Mann, einen spirituell suchenden Menschen gemacht hat.

Kurz notiert:

Kurz notiert

Seite: 74

Buchbesprechungen:

William Taubman:Gorbatschow – Der Mann und seine Zeit. Eine Biographie

Das zivilisierte Gesicht Russlands

Bernd Rosslenbroich:Entwurf einer Biologie der Freiheit – Die Frage der Autonomie in der Evolution

Ein Meilenstein

Jens Martignoni:Das Geld neu erfinden – Alternative Währungen verstehen und nutzen

Vielfalt der Ansätze

Leserforum:

Falsche und richtige Fragen

Zur Serie ›Das Grundeinkommen: Pathologie und Wirkung einer sozialen Bewegung I-VI‹ von Johannes Mosmann in die Drei 1-2//2018 bis 7-8/2018

Vox Humana: