Vor 100 Jahren, 1921, ächzt Deutschland unter den Reparationen, die es als Ausgleich für den verlorenen Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen zahlen soll. Alle versuchen für sich zu retten, was zu retten ist – durch Ultimaten, Besetzungen, Volksabstimmungen oder Streiks. Die »Goldenen Zwanziger« sind noch nicht angebrochen, doch der innerdeutsche Flugverkehr nimmt schon an Fahrt auf, und in Berlin wird das erste aerodynamisch konstruierte Auto vorgestellt. Der Chemiker Fritz Winkler entdeckt das Plasma als bisher unbekannten Aggregatzustand, und Albert Einstein erhält den Nobelpreis für Physik. Am 29. Juni begeht die Katholische Kirche den 700. Todestag des Heiligen Dominikus. Genau einen Monat später wird Adolf Hitler zum Parteivorsitzenden der NSDAP gewählt, und im September erklärt der Zionistische Weltkongress in Karlsbad, das jüdische Volk wolle mit den Arabern »in einem Verhältnis der Eintracht und der gegenseitigen Achtung« in Palästina zusammenleben. Die Sowjetunion, in der gerade die große Hungersnot mit schließlich fünf Millionen Toten ausbricht, und Polen unterzeichnen einen Friedensvertrag. Der russische Anarchist Pjotr Kropotkin stirbt am 8. Februar, der Theosoph Alfred Percy Sinnett am 26. Juni, während am 9. Mai die deutsche Widerstandskämpferin Sophie Scholl das Licht der Welt erblickt, und drei Tage später, am 12. Mai, Joseph Beuys. Und meine Großeltern väterlicherseits kehren in diesem Jahr aus Neuseeland, wohin sie 1912 ausgewandert waren, mit ihren drei dort geborenen Kindern zurück und lassen sich im holsteinischen Kaltenkirchen nieder.