Zu William Shakespeare: ›Ein Sommernachtstraum‹ am Forum Theater Stuttgart
Seit ich wusste, im Stuttgarter Forumtheater läuft der ›Sommernachtstraum‹, quälte sich meine Seele. Oder besser: Zwei Seelen in der Brust quälten einander. Die eine hatte einfach Lust hinzugehen: Wär das nicht schön, mal wieder ein klassisches Theaterstück zu sehen, das du seit 50 Jahren liebst und dazu in- und auswendig kennst? Eben, entgegnete die andere: Was soll’s? Das Bad in der Menge der Gefühle von vorgestern – was soll es anderes bedeuten als abzutauchen aus der aktuellen Weltlage? ›Ein Sommernachtstraum‹ – das hat uns doch wohl gerade wenig zu sagen!
Zur Ausstellung: ›Chagall‹ in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
In der Düsseldorfer Kunsthalle K 20 findet noch bis zum 20. August 2025 eine sehr schöne, mit vielen Hauptwerken bestückte Personalausstellung des weißrussisch-französischen Malers Marc Chagall statt (geb. 1887 in Witebsk, Russisches Kaiserreich, heute Weißrussland; gest. 1985 in Saint-Paul-de-Vence in Südfrankreich), eine Kooperation des Wiener Albertinum und der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Unter dem lakonischen Titel ›Chagall‹ sind Arbeiten aller Schaffensperioden zu sehen, mit Schwerpunkt auf den frühen Jahren des Künstlers zwischen 1910 und 1923.
Zur Ausstellung; ›Der Fluss bin ich‹ in Paderborn
›Der Fluss bin ich‹ – Wie bitte? Wieso bin ich der Fluss? – Vor mir liegt die Ankündigung einer Ausstellung, die am 28. Juni 2025 in Paderborn, »an der Pader« eröffnet werden soll. Es handelt sich dabei um den Fluss, der in etwa 200 Quellen inmitten der Stadt Paderborn entspringt, einer Großstadt, die ihn auf seinem 4,6 km langen Lauf ganz umfängt, ehe er in Paderborn-Neuhaus in die Lippe mündet bzw. die namengebende Lippe in die Pader mündet, die bei weitem mehr Wasser führt. Nach dem landläufigen Vorurteil, dass es immer das größere Gewässer ist, das den Namen gibt, müsste die mehr als 200 km lange Lippe, die bei Wesel als dessen letzter größerer Zufluss in den Rhein mündet, also Pader heißen!
Friedrich Nietzsche (1844–1900) zum 125. Todestag
Jede Zeit – und noch mehr jeder Leser – versteht Nietzsche wohl anders. Ein Philosoph, der auf seine Art einzig dasteht, viele Widersprüche aufweist, bei näherer Bekanntschaft mit seinem Werk jedoch den aufnahmebereiten Leser verwandelt, so dass er auch von Nietzsche ein anderes Bild bekommt.
Im Gedenken an Albrecht Haushofer (1903–1945)
Albrecht Georg Haushofer kam am 7. Januar 1903 in München zur Welt, als Sohn des königlich bayrischen Offiziers und Geografen Karl Haushofer (1869–1946) und der Martha Haushofer (1877–1946), Tochter des jüdischen, aber zum Katholizismus konvertierten Juristen und Tabakfabrikanten Georg Ludwig Mayer-Doss, der seiner Tochter und dem Schwiegersohn Karl zur Hochzeit 1896 ein Haus an der Giselastrasse 17 in München schenkte und ihnen später (1916) den Hartschimmelhof übergab. Albrechts jüngerer Bruder Heinz Konrad Haushofer kam am 19. Juni 1906 in München zur Welt. Albrecht war ein Winterkind (Steinbock), Heinz ein Sommerkind (Zwilling).
Im Gespräch mit Thomas Mann
Im Juli 2024 erschien aus berufenem Munde ein bemerkenswertes Statement zur allgemeinen Bedeutung der Literatur für die Selbstbildung des Menschen. Dabei handelte es sich um einen Brief des einige Monate danach verstorbenen Papstes Franziskus (1936–2025), der auf die Priesterausbildung bezogen war, wobei der Verfasser ausdrücklich feststellte, man könne die von ihm ausgeführten 44 Thesen im Hinblick auf »alle Christen« verallgemeinern!
Noch einmal zur Ausstellung ›Der Fluss bin ich‹ in Paderborn
In der letzten Nummer der Drei erschien unter dem Titel ›Stadt – Mensch – Fluss‹ ein Vorblick auf die Ausstellung ›Der Fluss bin ich‹. Der Fluss ist die Pader, der Ausstellungsort Paderborn. Wer den Artikel gelesen hat, wird sich die Frage stellen: Was wird denn unter diesem ungewöhnlichen Titel nun gezeigt? Inzwischen ist die Ausstellung eröffnet, ich war da, und mein Fazit – es sei vorweg gesagt – lautet: Ob mit oder ohne Ausstellung lohnt sich in jedem Fall eine Reise nach Paderborn, zur Pader und zu ihren Quellen! Denn dort erlebt man eine in Deutschland einmalige Symbiose von Stadt, Mensch und Fluss!
Zur Ausstellung ›Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik‹ in der Hamburger Kunsthalle
In der Hamburger Kunsthalle ist noch bis zum 12. Oktober 2025 die Ausstellung ›Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik‹ zu sehen, entstanden in Zusammenarbeit mit dem ›Centre Pompidou – Musée national d’Art Moderne‹ in Paris, das über 30 hervorragende Leihgaben zur Verfügung stellte. Mit insgesamt rund 300 Exponaten von über 80 Leihgebern auf 2000 qm Ausstellungsflächezeigt Hamburg eine zahlenmäßig große und künstlerisch exquisite Schau mit vielen emblematischen – oder wie man heute sagt: »ikonischen« – Kunstwerken. Anlass ist das 100-jährige Jubiläum der Veröffentlichung des von André Breton formulierten ›Surrealistischen Manifestes‹ am 15. Oktober 1924.
Zu Coleman Hughes: ›Farbenblind‹
Wer alt wird, wird nostalgisch. Neben dem, was der bekannten Weise gemäß im Rückspiegel immer vorteilhafter aussieht, fördert der rückwärtsgewandte Blick auch das eine oder andere zutage, das tatsächlich besser war. In den Sommerferien 1994 verkaufte ich Musik in einer Karstadt-Filiale in Hannover. Im Radio trällerte die afroamerikanische Sängerin Dionne Farris ihren Song ›Only Human‹ (›Nur ein Mensch‹). Michael Jackson war mit seinem Hit ›Black or White‹ (1993) noch populär, in dem er proklamiert, dass es keinen Unterschied mache, ob man schwarz oder weiß sei. Die Rede vom Menschsein, das uns alle jenseits derartiger Charakteristika verbindet, war Mitte der Neunziger tief in der Popkultur verankert. Sie gehörte zu den selten ausgesprochenen Leitmotiven meiner Jugend.
Zum 500. Todestag Friedrichs III des Weisen (* 17. Januar 1463 in Torgau Schloss; † 5. Mai 1525 in Annaburg)
Er wurde geboren zu einer Zeit, als das Mittelalter allmählich zu Ende ging. In seinem Wesen war er in vielem noch ein mittelalterlicher Mensch. Er beschützte die Reformation Martin Luthers und reifte an ihr zu einem modernen Menschen. Ihn prägten sein hoch entwickeltes Verantwortungsgefühl, intensive Frömmigkeit und sein Suchen nach Wahrheit. Friedrich III. wurde am 17. Januar 1463 auf Schloss Hartenfels in Torgau als ältester Sohn des Kurfürsten Ernst von Sachsen (1441–1486) und seiner Ehefrau Elisabeth (1443–1484), einer bayerischen Herzogstochter, geboren. Sein Geburtstag fiel auf den Gedenktag des Heiligen Antonius. Dieser »Vater der Mönche« aus dem 3./4. Jahrhundert spielte in seiner Frömmigkeit eine große Rolle. Die Burg Hartenfels war seit Jahrhunderten im Besitz der Wettiner. Friedrichs Vorfahren waren teilweise römisch-deutsche Könige und Kaiser gewesen (Staufer, Habsburger, Welfen, Hohenzollern, pommersche Greifen…). Seines Platzes im europäischen Hochadel war er sich sehr bewusst.
Zu Robert Macfarlane: ›Sind Flüsse Lebewesen?‹
Das Buch, um das es hier geht, trifft – behaupte ich – einen Nerv unserer Zeit! Erst 2025 in England erschienen, liegt es im Sommer dieses Jahres bereits auf Deutsch vor. Der Verfasser selbst schreibt: »In meiner 20-jährigen Tätigkeit als Autor [er ist 1976 geboren] von mittlerweile zehn Büchern habe ich mich noch nie mit einem derart dringlichen Thema beschäftigt« (S. 395 ). Worin liegt diese Dringlichkeit? Gerade in den letzten Jahren hat sich in unserer Zivilisation die Schere zwischen technisch-wissenschaftlichem Fortschritt (Digitalisierung, Künstliche Intelligenz usw.) und Naturzerstörung (Klimawandel, Artensterben usw.) weiter als jemals zuvor geöffnet. Halb hilflos, halb rabiat versuchen Politik und Wirtschaft mit den damit einhergehenden Krisen und sozialen Verwerfungen umzugehen, die sich in Kriegen und Katastrophen manifestieren. Aber »Flüsse«? Ist das nicht ein Nebenschauplatz?
Zur Aktualität des Hl. Irenäus von Lyon (* um 135; † um 200)
Wie ging die christliche Entwicklung in den Jahren nach Jesu Tod und Auferstehung weiter? Man weiß einiges über die Apostel, und dass sich das Christentum im Römischen Reich schnell ausbreitete, zunächst in Palästina, Syrien, Kleinasien, Griechenland und in Rom selbst. Und in Gallien? Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich mit dem Christentum während der Spätantike in Lyon. Eine herausragende Gestalt damals war der Hl. Irenäus.
Zu Manuel Schlögl: ›Die Freiheit des Sohnes‹
Manuel Schlögl, deutscher Theologe und Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und ökumenischen Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie, legte 2022 eine weit ausholende Studie zur Christologie Maximus des Bekenners als Habilitationsschrift vor – eine Arbeit, die mit Umsicht und Sorgfalt in die komplexe geistige Welt des Bekenners einführt. Schlögls Gedankensprache ist durchgängig von klarer, ruhiger, stets überzeugender Gediegenheit, die sich womöglich nur damit erklären lässt, dass er die Theologie des Bekenners nicht nur gründlich rezipiert, sondern in ihrer vielschichtigen Struktur im besten Sinne des Wortes auch meditativ durchdrungen hat. Maximus, genannt Maximus Confessor bzw. in der griechischen Orthodoxie Maximos Homologetes (580-662), steht mit seinem Lebenswerk für ein Jahrhunderte überspannendes Ringen um eine Christologie, die geeignet ist, das Göttliche und das Menschliche in dem Christus Jesus in ihrem wechselseitigen dynamischen Verhältnis – gewissermaßen gleichrangig – für Menschen denkbar zu machen.
Maria, Christophorus, Antonius und die zwei Jesuskinder
Einer der ältesten Thermalorte Europas, Abano Terme, birgt im Santuario di Santa Maria della Salute (Heilige Jungfrau Maria der Gesundheit)Monteortone ein einmaliges Bild, das ich »zufällig« im Zusammenhang mit einem Workshop wahrnehmen durfte. Es stellt Maria mit dem Kind in einer Dreiheit mit den Heiligen Christophorus und Antonius dar. Eine solche Komposition ist in der ganzen mir bekannten Kunstgeschichte einmalig. Sie könnte hier auf geniale Weise das sophianische Gleichgewicht der vier Elemente beziehungsweise Ätherarten versinnbildlichen, das alle Heilung und Gesundheit durch die Christus-Ich-Kraft bewirkt.
Zur Ausstellung: ›Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst‹ im Museum Barberini Potsdam
Am 23. Oktober 2025 fand die wie immer gut besuchte Pressekonferenz des Museums Barberini in Potsdam zur demnächst eröffneten Ausstellung statt. Als generell sehr anziehendes Thema lockte das die Phantasie beflügelnde Einhorn bzw. eine auf die Ikonografie des mythischen Tieres ausgerichtete Ausstellung, die seiner Darstellung in der Kunst über einen Zeitraum von 4.000 Jahren folgt. Ein spannendes, mit Neugier erwartetes Unterfangen. Die Projektvorstellung fand im großen Saal des zweiten Obergeschosses statt, mit Blick auf die prächtige Nikolaikirche und ihre dominante Kuppel, die sich in der regennassen Pflasterung widerspiegelte. Zur anderen Seite bilden zwei Flügel des Hauses einen offenen Hof mit Wolfgang Mattheuers monumentaler Skulptur ›Der Jahrhundertschritt‹. Begrenzung des Ganzen: ein umgrünter Havelkanal namens Alte Fahrt. Kultur, wohin man schaut. Gute Stimmung unter den Journalisten, auf die eine der immer interessanten Kuratorenführungen wartete. Am Ende des Rundganges gab es lang anhaltende Standing Ovations für die fesselnde, sehr kenntnisreiche Führung des Kurators der Ausstellung und Chefkurators des Potsdamer Museums Michael Philipp, die in der Musik zweifelsfrei eine Zugabe ausgelöst hätte.
Zur Ausstellung ›Utopia. Recht auf Hoffnung‹ im Kunstmuseum Wolfsburg
Wenn wir durch Großstädte irgendwo auf der Welt schlendernd den Blick an Schaufenstern und Werbeflächen entlanggleiten lassen, bleiben schrill bunte Eindrücke von Mode und Präsentationsdesign hängen und sinken mehr oder weniger bewusst in Erinnerungen ab. »Die Farben werden in Krisenzeiten intensiver und kontrastreicher«, erklärt mir voller Überzeugung die Inhaberin eines Ladens mit Modeaccessoires. Eine Welt voller Krisen, Destruktion und Gewalt brauche das Farbenfrohe, Bunte, Kreative und Gewagte, das uns zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt, ergänzt sie weiter. Diesen Eindruck vermittelt auch die aktuelle Ausstellung ›Utopia. Recht auf Hoffnung‹ im Kunstmuseum Wolfsburg: Die 110 Kunstwerke sind bunt, vielfältig, überraschend, regen zum Um- und Andersdenken an und stellen Bezüge zu existenziellen Fragen her.