Der Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche hat einen Inszenierungsstil entwickelt, mit dem er Furore macht. Gerade wurde er zum zweiten Mal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen, wo alljährlich die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet werden. 2017 waren es Schillers ›Die Räuber‹ an den Münchner Kammerspielen, dieses Jahr seine Baseler Inszenierung von Georg Büchners ›Woyzeck‹.
Lessings ›Nathan der Weise‹ in Potsdam und Goethes ›Faust‹ in Altenschlirf
Zur Ausstellung ›Monet. Orte‹ im Museum Barberini Potsdam
›Monet. Orte‹ – hinter diesem Titel verbirgt sich eine der größten Monet-Ausstellungen, die es bislang in Deutschland zu sehen gab. Rund 110 Gemälde auf drei Etagen des Potsdamer Museum Barberini zeigen Orte in Frankreich, England, Holland und Italien, die Claude Monet (1840–1926), einen der Hauptmeister des Impressionismus, inspirierten und künstlerisch voranbrachten. »Sie ist die erste Ausstellung, die Monets künstlerischen Werdegang im Hinblick auf seine Ortswahl und sein Ortsbewusstsein in den Blick nimmt«, vermerkt die Pressemitteilung des Museums: »Wir zeigen, wie wichtig bestimmte Landschaften an den Wendepunkten seiner Karriere waren, und untersuchen, wie und warum diese Orte die Entwicklung seiner Malerei beeinflusst haben.«
Zu Lutz Seiler: ›Stern 111 – Roman‹
›Stern 111‹, der neue Roman von Lutz Seiler, hat den Geisterpreis der (nicht stattgefundenen) Leipziger Buchmesse erhalten. Wie schon sein Vorgänger ›Kruso‹, der 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, landete er bald auf Platz 1 der ›Spiegel‹-Bestsellerliste. Das ist definitiv erstaunlich und auf jeden Fall tröstlich, denn es bedeutet viel in diesen Zeiten. Da draußen in der Welt der Slogans, Internet-Sprechblasen und Ghetto-Slang-Sprachgewohnheiten sind offenbar viele – Hunderttausende – am Leben, die noch Dichtung schätzen.
Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau (1885–1956) zum 70. Todestag
Anmerkungen zu einer modernen Sprachfloskel
»Narrative« – dieser Tage ein vielbemühter Begriff. Doch was ist damit eigentlich gemeint? (Wenn überhaupt.) Einmal dieses, einmal jenes, je nach Belieben, Kontext oder Situation? Eine Inflation der vielf ltigsten Verwendung, bis hin zur Inhaltslosigkeit, ist hier zu beobachten, oft mit einem negativen Touch. Da gibt es viele Beispiele: »narrative Therapie«, »narrativer Konstruktivismus«, »narrative Strukturen«, »narrative Autorität« usw. Ein Versuch zur Begriffsbestimmung, der für den anthroposophischen Leser von besonderem Interesse ist, sei hier genannt. Er entstammt dem Buch ›Der Erzähler Rudolf Steiner‹ von Ulrich Kaiser: »Unter Narrativ verstehe ich hier eine ungeprüfte Hypothese, die wiederholt und unreflektiert wie eine Tatsache (nach)erzählt wird bzw. durch die ungeprüfte Wiederholung quasi zur Tatsache wird.« Das kann es aber doch nicht sein.
Zur Ausstellung; ›Der Fluss bin ich‹ in Paderborn
›Der Fluss bin ich‹ – Wie bitte? Wieso bin ich der Fluss? – Vor mir liegt die Ankündigung einer Ausstellung, die am 28. Juni 2025 in Paderborn, »an der Pader« eröffnet werden soll. Es handelt sich dabei um den Fluss, der in etwa 200 Quellen inmitten der Stadt Paderborn entspringt, einer Großstadt, die ihn auf seinem 4,6 km langen Lauf ganz umfängt, ehe er in Paderborn-Neuhaus in die Lippe mündet bzw. die namengebende Lippe in die Pader mündet, die bei weitem mehr Wasser führt. Nach dem landläufigen Vorurteil, dass es immer das größere Gewässer ist, das den Namen gibt, müsste die mehr als 200 km lange Lippe, die bei Wesel als dessen letzter größerer Zufluss in den Rhein mündet, also Pader heißen!
Zu Harald Meller & Kai Michel: ›Das Rätsel der Schamanin‹
Im Jahre 2002 half der deutsche Archäologe Harald Meller mit, die berühmte »Himmelsscheibe von Nebra« zu sichern, die als erste Himmelsdarstellung der Welt gilt, und 2008 grub sein Kollege Nicholas Conard in Höhlen der Schwäbischen Alb die frühesten Musikinstrumente und Tierskulpturen der Menschheit aus. Nun hat Deutschland wieder eine archäologische Weltsensation, an deren Erforschung erneut Harald Meller beteiligt ist, der darüber zusammen mit dem Historiker Kai Michel ein faszinierendes Buch geschrieben hat. ›Das Rätsel der Schamanin‹ erzählt spannend wie ein Krimi und zugleich spirituell berührend die Geschichte einer ca. 35-jährigen Frau aus dem Mesolithikum, die mit einem kleinen Kind bereits 1934 in einem Grab im Kurpark von Bad Dürrenberg entdeckt wurde. Doch erst neuere Untersuchungen legten die Vermutung nahe, dass es sich um eine vor 9.000 Jahren verstorbene »Schamanin« gehandelt haben könnte, was jetzt durch wiederholte Grabungen und genauere Analysen am Skelett endgültig bestätigt werden konnte. Eine Weltsensation ist das insofern, als es sich um den ersten wissenschaftlichen Nachweis von Schamanismus im prähistorischen Europa handelt, den man zwar schon anhand von anderen Funden angenommen hatte, aber bisher nicht zweifelsfrei belegen konnte. Nun aber sind verschiedene Analyseergebnisse zusammengekommen, die das Bild komplett und schlüssig machen.
Zur internationalen Fachkonferenz für Eurythmisten, Sprachgestalter, Heileurythmisten und Interessierte vom 2. bis 6. April 2018 am Goetheanum
Am Goetheanum in Dornach traf sich in der Osterwoche die heute weltweit ausgebreitete und vor nunmehr über 100 Jahren aus der Anthroposophie hervorgegangene Sprachgestaltungs- und Eurythmie-Bewegung zu einer internationalen, von über 600 Teilnehmern besuchten Konferenz. Dieses Ereignis hatte – wie mittlerweile viele solcher Fachkonferenzen, die zumeist in jährlichen bzw. dreijährlichen Abständen am Goetheanum stattfinden – symptomatischen Charakter, weshalb es sich auch in einer allgemeinen anthroposophischen Zeitschrift lohnt, darüber zu berichten. Symptomatisch deshalb, weil ein großer Teil der Entwicklung der Anthroposophie heute weltweit in diesen sogenannten »Tochterbewegungen« stattfindet, d.h. aber auch: nicht mehr nur in Mitteleuropa, sondern überall auf der Welt und in allen ihren Sprachen.
Zu Oliver S. Lazar: ›Jenseits von Materie‹
Ein Naturwissenschaftler macht mit 43 Jahren eine Erfahrung, die sein Leben völlig verändert. Der Unfalltod einer 13-jährigen Klassenkameradin seiner Tochter trifft ihn so hart, dass er sich das nicht erklären kann. Er durchlebt nicht nur eine tiefe, langanhaltende Trauer, sondern auch eine starke körperliche Reaktion und eine Liebesempfindung, wie man sie nur aus Berichten von Nahtoderfahrungen kennt. Er liest darüber nach und bucht ein Aurareading. Durch die Mitteilung des Mediums erfährt er, dass die Seele des verstorbenen Mädchens den Kontakt zu ihm suchte. Wie soll er das verstehen?
Zur Ausstellung ›Frans Hals. Meister des Augenblicks‹ in der Gemäldegalerie Berlin
Rudolf Steiner über den Mithraskult und eine Ausstellung in Karlsruhe
Über die ›Living Connections‹-Konferenz zur anthroposophischen Meditation am Goetheanum
In hochsommerlicher Stimmung und bei Temperaturen bis zu 37 Grad fand vom 7.–9. Juli 2017 die ›Living-Connections‹-Konferenz am Goetheanum mit insgesamt etwa 450 Teilnehmern aus aller Welt statt. Vorbereitet hatte diese groß angelegte Konferenz die ›Goetheanum-Meditation-Initiative-Worldwide‹, die vor sieben Jahren auf Anregung von Arthur Zajonc und anderen am Goetheanum und in Järna/Schweden entstanden ist. Diese Initiativgruppe mit einem Kern aus zwölf Menschen und einem erweiterten Kreis von mittlerweile etwa 75 Menschen aus allen Teilen der Welt, vor allem aber aus dem Westen, hatte einen großen Rahmen aufgespannt, in dem es tatsächlich möglich wurde, anthroposophische Meditation und Spiritualität in einer großen Offenheit und Weite zu erfahren.
Zum Film ›Heilige Spiele – Eine Filmwanderung zu Johann Sebastian Bach‹ von Rüdiger Sünner
Zwei Hände entnehmen einem Instrumentenkoffer die Teile einer Querflöte. Umsichtig werden sie zusammengefügt. Im dunkel abgehängten Raum – jede Ablenkung vom Wunder des Klangs als Resultat einer intimen Begegnung zwischen Mensch und Instrument unterbindend – setzt ein Mann in schwarzem Hemd die Flöte an die Lippen. Es ist der Regisseur selbst, den wir am Werk sehen, dem wir zuschauen, wie er ein Geheimnis zum Leben erweckt: das Geheimnis, wie eine uns geschichtlich und hinsichtlich der Umstände, unter denen sie entstanden ist, so ferne Komposition zutiefst bewegen kann – während uns vieles andere und scheinbar Zeitgemäßere kalt lässt.
Ein Theaterprojekt über die Corona-Pandemie
Am Jagdschloss Grunewald in Berlin, vor der Kulisse des Grunewaldsees und der immer dunkler werdenden Silhouette des Waldes sitzen wir, die Theaterzuschauer. Nur das Rauschen der nahen Autobahn stört die Idylle. Die Bühne, so scheint es, ragt in den See hinein. Ein offener Ort. ›Offen lag die Welt – oder: Wir klatschen unsere Laptops an die Wand und gehen spielen‹ heißt denn auch der Titel des Stücks, das da von dem deutsch-syrischen Theaterkollektiv ›syn:format‹ gespielt wird.
Zu Rembrandts letztem Gemälde
»Nun entlässt du, o Gebieter, deinen Knecht in Frieden, wie du es verheißen. Denn meine Augen haben dein Heil gesehen.« (Lk 2,29-30) So lauten die Worte des alten Simeon, die er angesichts des Jesuskindes ausspricht, denn ihm wurde geweissagt, dass er erst sterben werde, wenn er Christus1 gesehen habe. Erlöst im Anblick des Erlösers darf er nun in Frieden aus dem Leben scheiden. Rembrandt malte dieses Erlösungsgeschehen, bevor er selbst – am 4. Oktober 1669 – in die geistige Welt einging. Das Gemälde soll auf seiner Staffelei gestanden haben, als er starb. Obwohl es eine Auftragsarbeit war, wirkt es wie eine Art Vermächtnis; nicht nur wegen des Motivs, sondern vor allem wegen der ganz eigenen anschaulichen Wirkungsgestalt des Bildes.
Zu Reiner Kunzes 85. Geburtstag
»Welches Glück, einen Dichter zu haben ...« Das ist der immer wiederkehrende Stoßseufzer der Hauptfigur des Romans ›Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‹ von Rainer Maria Rilke. Brigge ist eine biografische Figur, der Autor lässt ihn in Paris unter seinen eigenen Lebensumständen wohnen, identisch bis zur Hausnummer. Auch seine Ängste und Sorgen gibt er der Figur mit – Rilke, der im Grunde sein Leben lang obdachlos war, ohne eigene Wohnung und ohne gesichertes Einkommen, ständig angewiesen auf Unterstützung durch Gönner und Mäzene. Malte, der Romanheld erfährt das soziale Elend des damaligen Paris der Jahrhundertwende. Immer wenn er es in der Winterkälte der ungeheizten Wohnung nicht mehr aushält, geht er in die Bibliothek. Draußen auf der Straße die Bettler, die ihm zu verstehen geben: Bald könntest du einer von uns sein … Diese bedrohliche Vision, die seine eigene ist, bekämpft Rilke nicht mit dem Gefühl: »Welches Glück, ein Dichter zu sein!« Seine soziale Randlage empfindet er als Auslieferung und die Pflicht des »Dennoch« in der Notwendigkeit künstlerischen Schaffens.
Zum IV. Kongress ›Meditation und Wissenschaft‹
550 Teilnehmer waren am ersten Adventswochenende 2018 nach Berlin zum vierten Kongress ›Meditation und Wissenschaft‹ unter dem Titel: ›Meditation zwischen Abgrund und Nirvana‹ gekommen und diskutierten vor allem zwei Fragen: Wieweit lässt sich die Meditation – unter der in diesem Kontext grundsätzlich die buddhistisch inspirierte Achtsamkeits- oder die säkularisierte Zen-Meditation verstanden wird – zu Zwecken der Selbstoptimierung nutzen? Und: Wieweit wird das, was mit dieser Art der Meditation ursprünglich gesucht wurde, nämlich ein tieferes und wahres Verstehen der eigentlichen Natur der Welt und damit auch des eigenen Selbst, dadurch verraten, dass man Achtsamkeit im Sinne eines wirtschaftlichen und gesundheitlichen Effektivitätsdenkens instrumentalisiert? Der Kongress sollte mithin ein Statement gegen »Achtsamkeit light« sein.
Oskar Kokoschka – Humanist und Rebell Eine Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg
Im Gespräch mit Thomas Mann
Im Juli 2024 erschien aus berufenem Munde ein bemerkenswertes Statement zur allgemeinen Bedeutung der Literatur für die Selbstbildung des Menschen. Dabei handelte es sich um einen Brief des einige Monate danach verstorbenen Papstes Franziskus (1936–2025), der auf die Priesterausbildung bezogen war, wobei der Verfasser ausdrücklich feststellte, man könne die von ihm ausgeführten 44 Thesen im Hinblick auf »alle Christen« verallgemeinern!
Anmerkungen zum ›Museu Oscar Niemeyer‹ in Curitiba/Brasilien
Mitten im Häusermeer der Millionenstadt Curitiba in Südbrasilien erhebt sich das Oscar Niemeyer Museum, das im Volksmund »Olho« (= »Auge«) genannt wird, weil es wie die Pupille des menschlichen Auges auf seinen seitlichen Glasflächen Himmel, Wolken und umgebende Gebäude spiegelt. Die aus zwei geometrischen Baukörpern, dem Auge und dem Sockelbau, zusammengefügte gelbe Skulptur wirkt monumental. Vom Ausgang im oberen Sockelbereich windet sich eine Rampe über ein Wasserbecken hinweg nach unten auf den Museumsvorplatz. Der von dem Stararchitekten Oscar Niemeyer entworfene und 2002 eröffnete Museumskomplex birgt heute eine Gemälde- und Skulpturensammlung, die zu großen Teilen Kunstwerke südamerikanischer Provenienz umfasst, die andernorts, vor allem in Europa, so nicht bekannt sind, sich aber mit Ausstellungsstücken weltbekannter Museen messen können. Überhaupt ist es zunehmend das Kennzeichen zeitgenössischer Kunst, dass viele Installationen, Videoarbeiten, Skulpturen und Bilder eine globale künstlerische Sprache sprechen. So könnte auch das »Olho« an irgendeinem anderen Ort der Welt stehen. Die Polarisierung der Ost- und Westkunst, wie sie noch im figurativen und abstrakten Expressionismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck kam, wurde inzwischen von vielfältigen künstlerischen Positionen überlagert und aufgelöst. Schließlich bürgt die bereits 1979 von Jean-François Lyotard angekündigte Postmoderne für das »Ende der großen Erzählungen«, an deren Stelle ein durch technische Medien vermitteltes Wissen getreten sei.
Zu William Shakespeare: ›Ein Sommernachtstraum‹ am Forum Theater Stuttgart
Seit ich wusste, im Stuttgarter Forumtheater läuft der ›Sommernachtstraum‹, quälte sich meine Seele. Oder besser: Zwei Seelen in der Brust quälten einander. Die eine hatte einfach Lust hinzugehen: Wär das nicht schön, mal wieder ein klassisches Theaterstück zu sehen, das du seit 50 Jahren liebst und dazu in- und auswendig kennst? Eben, entgegnete die andere: Was soll’s? Das Bad in der Menge der Gefühle von vorgestern – was soll es anderes bedeuten als abzutauchen aus der aktuellen Weltlage? ›Ein Sommernachtstraum‹ – das hat uns doch wohl gerade wenig zu sagen!
»Transport« von Antony Gormley in der Kathedrale von Canterbury
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Zu Philip Kovce: ›Ich schaue in die Welt. Einsichten und Aussichten‹
Früher war alles besser. Vor allem war das Frühe das Beste. Danach konnte nur noch der Abstieg kommen. Früher musste er kommen. Als Tod, als Krise, als Epigonentum oder ständige Selbstreproduktion und als Manierismus. Heute liegt das Schlechte schon hinter uns, kaum dass wir zu schreiben beginnen. Peter Handke nannte es in einem Interview einmal »eine ungeheure Geläufigkeit«, gerade in der jüngeren Generation, die im Schreiben heute da sei, »einerseits erfreulich, andererseits fragwürdig«1. Auch deshalb hatte ich zunächst nicht so recht Lust, ein Buch zu rezensieren, das kein richtig neues war, sozusagen keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern eine Schöpfung aus dem ›Goetheanum‹, genauer gesagt dem Verlag am Goetheanum, und alle diese Texte waren zudem als Kolumnen in der gleichnamigen Dornacher Wochenschrift erschienen.
Zum 100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatts
Im Lehrplan der DDR-Schulen, zumindest solange ich Schüler war, kam dieser Name nicht vor. Später dann, als Lehrer, schuf ich den ›Physikern‹ zumindest ein Schlupfloch: Im Zusammenhang mit Bertolt Brechts ›Leben des Galilei‹ durften sie, als sp.tbürgerlicher Gegenentwurf, kurz in Erscheinung treten. Immerhin gab es 1965 eine Ausgabe beim Verlag ›Volk und Welt‹, die vier seiner Komödien enthielt, ein Band mit Erzählungen erschien 1980. Natürlich gab es Aufführungen im Theater, ein ›Besuch der alten Dame‹ in Rostock ist mir noch in Erinnerung. Die unterrichtliche Verbannung Friedrich Dürrenmatts endete für mich 1986, als ich meine Arbeit am nichtstaatlichen Potsdamer Kirchlichen Oberseminar begann. Diese unterschiedlichen Rezeptionsvoraussetzungen sind nicht unwesentlich, wenn von Dürrenmatts literarischem Einfluss gesprochen wird.
Zu Rembrandts ›Isaak und Rebekka‹
Ein dramatischer Augenblick: Abraham hat gerade den Arm erhoben, um seinen Sohn Isaak mit dem Messer zu töten. Da erscheint ein Engel, ergreift Abrahams Arm und das Messer fällt herab. Ein Messer im freien Fall! Rembrandt hätte den szenischen Moment nicht günstiger wählen können. Es ist, als würde man eine Tür öffnen und plötzlich Zeuge eines Geschehens werden, das man mit einem Blick erfasst. Allerdings währt die Illusion nur kurze Zeit, dann wird klar: Hier bewegt sich nichts, alles bleibt starr und das Messer hängt weiterhin in der Luft. Bei längerem Anschauen mag das grotesk anmuten, doch wozu sollte man das tun? Man hat ja erkannt, um welche Geschichte es geht. Und so wendet man sich dem nächsten Gemälde zu, um sich erneut in einen wohligen Schrecken versetzen zu lassen, denn man weiß ja: Es ist bloß ein Bild! Und als Bild repraÅNsentiert es eine Wirklichkeit, an der man nicht teilhat.
Zur Ausstellung ›Venedig – Stadt der Künstler‹ im Bucerius Kunstforum
Stadt der Künstler? Stadt der Touristen? Stadt – nicht zuletzt – ihrer Bewohner? Überrascht war ich schon beim ersten Rundgang, wie viel in dieser Ausstellung auch von Menschen gezeigt wird, obwohl nicht immer aus allen gesellschaftlichen Schichten – ein Spektrum menschlicher Möglichkeiten, gespiegelt in der Stadt. Zwei polar einander gegenüberstehende Bildbeispiele mögen das symbolisieren: einerseits das Porträt des Dogen Leonardo Loredan, um 1501-1505 wohl von Vittore Carpaccio gemalt, und die ›Venezianische Zwiebelverkäuferin‹ von John Singer Sargent, um 1880-1882 entstanden, auf der anderen Seite. Bilder einzelner Menschen sind jedoch selten, meistens werden in der Ausstellung Gruppen dargestellt. Oft sind die so gezeigten Menschen mehr oder weniger Staffage, vor allem in den frühen Vedutenbildern. (Eine Vedute ist ein wirklichkeitsgetreues Abbild einer Stadt oder Landschaft, heute wird der Begriff meist synonym mit »Stadtbild« verwendet.) In manchen anderen Bildern aber ist die jeweilige Gruppe das Thema, wie etwa Spieler, maskierte Menschen im Karneval oder Gaukler vor dem Dogenpalast.
Zum Gedenken an Bertil Ekman (22. Juni 1894 – 3. August 1920)
Der schwedische Dichter und Mystiker Bertil Ekman war von geistiger Bedeutung für den UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, worauf der schwedische Schriftsteller Sven Stolpe in dessen Biografie hinweist. Nachdem 1923 ein schmales Heft aus Ekmans Nachlass mit dem Titel: ›Strödda Bladur. Bertil Ekmans Efterlade Papper‹ herausgegeben worden war, blieb dieses über mehrere Jahrzehnte unauffindbar, bis es 1999 in der Königlichen Bibliothek in Stockholm wieder auftauchte. Schon lange bestand das Bedürfnis, Ekmans Gedanken auch in deutscher Sprache kennenzulernen. Die von Lars-Åke Karlsson besorgte Übersetzung: ›Verstreute Blätter. Bertil Ekmans nachgelassene Papiere‹ erschien 2018 als Heft 15 der ›Beiträge für religiöse Erneuerung‹. Das Heft enthält Aphorismen, Gedichte und unveröffentlichte Texte, darunter Tagebucheintragungen sowie ein Foto Ekmans: ein junger Mann voll Ernst und Traurigkeit, mit einem geraden, eindringlichen Blick. Er trägt die weiße Studentenmütze von Uppsala mit der gelb-blauen Kokarde.