Artikel von Sabine Adatepe
Beobachtungen vor den Neuwahlen in Istanbul
»In Şişli herrscht Aufstand, die Leute pfeifen und schlagen auf Töpfe und Pfannen«, twitterte die türkische Schriftstellerin Aslı Tohumcu am 6. Mai 2019, gut anderthalb Stunden, nachdem die türkische Wahlbehörde die Kommunalwahlen in Istanbul annulliert hatte. Bald waren auch in anderen zentralen Bezirken der Metropole unzählige Menschen auf der Straße. Die spontane Empörung erinnerte an die Gezi-Proteste des Jahres 2013. Der frisch gekürte Oberbürgermeister Ekrem Imamoğlu von der sozialdemokratischen CHP gab sich indes gelassen, als der Protest losbrach, und verkündete über Twitter: »Wir alle gemeinsam tragen die Hoffnung, das Schöne und Gute. Macht euch keine Sorgen, alles wird sehr gut.«
Ein Foto steht symbolisch für die türkische Kurdenpolitik
»Wurde je ein Sohn von Ihnen getötet? Lag sein Leichnam tagelang auf der Straße und wurde von hungrigen Hunden zerfetzt? Haben Sie, nachdem Sie die Hoffnung aufgegeben hatten, ihn lebendig wiederzusehen, jahrelang verzweifelt vor den Türen des Staat genannten erbarmungslosen Riesen ausgeharrt, damit er wenigstens ein Grab bekommt? Wurden Ihnen dann mit den Worten: ›Nimm und geh, alles Gute‹, eine Tüte mit Knochen ausgehändigt - die Gebeine Ihres Sohnes? Nein, nichts davon haben Sie erlebt, es hat Sie nicht einmal interessiert. Und falls Sie es doch als verstörende Nachricht gehört haben sollten, haben Sie mit den Schultern gezuckt und gesagt: ›Das sind ja Terroristen, Kurden eben.‹« – Oya Baydar, die Grande Dame der türkischen Literatur, zeigt sich in ihrem Kommentar zu dem Foto, das am 29. August 2022 durch diealternativen und sozialen Medien der Türkei ging, erschüttert, entsetzt aber auch voller Scham ob der eigenen Hilflosigkeit.
Zum Gedenken an Ernesto Cardenal (1925–2020)
Am 20. Januar dieses Jahres wäre der nicaraguanische Dichter und Priester Ernesto Cardenal 100 Jahre alt geworden – Zeit, einen Blick auf sein Vermächtnis zu werfen. Als Cardenal 1966 mit zwei Freunden nach Solentiname ging, um auf einer Insel des Archipels im Nicaraguasee eine spirituelle Kommune zu gründen, war er in erster Linie Mönch und Mystiker. 1925 in privilegierten Verhältnissen im konservativen nicaraguanischen Granada geboren, besuchte er nach der Schule in León das Jesuitenkolleg in seiner Heimatstadt, studierte danach Philosophie und Literaturwissenschaft in Mexico-City und New York und unternahm Reisen u.a. nach Europa, bevor er 1950 heimkehrte und sich einer oppositionellen Jugendorganisation anschloss. Nach dem Scheitern der Rebellion von 1954 ging er erneut ins Ausland, trat 1957 ins Trappisten-Kloster Gethsemani in Kentucky ein, verbrachte dort zwei Jahre geistlicher Studien, studierte anschließend noch katholische Theologie in Mexico und Kolumbien und wurde im Priesterseminar im kolumbianischen Medellín selbst als Lehrer tätig. 1965 erhielt er in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua die Priesterweihe. Zwanzig Jahre später, im Jahre 1985, entzog Papst Johannes Paul II. ihm wegen fortgesetzter politischer Tätigkeit das Priesteramt.
Zur Lage von Geflüchteten in der Türkei
»Wir können keinen einzigen Flüchtling mehr aufnehmen«, tönen unisono offizielle Stellen in der Türkei, wohl wissend, dass täglich weiter »irreguläre Einwanderung« stattfindet. Die Türkei wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, nach dem Zustrom syrischer Flüchtlinge jetzt womöglich Millionen Menschen aus Afghanistan aufzunehmen. Im Land leben offiziell bereits 4,6 Millionen Flüchtlinge, jüngst sprach der Präsident sogar von über fünf Millionen, das wären sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Situation der Schutzsuchenden ist so uneinheitlich wie ihr Profil. Während syrische Geflüchtete, die weitaus größte Gruppe bisher, sich zunehmend integrieren, ist die Zukunft afghanischer Flüchtlinge ungewiss. Ebenso unklar ist, ob bereits 1,5 Millionen Afghanen im Land sind, wie die Opposition behauptet, oder doch »nur« rund 300.000, wie Präsident Erdoğan kürzlich sagte. Jedenfalls mauert die Türkei sich jetzt auch gen Osten ein.
Zum Umgang mit der Corona-Pandemie in der Türkei
Männer in Ganzkörperschutzanzügen vor einem Tankwagen spritzen menschenleere Straßen ab. Bilder aus den ersten Corona-Tagen in der Türkei – d.h. nach der Meldung des ersten offiziellen Infektionsfalls am 11. März – zeigten so großflächige wie beliebige Desinfizierungsaktionen im öffentlichen Raum, angeordnet mit dem ersten Corona-Erlass vom 13. März. Bilder, die staatliche Fürsorge und Sicherheit suggerierten, wo im Grunde keine war. In der Türkei verschärft die Corona-Pandemie vor allem die Wirtschaftskrise und die Krise des Vertrauens in Staat, Politik und Medien. Lange herrschte die auch staatlicherseits propagierte Auffassung von einer Art nationaler Immunität vor, manche behaupteten gar, Türken seien genetisch weniger anfällig für das Virus. Erinnerungen an die Zeit nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl kamen hoch, als Deutschland den Import von Haselnüssen aus der mutmaßlich radioaktiv verseuchten Schwarzmeerregion stoppte, ein türkischer Minister aber vor die Kameras trat, demonstrativ Tee derselben Provenienz trank und sich brüstete: »Uns kann nichts geschehen.«