Zum 50. Todestag von Nelly Sachs (1891 – 1970) und zum Andenken an Kurt Kehrwieder (1928 – 2020)
Der vorliegende Essay ist zum einen ein Nachruf auf den am 25. Februar gestorbenen Kurt Kehrwieder, der dem Werk von Nelly Sachs auf ungewöhnliche Weise gedient hat. Zum anderen mag er ein Aufruf sein, diese – wie es Kehrwieder ein Anliegen war – nicht nur als eine Dichterin des jüdischen Schicksals im letzten Jahrhundert zu sehen, sondern sie auch als eine tief Eingeweihte in unser Menschheits-Schicksal lesen zu lernen, welche die »lebendig flutende Bilderwelt des ätherischen Raumes bewegen und […] in das Gewand der Erdensprache hüllen« konnte.
Zur Ausstellung ›Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte‹ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle a.d. Saale
Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle a.d. Saale und das British Museum in London haben in enger Kooperation eine spektakuläre Ausstellung mit rund 400 kostbaren Artefakten und Leihgaben aus 15 Ländern zusammengetragen. Die zum Teil erstmals in Deutschland ausgestellten Objekte beleuchten mit der Zeit von etwa 2500 v. Chr. bis 1000 v.Chr. das Ende der Stein- und den Großteil der Bronzezeit – eine noch kaum bekannte Epoche der Menschheitsgeschichte. Die Ausstellung präsentiert 20 Jahre neuer Forschungsergebnisse rund um die Himmelsscheibe von Nebra (um 1750 v.Chr.) und zeigt ein Netzwerk vielfältiger Einflüsse und Zusammenhänge im gesamteuropäischen Raum auf, bis nach Ägypten und Mesopotamien. Und sie stellt die Frage nach staatlichen Strukturten im schriftlosen (!) Mitteldeutschland zur Zeit der Himmelsscheibe.
Ein Rückblick auf der Suche nach Zukunft
Vor einigen Jahren durfte ich miterleben, wie ein auf den Tod kranker Mensch in guten Momenten im Garten mit seinen Händen in der Erde arbeitete – den schweren Lehmboden mit Sand vermischend, um den Pflanzen das Wachstum zu erleichtern. Er war ganz hingegeben dieser Tätigkeit, als ob er die Erde durch sich hindurch und dabei auch sein eigenes Leben bewegte, auf ein Neues hin. Edgar Harwardt, der »Gärtner von Stuttgart«, arbeitet an und mit der Erde als Handlungskünstler und bewegt so ebenfalls etwas im Außen wie im Innen – an meist unauffälligen, teils unterirdischen Orten in seiner Heimatstadt sowie entlang des Neckars. Das kann eine Schleuse, ein Stadtbahntunnel, eine Fußgänger-Unterführung, der Keller der Stuttgarter Erdbebenwarte, eine Straßenecke, eine Brache oder eine Baugrube sein: Orte des Alltagslebens, Orte mit mehr oder weniger unbekannter Vergangenheit oder Orte, an denen etwas Neues entstehen soll. Seine Aktionen sind oft verbunden mit der Aufhebung von Erde, Staub oder Asche mittels Wasser, das er in saugfähigem Fließpapier aufsteigen lässt, in dem die Substanzen dann ihre Spuren hinterlassen. Diese Steig-Bilder – »in ihren oszillierenden Verläufen ähnlich den Seismogrammen des Erdenlebens« – sind Dokumente eines konkreten Geschehens an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten, nie zufällig gewählten Zeitpunkt.
Zur Ausstellung ›Max Beckmann. weiblich-männlich‹ in der Hamburger Kunsthalle
Oft sind es Kleinigkeiten, die bei einem Kunstwerk viel aussagen. Es empfiehlt sich, genau hinzuschauen, mit einem zweiten und dritten Blick dem Werk noch näher zu kommen, vielleicht gefördert von hilfreichen Hintergrundinformationen. Das wurde mir einmal mehr bei dieser Ausstellung klar, besonders an einem Beispiel: dem ›Bildnis Ludwig Berger‹ (Abb. 1), das Max Beckmann (1884-1950) im Jahre 1945 geschaffen hat. Auf den ersten Blick scheint das Ölgemälde zu der üblichen Vorstellung zu passen, die sich zu Beckmann herausgebildet hat: betont männlich, tatmenschenhaft. Der berühmte Theater- und Filmregisseur pflegte im Amsterdamer Exil engen freundschaftlichen Kontakt zum Ehepaar Beckmann. Berger hatte das Porträt selbst veranlasst, aber es gefiel ihm nicht. Warum? Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass Berger in der rechten Hand eine Blume hält, mit der er offenbar sanft über den linken Handrücken streift. Die Beigabe von Blumen ist in Beckmanns Porträts sonst Frauen vorbehalten. Bei Berger ist es ausgerechnet eine Lotusblüte, Symbol der Fruchtbarkeit, der Weisheit und spirituellen Erleuchtung – und des göttlichen wie menschlichen Hermaphroditen (laut Helena Petrovna Blavatskys ›Geheimlehre‹, die der Katalog auf S. 121f. zitiert). Berger war (verdeckt) homosexuell und hat die weiblich anmutende Geste vielleicht als Anspielung darauf empfunden. Dass Beckmann davon wusste, ist aber nicht nachweisbar; vielleicht wollte er nur auf den feinen Kunstsinn des Freundes anspielen. Die Gestaltung der Hände spricht auch dafür. Als Berger Beckmann fragte, ob er sich mit der Blume über ihn habe lustig machen wollen, antwortete der: »Nee-nee ... So SIND Sie!« (Zitiert im Katalog auf S. 122)
Zur Ausstellung ›revonnaH. Kunst der Avantgarde in Hannover 1912-1933‹ im Sprengel Museum Hannover
Nach meiner ersten Besichtigung der Ausstellung habe ich mich gefragt: Welche Art der Darstellung war für dich am eindrücklichsten, welches Werk wirst du als Besonderheit in Erinnerung behalten? Das dunkle Ölgemälde mit den ausdrucksstarken Gesichtern oder die archetypisch wirkende Maske? Die in Öl auf Sperrholz gemalte alte Frau im Bett oder der Frauenkopf aus rotem Stein? Die völlig abstrakte Komposition mit Holzrahmenfragment und Holzkugelsegment oder das Foto von einem dürren Bäumchen in karger Winterlandschaft? Das realitätsnahe Bild einer Menschenschlange vor dem Arbeitsamt oder das stark vereinfachte, von Farbflächen geprägte Plakat? Was muss das für eine gärende Zeit in Hannover gewesen sein, in der all diese unterschiedlichen Werke geschaffen oder ausgestellt wurden!
Zur Ausstellung ›Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa‹ im Landesmuseum Mainz
Eine Ausstellung, in der die Leihgaben aus so verschiedenen Orten wie dem Pariser Louvre und Limburg an der Lahn stammen, wäre mir bisher unvorstellbar gewesen. Nun ist eben dies im Landesmuseum Mainz in der Ausstellung: ›Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa‹ zu sehen. Es empfiehlt sich, ein Zeitfenster-Ticket im Voraus online zu erwerben. Die Herrschaftsbasis der großen Dynastien des Mittelalters war der Mittelrhein, eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrallandschaft Europas. Die Mainzer Ausstellung vermittelt eine einzigartige zeitlich-räumliche Perspektive auf dieses Gebiet. Sie behandelt Fragestellungen, die anhand ausgewählter Kaiserpersönlichkeiten aus den vier großen Herrschergeschlechtern – Karolinger, Ottonen, Salier und Staufer – durch fünf Jahrhunderte verfolgt werden, flankiert von sogenannten Korrespondenzstädten. Diese in der Umgebung gelegenen Städte veranstalten nicht nur Programme parallel zur Mainzer Ausstellung, sondern sind jeweils auch Originalschauplätze – hier finden sich Schlösser, Dome, Burgen und andere architektonische Zeugnisse in großer Zahl.
Zu Kurt Almqvist & Daniel Birnbaum: ›Hilma af Klint. Catalogue Raisonné Volume VII‹
Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts gilt Hilma af Klint (1862–1944) als eine der herausragenden Gestalten im Umbruch von der gegenständlichen zur »abstrakten« Malerei der Moderne. Wenn auch nicht in ihrer eigenen Zeit unmittelbar einflussreich, hat ihr Werk nach dessen Entdeckung dennoch einen wichtigen Beitrag für die kunstgeschichtliche Forschung geliefert, spirituelle Dimensionen und Motivationen für die Wahl ungegenständlicher Motive am Beginn des 20. Jahrhunderts ernst zu nehmen, statt letztere auf rein formale Überlegungen zurückzuführen. Ausdruck dieses Paradigmenwandels waren groß angelegte Ausstellungen wie etwa ›Okkultismus und Avantgarde. Von Munch bis Mondrian‹ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt im Jahre 1995.
Zur Ausstellung ›Mykene – Die sagenhafte Welt des Agamemnon‹ im Badischen Landesmuseum Karlsruhe
Auch die Geschichtsschreibung ist Kunst. Wie der Einsatz von Phantasie tatsächlich Wirklichkeit zutage fördert, belegen eindrucksvoll die Grabungen Heinrich Schliemanns, der zunächst Troja und dann Mykene entdeckte – alles auf der Basis von Literatur, die der wissenschaftliche Laie als Information wörtlich nahm: die Reiseberichte des Pausanias, die vielfach überlieferten Mythen und allen voran ›Ilias‹ und ›Odyssee‹ von Homer: »Sobald ich sprechen gelernt, hatte mir mein Vater die grossen Thaten der Homerischen Helden erzählt. Ich liebte diese Erzählungen; sie entzückten mich, sie versetzten mich in hohe Begeisterung.«
Sir Walter Scott (1771–1832) zum 250. Geburtstag
Durch Selma Lagerlöf erfuhr ich zum ersten Mal von Walter Scott in dem Sinne, dass man ihn kennen muss: ›Ivanhoe‹ hatte sie zuerst bezaubert. Im Bücherschrank ihres Onkels fand sie Scotts Werke. Von Scott wurden Edward Bulwer-Lytton, George Eliot, Victor Hugo, Wilhelm Hauff und Theodor Fontane inspiriert. Goethe war von ›Waverley‹ begeistert. Als wir eine Schottland-Reise planten, las ich zuvor ›Ivanhoe‹ und ›Waverley‹. Im Übrigen spielte auch Theodor Fontane mit herein: durch die Fontane-Ausstellung 2019 in Potsdam und sein Buch ›Jenseit des Tweed‹ (1860), in dem er seine Schottlandreise von 1858 beschrieb. »Nach Schottland also!«3 Mit diesen Worten beginnt das Buch. Wir waren somit neben Scotts auch auf Fontanes Spuren.
Zu Edvard Hoem: ›Der Geigenbauer‹
Zugegeben, ich musste inneren Widerstand überwinden, als es darum ging, nach der ›Hebamme‹ (Stuttgart 2021) ein weiteres Werk des Norwegers Edvard Hoem vorzustellen. Wieder ein Roman, der den Spuren eines bzw. einer Verwandten folgt? Ist das die Masche eines Bestseller-Autors? Mag sein. Auf den zweiten Blick aber zeigte sich, dass die Ansätze der beiden Romane grundverschieden sind, und das machte sie für mich dann doch interessant. Kurz gesagt werden zwei unterschiedliche Wirkensöglichkeiten des Schicksals vorgestellt: Die ›Hebamme‹ weiß von Jugend an, dass sie Hebamme werden will; Lars Olsen Hoem, der spätere Geigenbauer, hat einen ganz anderen Wunsch, nämlich den, ein eigenes Schiff, eine Schute zu besitzen und zu führen, und findet erst nach verschlungenen Pfaden zu seinem eigentlichen Schicksalsauftrag. Den klar zu erkennen und anzunehmen gelingt den wenigsten. Manchen gelingt es rückblickend in die Vergangenheit; anderen in der Gegenwart, aber nicht für die Zukunft. Alle Varianten sind möglich. Manchmal sind helfende Hände beteiligt und nötig (vgl. S. 334), doch gibt es auch herausragende Menschen, die das, wofür sie ausgewählt wurden, als Auftrag an sie persönlich empfinden, unwiederholbar und nicht übertragbar. Meistens gibt es Widerstände – sie müssen überwunden werden, dazu sind sie da. In der Regel offenbart sich der Schicksalsauftrag in menschlichen Begegnungen.
Ein stiller Film, hinter dem das Ewige spürbar wird
Zwei aktuelle Lehrstücke über Ambivalenz
In den vergangenen Wochen schlugen in der deutschsprachigen Theaterszene zwei Ereignisse hohe Wellen. Das eine war die Aktion der rund 50 teils sehr bekannten und erfolgreichen Schauspielerinnen und Schauspieler, die in satirischen Videos die politische Kommunikation der Corona-Schutzmaßnahmen kritisierten (›#allesdichtmachen‹). Ihnen schlug heftiger Gegenwind entgegen, doch erfuhren sie auch Dankbarkeit und Zustimmung. Das andere Ereignis mag nur innerhalb der Branche Thema gewesen sein, allerdings berichteten viele überregionale Feuilletons darüber. Es geht dabei um Machtmissbrauch und Mobbing am Berliner Maxim Gorki-Theater, das zuletzt noch als Bühne des Jahres ausgezeichnet worden war und seit dem Wechsel zur Intendanz von Shermin Langhoff als das moralisch und künstlerisch vorbildhafte, radikal zeitgemäße und politisch korrekte Theater galt. Nirgendwo bildeten sich so deutlich und selbstverständlich Migration und Diversität in Rollenbesetzungen, Stückauswahl sowie Diskursformaten ab. Um es pointiert zu sagen: Dem großen Shitstorm ›#allesdichtmachen‹ gegenüber wirkte das Maxim Gorki-Theater bislang wie ein medial gefeiertes »allesrichtigmachen«. Doch nun kam heraus, auf der Basis zahlreicher Aussagen von dort Angestellten, dass auch in diesem Betrieb ein »Klima der Angst« herrsche und immer geherrscht habe, und dass innen wenig so war, wie es nach außen dargestellt wurde.
Über ›Falling‹ von Viggo Mortensen und ›Ich bin dein Mensch‹ von Maria Schrader
Erstaunlich im Grunde, dass es diese Einrichtung immer noch gibt: Wildfremde Menschen begeben sich körperlich zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort, um dort gemeinsam einen Film zu sehen. Das schon so oft totgesagte Kino ist offenbar nicht umzubringen. Kino als Erlebnisgemeinschaft verschafft einen Eindruck von der Intimität des Öffentlichen. Astrale Wogen und Welten, ein Fühlen, das nicht individuell von innen, sondern äußerlich ausgelöst, technisch aus der Peripherie über die Zuschauer kommt – das ist ein interessantes Studienfeld. Ist man sich dessen bewusst, wie der Zuschauerorganismus als Klaviatur oder Instrument bespielt wird, lässt sich umso leichter einsehen, was den Zeitgeist gerade bewegt.
Zur Ausstellung: ›Mithras. Annäherungen an einen römischen Kult‹ im Archäologischen Museum Frankfurt
Ich hatte einen Traum: Splitterfasernackt stand ich in einem Museum – und es war kein bisschen peinlich. Darüber musste ich nicht lange grübeln: Es handelte sich um eine Reminiszenz an den Vortag. – Mein Besuch der Mithras- Ausstellung in Frankfurt am Main hinterließ nachhaltige Seelenspuren. Eben das, was das Traumbild zeigte, l.sst sich dort hellwach erleben. »... denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.« Diese Zeile stammt von Rilke, aus seinem Gedicht: ›Archaischer Torso Apollos‹, mit dem berühmten Schlusswort: »Du mußt dein Leben ändern.« Soll heißen: sich selbst in der Totalität der eigenen Person von einem Kunstwerk aus gesehen, wahrgenommen zu erleben, ist immer eine erschütternde Geisterfahrung. Ich werde wieder darauf zurückkommen.
Zur Ausstellung ›Mantegna und Bellini – Meister der Renaissance‹ in der Gemäldegalerie in Berlin
In der Malerei kann ein und dasselbe Motiv die unterschiedlichsten »Interpretationen« erfahren, je nachdem, wie es gemalt wird. Ist schon die Wirkung eines Musikstückes abhängig vom »Interpreten«, der es aufführt, so gilt dies umso mehr für die Farbwahl eines Bildes, den Aufbau, die Strichführung, den Umgang mit dem Licht, die Perspektive und vieles andere. Die vergleichende Betrachtung von Bildern desselben Motivs kann helfen, diese formalen Gestaltungselemente stärker in den Blick zu bekommen. Zu solchen Vergleichen lädt derzeit die von den Staatlichen Museen zu Berlin und der National Gallery, London in Kooperation mit dem British Museum veranstaltete Sonderausstellung ›Mantegna und Bellini‹ ein.
Die Dichterin Selma Merbaum (geb. am 15. August 1924 in Czernowitz, gest. am 16. Dezember 1942 im Arbeitslager Michailowka am Bug)
Die wahrscheinlich nie bis in ihre letzte Verzweigung ausleuchtbare Rettungsgeschichte dieser 58 Gedichte ist wunderbar und unendlich bitter zugleich, weil sie erst beginnen konnte, nachdem ihrer Schöpferin, einem 18-jährigen Mädchen, auf gnadenlose Weise das Leben genommen worden war. Auch ihr »Tod«, den Paul Celan für alle Zeiten gültig als »Meister aus Deutschland« personifiziert hat, geht auf das Schreckenskonto der SS, die Tausende zur Zwangsarbeit deportierte Czernowitzer Juden ermordete – ein Genozid, der sich zwischen 1941 und 1943 im damaligen Rumänien als Teil des planmäßig vorangetriebenen Vernichtungsfeldzugs gegen die europäischen Juden ereignete. Erst 2014 konnte die Germanistin Marion Tauschwitz – nach akribischen Archivforschungen – diesem Mädchen seinen richtigen Namen zurückgeben: Selma Merbaum.
Henry Moore in Münster
Von Norden her, dem Domplatz kommend, werde ich in dem von Alt- und Neubau dreiseitig umschlossenen Eingangshof des LWL-Museums für Kunst und Kultur gleich von einer der mächtigen Großbronzen von Henry Moore empfangen: ›Two Piece Reclining Figure No. 5‹ (1963/64), die seit 1968 in Recklinghausen beheimatet ist. Diese zweiteilige Liegende wird gerade einer Schulklasse erklärt. Da tritt, aus dem Museum kommend, ein seriös wirkender älterer Herr zu den Schülern und macht seinem Ärger Luft: Das müsse hier weg; für ihn sei das ein Haufen getrockneter Scheiße. Und dann schwärmt er von Botticellis Bildern als dem Inbegriff von Schönheit … Die vielleicht dreizehnjährigen Schüler lachen etwas verunsichert, doch die engagierte Pädagogin greift die Situation geschickt auf. Offensichtlich rumort der Kulturkampf um die heute längst zum Kanon der Klassischen Moderne gehörende Kunst immer noch in einigen Köpfen.
Oskar Schlemmer in der Staatsgalerie Stuttgart
Zu Hartmut Rosa: ›Unverfügbarkeit‹
Hartmut Rosa muss spätestens seit seinem Opus magnum ›Resonanz‹als der gegenwärtig wohl meistgelesene und einflussreichste deutsche Soziologe gelten, der nicht ohne Grund Direktor des ›Max-Weber-Kollegs‹ in Erfurt ist. In seinem neuen, auf zwei in Graz im Frühjahr 2018 gehaltenen Vorlesungen beruhenden Buch verdichtet er seine Weltsicht und Gesellschaftskritik im Hinblick auf sein Resonanzkonzept und macht uns dieses – auch im anthroposophischen Sinne – noch interessanter.
Dietrich von Freiberg (*um 1240; †um 1318) zum 700. Todesjahr
Dietrich von Freiberg war nie ganz vergessen, aber erst die Mittelalterforscher Loris Sturlese und Kurt Flasch holten ihn nachhaltig in die Erinnerung zurück. Auf Sturleses bahnbrechendes Werk: ›Dokumente und Forschungen zu Leben und Werk Dietrichs von Freiberg‹ (Hamburg 1984) beziehen sich sowohl der Philosoph Kurt Flasch mit seiner umfangreichen Monografie ›Dietrich von Freiberg‹ (Frankfurt a. M. 2007) als auch der Theologe Karl-Hermann Kandler mit ›Dietrich von Freiberg. Philosoph – Theologe – Naturforscher‹ (Freiberg 2010). Beide Autoren werden hier in erster Linie zu Rate gezogen, um zu versuchen, ein Bild dieses bedeutenden Mannes zu entwerfen.
Ein Gedenkbuch für Werner Sundermann
Im Folgenden möchte ich anthroposophisch orientierten Lesern eine Forscherpersönlichkeit näherbringen, die stärker als bisher ihre Aufmerksamkeit verdient: Werner Sundermann. Im anthroposophischen Umfeld wird dem Manichäismus von jeher viel Interesse entgegengebracht. Sundermann wiederum gilt unter Kennern als eine zentrale Gestalt der jungen Wissenschaft der Manichäologie.
Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl (1921–1943)
Der vorliegende Artikel möchte den inneren Weg von Sophie Scholl beleuchten und dessen Signatur in Beziehung zu der Frage setzen, was die Befähigung und die Aufgaben des Menschen in unserer Zeit sind. Ausgangspunkt soll dafür die Aussage ihrer Schwester Elisabeth Hartnagel, geb. Scholl sein: »Was mir ganz wichtig ist, dass Sophie und Hans keine Helden waren. Denn wenn sie als Helden betrachtet werden, dann ist das eine Entschuldigung auch für die anderen. Jeder kann dann sagen, zum Helden bin ich nicht geboren. Aber meiner Meinung nach wäre es im Dritten Reich möglich gewesen, nicht nur im stillen Kämmerlein gegen Hitler zu sein, sondern es auch auf die eine oder andere Weise zu zeigen.«
Zur Diskussion über die Homöopathie
Zum Thema ›Globuli, Wissenschaft und Patientenwunsch – Über den Stellenwert der Homöopathie im Gesundheitswesen‹ lud der Hospitalhof Stuttgart am 15. März 2023 die Öffentlichkeit in den großen Saal des lichten, einladend renovierten Veranstaltungszentrums ein. Die Begrüßung durch Pfarrerin Monika Renninger und der Einführung in die Thematik durch Dr. Dietmar Merz, Studienleiter an der Akademie Bad Boll, machte deutlich: Dieser Abend war in seiner Struktur und der Auswahl der Referenten gründlich vorbereitet.
Zur Tagung ›Meditation als Erkenntnisweg – die Vielfalt anthroposophischer Ansätze‹ vom 23. bis 25. Februar 2018 in Stuttgart
Die diesjährige Meditationstagung in Stuttgart, veranstaltet von der Akanthos-Akademie und dem Institut für anthroposophische Meditation, hatte das Ziel, »die Vielfalt anthroposophischer Ansätze« der Meditation darzustellen. Tatsächlich waren etliche Menschen gekommen, die zum Thema Meditation Artikel und Bücher veröffentlichen oder Kurse geben: Rudi Ballreich, Markus Buchmann, Frank Burdich, Anna-Katharina Dehmelt, Corinna Gleide, Agnes Hardorp, Andreas Heertsch, Christoph Hueck, Gunhild von Kries, Jean-Claude Lin, Thomas Mayer, Andreas Neider, Antje Schmidt, Dorian Schmidt, Terje Sparby, Wolfgang Tomaschitz, Johannes Wagemann und Ulrike Wendt. Viele von ihnen arbeiten schon jahrelang zusammen. Auf Vorträge hatte man in der Gestaltung des Wochenendes fast verzichtet, es gab auch nur zwei Zeitabschnitte für die Arbeitsgruppen zum Üben. Im Mittelpunkt standen stattdessen vier Erkenntnisgespräche, zu denen sich jeweils eine Gruppe von Meditationslehrer/innen auf dem Podium versammelte. Die Themen dieser Gespräche waren: Natur-, Menschen-, Schicksals- und Selbsterkenntnis. Etwa 200 Menschen nahmen an der Tagung teil.
Diesen Artikel können Sie sowohl kostenlos lesen als auch kaufen. Mit letzterem unterstützen Sie unsere Arbeit. Vielen Dank!
Wie muss ein Ort beschaffen sein, an dem sich Himmel und Erde begegnen?
In der Adventszeit sind für viele Menschen im christlichen Kulturumfeld Verkündigungsbilder ein inneres und äußeres Motiv. Ist das überhaupt jahreszeitlich stimmig, frage ich mich laienhaft, wenn die Geburt Jesu so kurz danach stattfindet, oder sollte die Verkündigung nicht eher im Frühling liegen? Welche Bilder im weitesten Sinne bedeutenoder zeigen Erwartung, nahende Ankunft? Gibt es hierzu – außer den bekannten mittelalterlichen und Renaissancegemälden – moderne, vielleicht sogar zeitgenössische Bilder?
Man mag kaum noch den Mund öffnen, ob mit oder ohne Maske, um sich an der Sprachdebatte zu beteiligen. Es scheint unmöglich, dem Sprachgeist Gehör zu verschaffen. Ja, er lebt zwischen den Menschen, in ihnen, aber er ist Geist und das heißt, er hat keinen Körper, keine Sexualität und keine Seele wie wir. Dann wäre da noch das Gewissen – es hat eine Stimme, ist also sprachmächtig, aber ebenfalls körperlos und ungeschlechtlich.
Zu Agnes Hirschi & Charlotte Schallié (Hrsg.): ›Unter Schweizer Schutz‹
Dramatische Umstände bringen es bisweilen mit sich, dass durch ein bestimmtes Ereignis oder an einem bestimmten Ort Schicksalsfäden wie durch einen Knoten verbunden werden. Solch ein Ort war 1944 in Budapest das sogenannte »Glashaus«, in dem damals die Auswanderungsabteilung der Schweizer Gesandtschaft residierte und wo seit 1942 Carl Lutz (1895– 1975) als Vizekonsul tätig war. Zu dieser Zeit wurden die Juden in Ungarn durch eine Vielzahl von Gesetzen drangsaliert, die durchaus ähnlich den Nürnberger Rassegesetzen waren. Innerhalb von zwei Jahren organisierte Lutz die legale Ausreise von ca. 10.000 jüdischen Kindern nach Palästina. Mit der Besetzung durch die Deutschen im März 1944 wurde die Lage der ungarischen Juden vollends prekär: Adolf Eichmann reiste persönlich an, und binnen Wochen wurden Hunderttausende deportiert. Schon Ende Juli existierte lediglich in Budapest noch eine jüdische Gemeinde.