Erst-Begegnungen mit Rudolf Steiner III
Am nächsten Tage saß ich […] zum ersten Male vor diesem Manne, gespannt, was er aus einem irgendwie neuen Gesichtspunkt zu sagen haben würde über Naturbeobachtung, Mathematik und Experiment, alles Objekte gerade meines Studiums. Da hörte ich als ersten Satz, mit dem er das Ganze einleitete, ihn sagen: »Geisteswissenschaft muß sich in der Gegenwart ihr Recht, ihre Geltung im wahren Sinne des Wortes erkämpfen.« Ich war ja gekommen auf der Suche nach etwas, was Mut erforderte, und hier, so hieß es, würde etwas geboten, das sich seine Geltung erst erkämpfen muß! Gewiß, ich hatte an Mut im inneren seelischen Tun gedacht, und bekam davon in den folgenden Tagen auch Bestimmtes, meine Erwartung bestätigend, zu hören. Auf jeden Fall: Gleich von vorneherein fand man sich auf einen Boden versetzt, wo es um ein Erkämpfen des eigenen Daseinsrechtes ging. Das war in jenem Augenblick ein unmittelbarer Aufruf des eigenen Gefühls, das sich merklich anspannte und in dieser Haltung mich durch die folgenden Tage nicht losließ.
Zu Rudolf Steiner: ›Menschenseele, Schicksal und Tod‹ (GA 70a)
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hielt Rudolf Steiner an vielen Orten der »Festung Mitteleuropa« öffentliche Vorträge. Mit Fragestellungen wie »Was ist am Menschenwesen unsterblich?« oder »Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein ›Barbarenvolk‹?« sprach er 1915 zu Menschen, die sich im Angesicht der Auswirkungen des Krieges Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit erhofften. Zwanzig dieser Vorträge hat die Rudolf Steiner Nachlassverwaltung im Jahr 2022 als Band GA 70a unter dem Titel ›Menschenseele, Schicksal und Tod‹ herausgegeben und mit über eintausend Seiten eine stattliche Sammlung bis dahin unveröffentlichter Vorträge geschaffen. Lediglich einen von ihnen gab es zuvor schon in gedruckter Form.
Zu Annemarie Jost & Thomas Brunner: ›Perspektiven für den Wandel‹
»Nach den gesellschaftlichen Verwüstungen der letzten Jahre wächst die Sehnsucht nach einem echten Aufbruch und Wandel – aber wo und wie lässt sich mit der gesellschaftlichen und kulturellen Erneuerung beginnen? Wie stellen sich denkende und fühlende Einzelpersonen auf und wie finden wir zusammen, um gemeinsam Initiativen zu entwickeln und engagiert dabei zu bleiben?« (S. 9) So lauten die Eingangsfragen des umfangreichen Bandes, herausgegeben von dem Autor und Sozialforscher Thomas Brunner und der Professorin für Sozialpsychiatrie Annemarie Jost, mit dem Titel: ›Perspektiven für den Wandel. Wege zu menschlicher Entwicklung zu Freiheit und zu sozialer Verantwortung‹. Erschienen ist der Band in der ›edition immanente‹.
Zum Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz
Am 17. Oktober 2024 hat der Bundestag dem neuen Krankenhaus-Reformgesetz von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zugestimmt, am 22. November auch der Bundesrat. Diese zweite Entscheidung kam überraschend schnell. Mehrere Bundesländer hatten Eingriffe in ihre Planungshoheit befürchtet und wollten den Vermittlungsausschuss anrufen. Angesichts bevorstehender Neuwahlen nach dem Bruch der Ampelkoalition waren sich die Länderchefs einig, dass eine Verbesserung des Gesetzes nicht mehr zu erzielen sei, aber Schaden entstünde, wenn es nicht käme. Das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) wird nun umgesetzt werden müssen. Kritiker monierten, die Reform sei einseitig auf die Krankenhäuser zugeschnitten, und eine Verbesserung des Verhältnisses von niedergelassenen Ärzten und anderen therapeutischen Berufen, der Vernetzung von ambulanter und stationärer Versorgung habe keine Berücksichtigung gefunden. Damit sind die Ziele einer folgenden Gesetzesänderung bereits benannt.
Zu den Ausstellungen: ›Kosmos Blauer Reiter. Von Kandinsky bis Campendonk‹ im Berliner Kupferstichkabinett und ›Kosmos Kandinsky. Geometrische Abstraktion im 20. Jahrhundert im Museum Barberini Potsdam
Etwas Besonderes bietet das Berliner Kupferstichkabinett auf dem Kulturforum: Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Sammlung wird der eigene Bestand an Arbeiten des ›Blauen Reiters‹ Thema einer Ausstellung: ›Kosmos Blauer Reiter. Von Kandinsky bis Campendonk‹. Geprägt von vielfältigen Handschriften und künstlerischen Auffassungen, umfasst sie als Kern den Zeitraum von der Gründung des dem Expressionismus zugeordneten ›Blauen Reiters‹ durch Wassily Kandinsky (1866–1944) und Franz Marc (1880–1916) im Jahre 1911 bis zur Auflösung durch den Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Kandinsky musste als feindlicher Ausländer Deutschland verlassen. Franz Marc fiel 1916 als Soldat an der Front.
Zur Aktualität des Hl. Irenäus von Lyon (* um 135; † um 200)
Wie ging die christliche Entwicklung in den Jahren nach Jesu Tod und Auferstehung weiter? Man weiß einiges über die Apostel, und dass sich das Christentum im Römischen Reich schnell ausbreitete, zunächst in Palästina, Syrien, Kleinasien, Griechenland und in Rom selbst. Und in Gallien? Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich mit dem Christentum während der Spätantike in Lyon. Eine herausragende Gestalt damals war der Hl. Irenäus.
Liebe Anthroposophie der Zukunft, ich schreibe Dir einen Brief. Einmal, um mich Deiner zu vergewissern im Nachsinnen und Vordenken. Dann auch, weil ich gefragt wurde, was ich zu Deinem Wesen sagen könnte, im Angesicht des 100. Todestages Rudolf Steiners am 30. März 2025. Dieses Datum hat sicher auch für Dich eine Bedeutung. Ich empfinde es als Einschnitt, durch den vieles neu werden kann - wenn es Menschen gibt, die das wollen. Da hier noch andere mitlesen, versuche ich. diesen intimen Brief so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen mitdenken und mitfühlen können.
Zum Gedenken an Ernesto Cardenal (1925–2020)
Am 20. Januar dieses Jahres wäre der nicaraguanische Dichter und Priester Ernesto Cardenal 100 Jahre alt geworden – Zeit, einen Blick auf sein Vermächtnis zu werfen. Als Cardenal 1966 mit zwei Freunden nach Solentiname ging, um auf einer Insel des Archipels im Nicaraguasee eine spirituelle Kommune zu gründen, war er in erster Linie Mönch und Mystiker. 1925 in privilegierten Verhältnissen im konservativen nicaraguanischen Granada geboren, besuchte er nach der Schule in León das Jesuitenkolleg in seiner Heimatstadt, studierte danach Philosophie und Literaturwissenschaft in Mexico-City und New York und unternahm Reisen u.a. nach Europa, bevor er 1950 heimkehrte und sich einer oppositionellen Jugendorganisation anschloss. Nach dem Scheitern der Rebellion von 1954 ging er erneut ins Ausland, trat 1957 ins Trappisten-Kloster Gethsemani in Kentucky ein, verbrachte dort zwei Jahre geistlicher Studien, studierte anschließend noch katholische Theologie in Mexico und Kolumbien und wurde im Priesterseminar im kolumbianischen Medellín selbst als Lehrer tätig. 1965 erhielt er in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua die Priesterweihe. Zwanzig Jahre später, im Jahre 1985, entzog Papst Johannes Paul II. ihm wegen fortgesetzter politischer Tätigkeit das Priesteramt.
Maria, Christophorus, Antonius und die zwei Jesuskinder
Einer der ältesten Thermalorte Europas, Abano Terme, birgt im Santuario di Santa Maria della Salute (Heilige Jungfrau Maria der Gesundheit)Monteortone ein einmaliges Bild, das ich »zufällig« im Zusammenhang mit einem Workshop wahrnehmen durfte. Es stellt Maria mit dem Kind in einer Dreiheit mit den Heiligen Christophorus und Antonius dar. Eine solche Komposition ist in der ganzen mir bekannten Kunstgeschichte einmalig. Sie könnte hier auf geniale Weise das sophianische Gleichgewicht der vier Elemente beziehungsweise Ätherarten versinnbildlichen, das alle Heilung und Gesundheit durch die Christus-Ich-Kraft bewirkt.
Zu einem Vortrag von Ilan Pappé über ›Die vergessenen Palästinenser‹
Das ›Friedensbündnis Heidelberg‹ sowie das ›Heidelberger Forum gegen Militarismus‹ und die ›AG SPD 60 plus‹ hatten zusammen Ilan Pappé, einen der renommiertesten Kritiker Israels, am 25. Mai 2025 zu einem Vortrag mit Buchvorstellung über ›Die vergessenen Palästinenser‹ eingeladen. Der angemietete Saal konnte dem großen Andrang nicht gerecht werden, wofür sich die Veranstalter vor dem Vortrag entschuldigten: Man habe sich bemüht, einen größeren Saal zu bekommen, aber angesichts des Referenten habe man bedauerlicherweise nur Absagen erhalten. Soweit ist es mit der Meinungsfreiheit in Deutschland gekommen, dass renommierteste Fachleute in dieser Art ausgegrenzt werden! Es wäre angemessen gewesen, wenn Ilan Pappé den Hilde-Domin-Saal in der Stadtbücherei oder einen Saal der Universität bekommen hätte! Ilan Pappé selbst kennt derartige Ausgrenzungen seit Jahrzehnten und steht ihnen völlig gelassen gegenüber.
Erinnerungen an Louis Werbeck (1879–1928)
Die nachstehenden Ausführungen erinnern an den Musiker, Schriftsteller, engagierten Philanthropen und Anthroposophen Louis Werbeck, der mit einer 1924 erschienenen zweibändigen Schrift über die Gegner Rudolf Steiners vorübergehend Aufsehen erregte. Diesem Werk, das Rudolf Steiner für genial hielt, war – wie übrigens auch seinem Verfasser – nur ein kurzes Leben beschieden, weil es noch in seinem Erscheinungsjahr konfisziert wurde. Erst 2003 erfolgte aus gegebenem Anlass ein Nachdruck. Während wir mittlerweile über Kritiker und Gegner der Anthroposophie zu Lebzeiten Rudolf Steiners relativ gut informiert sind, nicht zuletzt durch einen eigenen Band innerhalb der Gesamtausgabe, scheint unsere Kenntnis über seine damaligen Verteidiger (Apologeten) nur spärlich zu sein. Kein »externer Wissenschaftler« scheint sich näher mit ihnen befasst zu haben, wenn man einmal von der Dissertation des katholischen Theologen Richard Geisen absieht.
Zu Alexander Schaumann: ›Kunst und Wahrnehmung‹
»Wo steht die Kunst der Gegenwart? Welche Zukunftsaspekte lassen sich entdecken?« (S. 8). Mit dieser Frage untersucht Alexander Schaumann die Kunst der Moderne von Vincent van Gogh bis zu Joseph Beuys und ihre Vorläufer in der jüngeren Geschichte. So ist sein Blick stets auf ein Anfängliches gerichtet, das sich auf individuelle Weise Ausdruck zu schaffen sucht, durch den spezifischen »›Griff‹ des Künstlers in sein Material«, der ihm zum »Zauberstab« wird (S. 9). Dessen Bedeutung erschließt sich nach und nach durch die Einbettung in einen übergreifenden Entwicklungsstrom.
Zu Regine Bruhn: ›Karl König‹
In der ersten Generation derer, die es unmittelbar nach Rudolf Steiners Tod unternahmen, dessen Anschauungen und Absichten umzusetzen, nimmt Karl König eine Sonderstellung ein: Wiener Jude, Arzt, Flüchtling, Künstler, Wissenschaftler, Heilpädagoge, Gemeinschaftsinitiator und Anthroposoph. Ein Lebenslauf, geprägt von Höhen, Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen, Gegensätzen, Polaritäten – die sich im goetheschen Sinn steigerten. Eine Biografie, die gekennzeichnet ist von äußeren und inneren, spirituellen und alltäglichen Aufgaben, die er sich trotz Hemmnissen und erschwerenden Umständen selbst gestellt hat.
Eine der radikalsten Aussagen Rudolf Steiners, mit der er die Idee der Freiheit in seinem Werk ›Die Philosophie der Freiheit‹, beschreibt, lautet: »Der Freie lebt in dem Vertrauen darauf, daß der andere Freie mit ihm einer geistigen Welt angeh.rt und sich in seinen Intentionen mit ihm begegnen wird. Der Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur liegt.«
Betrachtungen zum Lebensgang Rudolf Steiners IV
»Einmal gab es auf der Bahnstation etwas ganz ›Erschütterndes‹. Ein Eisenbahnzug mit Frachtgütern sauste heran. Mein Vater sah ihm entgegen. Ein hinterer Wagen stand in Flammen. Das Zugpersonal hatte nichts davon bemerkt. Der Zug kam bis zu unserer Station brennend heran. Alles, was sich da abspielte, machte einen tiefen Eindruck auf mich. In einem Wagen war Feuer durch einen leicht entzündlichen Stoff entstanden. Lange Zeit beschäftigte mich die Frage, wie dergleichen geschehen kann. Was mir meine Umgebung darüber sagte, war, wie in ähnlichen Dingen, für mich nicht befriedigend. Ich war voller Fragen; und mußte diese unbeantwortet mit mir herumtragen. So wurde ich acht Jahre alt.« – »Gegen Wiener-Neustadt und weiter gegen die Steiermark zu fallen die Berge in die Ebene ab. Durch diese schlängelt sich der Laytha-Fluß hindurch. Am Bergabhange lag ein Redemptoristen-Kloster. Den Mönchen begegnete ich oft auf meinen Spaziergängen. Ich weiß noch, wie gerne ich von ihnen wäre angesprochen worden. Sie taten es nie. Und so trug ich von der Begegnung nur immer einen unbestimmten, aber feierlichen Eindruck davon, der mir immer lange nachging. Es war in meinem neunten Lebensjahre, da setzte sich in mir die Idee fest: im Zusammenhange mit den Aufgaben dieser Mönche müssen wichtige Dinge sein, die ich kennen lernen müsse. Auch da war es wieder so, daß ich voller Fragen war, die ich unbeantwortet mit mir herumtragen mußte. Ja, diese Fragen über alles mögliche machten mich als Knaben recht einsam.«
Zu Robert Macfarlane: ›Sind Flüsse Lebewesen?‹
Das Buch, um das es hier geht, trifft – behaupte ich – einen Nerv unserer Zeit! Erst 2025 in England erschienen, liegt es im Sommer dieses Jahres bereits auf Deutsch vor. Der Verfasser selbst schreibt: »In meiner 20-jährigen Tätigkeit als Autor [er ist 1976 geboren] von mittlerweile zehn Büchern habe ich mich noch nie mit einem derart dringlichen Thema beschäftigt« (S. 395 ). Worin liegt diese Dringlichkeit? Gerade in den letzten Jahren hat sich in unserer Zivilisation die Schere zwischen technisch-wissenschaftlichem Fortschritt (Digitalisierung, Künstliche Intelligenz usw.) und Naturzerstörung (Klimawandel, Artensterben usw.) weiter als jemals zuvor geöffnet. Halb hilflos, halb rabiat versuchen Politik und Wirtschaft mit den damit einhergehenden Krisen und sozialen Verwerfungen umzugehen, die sich in Kriegen und Katastrophen manifestieren. Aber »Flüsse«? Ist das nicht ein Nebenschauplatz?
Erst-Begegnungen mit Rudolf Steiner I
In einem länglichen, blau ausgemalten Saal versammelte sich ein merkwürdiges Publikum: vorwiegend Damen, zumeist nicht ganz jung – viele trugen absonderliche hemdartige Kleider mit gerader Stola darüber –, auch hatten viele Ketten mit merkwürdigen Anhängern um den Hals. Doch auch da, wo Prätention sich geltend machte, konnte man keine geschmackvolle Erscheinung bemerken. Auffallend war der Mangel an Schminke. Sympathisch berührte vielfach ein menschlich warmer Gesichtsausdruck. Einen gemeinsamen Zug konnte man bei diesen Menschen empfinden: Es war kein zufälliges Publikum, sondern eine Gemeinschaft. Nur eine abseitsstehende Gruppe jüngerer Menschen schien weltlicher.
Zum Leserforum in die Drei 5/2025
Zur Ausstellung ›Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik‹ in der Hamburger Kunsthalle
In der Hamburger Kunsthalle ist noch bis zum 12. Oktober 2025 die Ausstellung ›Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik‹ zu sehen, entstanden in Zusammenarbeit mit dem ›Centre Pompidou – Musée national d’Art Moderne‹ in Paris, das über 30 hervorragende Leihgaben zur Verfügung stellte. Mit insgesamt rund 300 Exponaten von über 80 Leihgebern auf 2000 qm Ausstellungsflächezeigt Hamburg eine zahlenmäßig große und künstlerisch exquisite Schau mit vielen emblematischen – oder wie man heute sagt: »ikonischen« – Kunstwerken. Anlass ist das 100-jährige Jubiläum der Veröffentlichung des von André Breton formulierten ›Surrealistischen Manifestes‹ am 15. Oktober 1924.
Christliche Ursprünge moderner Demokratie. Zugleich ein Blick auf Theo Kobusch: ›Die Entdeckung der Person‹
Seit gut 75 Jahren hat anthroposophisches Leben in den meisten deutschsprachigen Gebieten innerhalb von Gemeinwesen sich entwickeln und prosperieren können, die es in seinem Bestehen sichern, eingebettet in freiheitliche, demokratische Staatswesen. Wo sich aber, wie neuerlich zunehmend zu bemerken ist, durch Anthroposophie angeregte Weltsichten mit Ansätzen eines wieder stärker aufstoßenden völkischen Nationalismus durchmischen, ist es oftmals die Demokratie selbst, die skeptisch ins Visier genommen wird. Daraus ergeben sich Fragen an das anthroposophische Selbstverständnis, zumal diese Kritik an der Demokratie sich auf bestimmte Äußerungen Rudolf Steiners beruft, wie etwa im ersten ›Memorandum‹ von 1917.
Zu Aaron French: ›Max Weber, Rudolf Steiner and Modern Western Esotericism‹
In unserer sich auf die Aufklärung berufenden Gesellschaft gelten Esoterik und Wissenschaft als strikte Gegensätze. Esoterik wird zwar im privaten Raum geduldet, doch die Öffentlichkeit beschäftigt sich nicht ernsthaft mit ihr, weil ihr der Ruch des »Irrationalen« anhaftet. Die Wissenschaft dagegen genießt von allen kulturellen Errungenschaften den höchsten Rang, weil sie »rational« argumentiert und »überprüfbar« ist. Wir leben in einer Kultur von »Experten«: Wenn Politiker oder die Medien Ratschläge brauchen, fragen sie keine Esoteriker um Rat, sondern Doktoren und Professoren mit einer ordentlichen akademischen Ausbildung. Deshalb leben wir im Westen, so der Religionswissenschaftler Aaron French, in einer Kultur »binärer Gegensätze«: Magie und Mythos werden streng von Vernunft und Ratio geschieden, und dazwischen soll es keine Vermittlungen oder gar Vermischungen geben. In seinem neuen Buch ›Max Weber, Rudolf Steiner and Modern Western Esotericism: A Transcultural Approach‹ stellt French jedoch die provokante Frage, ob diese Trennungen in einer globalisierten Welt noch vernünftig sind.
Zu Manuel Schlögl: ›Die Freiheit des Sohnes‹
Manuel Schlögl, deutscher Theologe und Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und ökumenischen Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie, legte 2022 eine weit ausholende Studie zur Christologie Maximus des Bekenners als Habilitationsschrift vor – eine Arbeit, die mit Umsicht und Sorgfalt in die komplexe geistige Welt des Bekenners einführt. Schlögls Gedankensprache ist durchgängig von klarer, ruhiger, stets überzeugender Gediegenheit, die sich womöglich nur damit erklären lässt, dass er die Theologie des Bekenners nicht nur gründlich rezipiert, sondern in ihrer vielschichtigen Struktur im besten Sinne des Wortes auch meditativ durchdrungen hat. Maximus, genannt Maximus Confessor bzw. in der griechischen Orthodoxie Maximos Homologetes (580-662), steht mit seinem Lebenswerk für ein Jahrhunderte überspannendes Ringen um eine Christologie, die geeignet ist, das Göttliche und das Menschliche in dem Christus Jesus in ihrem wechselseitigen dynamischen Verhältnis – gewissermaßen gleichrangig – für Menschen denkbar zu machen.
Zu Mark McGivern: ›Regressive Postmoderne‹ in die Drei 4/2025
Ein wertvolles Vermächtnis
Anfänge des modernen Schulungsweges
Adalbert Stifter und Conrad Ferdinand Meyer
Die Lebenswege der Menschen durch das Dunkel einer Welt, in der die geistige Orientierung verloren gegangen ist – das ist ein großes Thema im neunzehnten Jahrhundert. In der Gegenüberstellung zweier charakteristischer Gestalten der deutschen Literaturgeschichte, des Österreichers Adalbert Stifter (1805–1868) und des Schweizers Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898), kann deren Eigenart deutlicher werden. Meyer schuf erst nach Stifters Tod, über vierzig Jahre alt, die Meisterwerke, die im ganzen deutschen Sprachraum eine große Leserschaft fanden und der Grund sind, dass er heute, zweihundert Jahre nach seiner Geburt, nicht vergessen ist. Bei Stifter verschwindet der Mensch in der Natur als einem lebendigen, beseelten, durchgeistigten Makrokosmos; bei Meyer tritt der Mensch als seelischer Mikrokosmos aus dem stilisierten, kulissenhaften Hintergrund der Geschichte, besonders der Renaissance, hervor.
Betrachtungen zum Lebensgang Rudolf Steiners II
Steiner beginnt den Blick auf seine Kindheit mit der Herkunft seiner Eltern. Beide. Mutter und Vater, stammten aus der gleichen Gegend.2 Darin waren sie sich ähnlich. Der Bezug zu Landschaft und Milieu prägte und bestimmte sie. Im österreichischen Waldviertel waren sie verwurzelt. Als ihr Leben sich rundete, kehrten sie wieder dorthin zurück.Das Verhältnis zwischen einem durch irdische Bedingungen und geistige Intentionen bestimmten Lebensweg, die Spannung zwischen physischer und geistiger Biografie, ist für die menschliche Existenz ein Leben lang thematisch. Ob man sich gedrängt fühlt, dort zu leben und zu arbeiten, wo man auch zur Welt kam. oder ob die Tätigkeit einen an die unterschiedlichsten Orte auf der Welt führt, ob innere oder äußere Beweggründe den Anlass geben zur Führung des eigenen Lebensweges, sagt immer auch etwas aus über das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Existenz. Ist mit der Herkunft das Vertraute. Bekannte und Gewohnte verbunden, ein Lebenszusammenhang, der Sicherheit verheißt und der in diesem Sinne für das Alte und das Vergangene steht, so verheißt Fremde das Neue. Seine Unvorhersehbarkeit zielt auf die inneren Gestaltungskräfte der Seele und deren Wirksamkeit. Freilich handelt es sich dabei nicht um normative Aspekte biografischer Entfaltung. Die entscheidende und im eigentlichen Sinn ortsunabhängige Frage zielt letztlich auf das Maß der Verursachung einer eigenständigen Lebensführung durch das eigene Ich. Wird es vom Gegebenen, sei dies innerer oder äußerer Natur, überformt oder gibt es sich selbst und dem Leben Form und bildet auf diese Weise in der Zeit eine zweite Natur?
Die Gegenwart der Jugend
»Welches Bild oder welchen Begriff verbindest Du augenblicklich – ohne darüber auch nur wenige Sekunde zu reflektieren – mit Deiner Erfahrung ›Ich bin Ich‹/›Ich Ich‹?«Diese Frage stelle ich seit mehreren Jahren möglichst jedes Mal am Beginn meiner Ausführungen, wenn ich in einer Schule – in Italien ist Philosophie in vielen Richtungen der Oberstufe Pflichtfach, und die Kollegien der Schulen kooperieren gerne und fruchtbar mit den Universitäten – oder in einem Anfängerkurs an der Universität mit den jungen Zuhörenden ein Thema vertiefen will, das mit der Philosophie des Bewusstseins, des Ich, des Selbst zusammenhängt. Und ich widme den Antworten stets mindestens 15 Minuten.Eine erfreulich schöne Überraschung sind, vom Anfang dieses »Experimentes« an, die mir geschenkten Antworten. Denn bisher hat in der Tat niemand mit der eigenen Ich-Erfahrung jenes Bild verbunden, das in herkömmlichen akademischen und außerakademischen Diskursen das Ich/Selbst betreffend vorausgesetzt wird. Niemand hat nämlich augenblicklich auf einen verortbaren Punkt innerhalb der eigenen leiblichen Gestalt hingewiesen, der sich als von der äußeren Welt abgegrenzt und in einer ausschließlich eigenen Erste-Person-Perspektive, gleichsam wie in einem Tunnel eingekapselt, empfinden würde; niemand hat bisher, anders gesagt, das Bild des Ich/Selbst als atomistisch verortbaren Punkt evoziert, von dem ausgehend so viele mehr oder weniger populäre wissenschaftliche, philosophische und spirituelle Ansätze der Ich-Erfahrung einen beschränkten Wert zuschreiben, sie mit einer zu überwindenden Perspektive verbindend. Als Beispiele der Bilder und Begriffe, die von den jungen Zuhörenden evoziert wurden, seien hier genannt: Ein Gesicht; eine warme und lichtvolle Leere; eine ungreifbare, jedoch positiv gegenwärtige Leere; Stille; ein (positives) Nichts; ein Kreis; eine Erfahrung des Innen und Außen zugleich. Das bisher interessanteste, komplexeste Bild wurde erst vor wenigen Wochen von einer Schülerin wirklich blitzartig wie folgt charakterisiert: »Eine leuchtende Sphäre!« – wobei die Schülerin diese Formulierung durch eine pulsierende Gebärde des Ballens und Spreizens mit den beiden Händen begleitete, mithin das Bild einer pulsierend leuchtenden, intrinsisch dynamischen Sphäre hervorrufend.
Großbritannien unter Keir Starmer – Eine erste Bilanz
Als die Konservativen bei den britischen Wahlen im Juli letzten Jahres mit einem der schlechtesten Ergebnisse ihrer Geschichte die Macht verloren, löste es einen kollektiven Seufzer der Erleichterung aus, dass das Chaos, die Skandale und die pure Inkompetenz von 14 Jahren konservativer Regierung endlich vorbei waren: von David Cameron, der 2016 in das Brexit-Referendum mit seinen katastrophalen Folgen hineinschlafwandelte, über Theresa May, die wegen ihrer realistischeren Linie in den Brexit-Verhandlungen mit der EU dem unnachgiebigen, rechtsextremen Flügel ihrer Partei zum Opfer fiel, bis hin zu Boris Johnson, dessen loses Verhältnis zur Wahrheit und dessen Missachtung der Regeln während der Covid-Pandemie nicht in Vergessenheit geraten sind (jeder erinnerte sich noch an die Partys in der Downing Street, während es den »kleinen Leuten« verwehrt wurde, mit ihren Liebsten zu sein, die im Krankenhaus an COVID-19 starben).