Liebe Leserinnen und Leser, im Impressum der November/Dezember-Ausgabe 2024 der Drei durfte ich mich Ihnen bereits als neuer Herausgeber dieser Zeitschrift ankündigen. Für viele von Ihnen bin ich möglicherweise noch ein Unbekannter, da ich nicht aus dem Verlags- oder Wissenschaftsbereich komme. Mein beruflicher Weg führte mich durch verschiedene Bereiche der anthroposophischen Praxis: Ich begann als biologisch-dynamischer Gärtner, arbeitete als Sozialtherapeut, war viele Jahre Waldorflehrer und schließlich Dozent für Waldorfpädagogik. Durch die Anthroposophie erhielt ich für die Tätigkeit in diesen Berufsfeldern entscheidende Anregungen. Diese vielfältigen Stationen haben meinen Blick auf die kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit geprägt – Herausforderungen, die auch in den Inhalten der Drei aufscheinen.
Manchmal nimmt ein Heft in den letzten zwei Wochen der Redaktionsarbeit eine andere Gestalt an als ursprünglich beabsichtigt war. So sollte dieses Heft mehrere Schwerpunkte haben, darunter einen literarischen. Die dafür vorgesehenen Artikel mussten nun auf eine spätere Gelegenheit verschoben werden, denn ein paar Beiträge, die schon längere Zeit vorlagen, und ein paar ganz neu hinzukommende ließen es geboten erscheinen, nur noch ein einziges Thema in den Mittelpunkt zu stellen.
Zum Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz
Am 17. Oktober 2024 hat der Bundestag dem neuen Krankenhaus-Reformgesetz von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zugestimmt, am 22. November auch der Bundesrat. Diese zweite Entscheidung kam überraschend schnell. Mehrere Bundesländer hatten Eingriffe in ihre Planungshoheit befürchtet und wollten den Vermittlungsausschuss anrufen. Angesichts bevorstehender Neuwahlen nach dem Bruch der Ampelkoalition waren sich die Länderchefs einig, dass eine Verbesserung des Gesetzes nicht mehr zu erzielen sei, aber Schaden entstünde, wenn es nicht käme. Das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) wird nun umgesetzt werden müssen. Kritiker monierten, die Reform sei einseitig auf die Krankenhäuser zugeschnitten, und eine Verbesserung des Verhältnisses von niedergelassenen Ärzten und anderen therapeutischen Berufen, der Vernetzung von ambulanter und stationärer Versorgung habe keine Berücksichtigung gefunden. Damit sind die Ziele einer folgenden Gesetzesänderung bereits benannt.
Großbritannien unter Keir Starmer – Eine erste Bilanz
Als die Konservativen bei den britischen Wahlen im Juli letzten Jahres mit einem der schlechtesten Ergebnisse ihrer Geschichte die Macht verloren, löste es einen kollektiven Seufzer der Erleichterung aus, dass das Chaos, die Skandale und die pure Inkompetenz von 14 Jahren konservativer Regierung endlich vorbei waren: von David Cameron, der 2016 in das Brexit-Referendum mit seinen katastrophalen Folgen hineinschlafwandelte, über Theresa May, die wegen ihrer realistischeren Linie in den Brexit-Verhandlungen mit der EU dem unnachgiebigen, rechtsextremen Flügel ihrer Partei zum Opfer fiel, bis hin zu Boris Johnson, dessen loses Verhältnis zur Wahrheit und dessen Missachtung der Regeln während der Covid-Pandemie nicht in Vergessenheit geraten sind (jeder erinnerte sich noch an die Partys in der Downing Street, während es den »kleinen Leuten« verwehrt wurde, mit ihren Liebsten zu sein, die im Krankenhaus an COVID-19 starben).
Daniel Nicol Dunlop und die Mysterien der Erde
Der vorliegende Beitrag ist die Ausarbeitung eines Vortrags zur Tagung des D. N. Dunlop Instituts ›Die Mysterien der Freiheit und der Gemeinschaft – Daniel Nicol Dunlops Wirken als Esoteriker und Wirtschaftspraktiker‹ in Frankfurt am Main. Da die besonderen wirtschaftlichen Organisationsfähigkeiten Dunlops sich nicht aus seiner Biografie erklären lassen, wird untersucht, wie diese in einer früheren Inkarnation veranlagt worden sein könnten. In der Wirtschaftsorganisation des Templerordens tauchen viele Elemente auf, die von Dunlop aufgegriffen und an die Anforderungen seiner Zeit angepasst wurden.
Anmerkungen zu Daniel Nicol Dunlop
100 Jahre nach der Weihnachtstagung, also in dem Rhythmus, in welchem gewichtige Impulse erneut weltwirksam werden können, scheint ein gesteigertes Interesse an der rätselhaften Gestalt Dunlop aufzukommen. In dieser Lebensskizze liegt der Aspekt darauf, Dunlops Wesen und Wirken insbesondere im Zusammenhang mit Rudolf Steiner und der Anthroposophischen Bewegung als in Verbindung mit den Westlichen Mysterien und damit mit dem Mysteriengeschehen insgesamt stehend, zu verstehen. Die Tragik von Dunlops Schicksalsweg innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, aber auch das Zukunftspotenzial dieser Konstellation können heute besser erkannt werden.
Die respirativen Funktionsträger Gaias
Wie viele Menschen liebe auch ich die Berge. Neben ihrer unbegreiflichen Schönheit und Majestät nehme ich sie als hohe geistige Wesen wahr. Ihre Lebensäußerungen empfinde ich, gemessen an menschlichem Sein, als so titanenhaft dimensioniert, dass sie das um Verstehen bemühte Bewusstsein mit ihrer Seinswucht gleichsam betäuben oder zumindest herabdämpfen. Zu diesem Problem tritt die Fremdartigkeit des Bergbewusstseins gegenüber menschlichem Bewusstsein hinzu. Entsprechend schwer fällt es mir, zu einem dialogischen Verstehen vorzudringen. Bei einem Phänomen, das ich die »Bergatmung« nenne, blieb mir, über die unmittelbare Wahrnehmung hinaus, ein tieferes Verständnis lange verwehrt. Erst durch die Sichtweise einer anthroposophisch erweiterten Physiologie wurden mir die inneren Zusammenhänge erkennbar. Für mich ist es eine der schönsten Arten, mit der von Rudolf Steiner eröffneten Anthroposophie zu leben, wenn sich deren Weisheitsgüter (die uns zunächst in verschriftlichter Buchform begegnen) völlig zwanglos in der Erfahrungswirklichkeit auf ungeahnte Weise bestätigen und zur lebendigen Anwendung bringen lassen. Darin liegt eine tiefe Glücksempfindung. Hiervon will der folgende Artikel (als einem möglichen Zugang) berichten.
Was ist das Paradies? Das muss man eigentlich niemandem erklären: Es gibt Ferienparadiese, Gartenparadiese, Schokoladen- oder Gurkenparadiese. Hunderte Ortsteile weltweit sind nach dem Paradies benannt. Es gibt Filme, Romane, selbst ein Asteroid trägt den Namen des Paradieses. Das Paradies ist eines der zentralen Urbilder im Christentum, im Judentum und im Islam. Auch wenn das Nirvana des Buddhismus und des Hinduismus auf einer etwas anderen Vorstellung dieses Paradieses beruhen, ist doch das Grundgefühl dasselbe: »Es ging uns einst sehr gut, jetzt geht es uns viel, viel schlechter, aber eines Tages wird es wieder …«
Ihre Bewahrung und Erneuerung als Existenzfrage für Gegenwart und Zukunft
Es ist nun über hundert Jahre her, dass Rudolf Steiner die biologisch-dynamische Landwirtschaft auf Schloss Koberwitz bei Breslau im heutigen Polen begründet hat. Diese Form der Landwirtschaft ist nicht nur für unsere Zeit, sondern für die ganze Zukunft der Erde etwas ungeheuer Wichtiges. Aber nicht minder wichtig ist es, und zwar als Vorbereitung, um die Bedeutung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise überhaupt verstehen zu können, die Frage nach dem Wesen der Kulturlandschaft, nach ihrer Entstehung, ihrer Gefährdung und ihrer Zukunft zu stellen. Dafür muss ich zunächst weit ausholen.
Betrachtungen zum Lebensgang Rudolf Steiners I
»[E]s war stets mein Bestreben, das, was ich zu sagen hatte, und was ich tun zu sollen glaubte, so zu gestalten, wie es die Dinge, nicht das Persönliche forderten. Es war zwar immer meine Meinung, daß das Persönliche auf vielen Gebieten den menschlichen Betätigungen die wertvollste Färbung gibt. Allein mir scheint, daß dies Persönliche durch die Art, wie man spricht und handelt, zur Offenbarung kommen muß, nicht durch das Hinblicken auf die eigene Persönlichkeit. Was aus diesem Hinblicken sich ergeben kann, ist eine Sache, die der Mensch mit sich selbst abzumachen hat.« – Die Aussage scheint einfach: Sachgemäß handeln und sich äußern, nicht aus persönlichen Motiven. Einsicht und Erkenntnis statt partikularer Interessen als Grundlage des Handelns bei gleichzeitiger Wertschätzung individueller Charakterzüge und Ausdrucksformen. Kaum eine Debatte zu Entscheidungsfragen, in der nicht diese Zielsetzung proklamiert würde. Persönliche Gründe sollen zurückstehen, sachliche Gründe haben Vorrang. Beginnt Rudolf Steiner am Ende seines Lebens seine autobiografischen Erinnerungen also mit einer Redensart? Oder muss nicht das Gesagte in seiner Bedeutung angesichts der Abendröte eines in seiner Fülle schier unermesslichen Lebens gerade an dessen Gehalt verständlich gemacht werden? Genau diesen Weg schlägt Rudolf Steiner bei der Niederschrift seines ›Lebensganges‹ ein.
Ein Essay
Seit Jahren stoße ich an einer unsichtbaren Wand an, ich weiß nicht, ob es eine gläserne Decke ist oder in Wahrheit nur ein sanfter Schleier oder Vorhang, der keinen Schlitz, keine Öffnung hat und den man mit Gewalt zerreißen müsste, oder ob es eine Mauer ist aus Vorurteil und Furcht; ich weiß auch nicht, ob diese unüberwindbare Schwelle in mir selber ist oder den Anderen, der Welt. Ich ahne nur, dass sie darüber entscheidet, ob ich von so etwas wie der »Michael-Prophetie« gemeint bin oder nicht.
Zur ›Worldwide Biography Conference‹ vom 2. bis 6. November 2024 in Kyoto/Japan
Kyoto – die Kaiserstadt. Die Tempelstadt. Japan. Kirschblüten. Allerhand Assoziationen und innere Bilder breiteten sich in mir aus, als ich die Ankündigung lese: ›World Biography Conference 2024‹ in Kyoto. Da muss ich hin!
Zu Wolfgang Raddatz: ›Der umgekehrte Weg‹, in die Drei 6/2024
Bezug nehmend auf Wolfgang Raddatz’ Betrachtungen zu meinem neuesten Buch ›Das Licht der letzten Tage‹ erlaube ich mir, im Folgenden einige Anmerkungen, Ergänzungen und Hinweise zu den Intentionen und Methodenfragen unserer Forschung nachzutragen – erstens, um konkret auf einige Einwürfe von Wolfgang Raddatz zu antworten und auf bestimmte problematische Tendenzen, insbesondere in der Literatur zu Nahtoderfahrungen und verwandten Phänomenen (wie etwa der terminalen Geistesklarheit) hinzuweisen; zweitens, um die Herkunft eines Raddatz rätselhaft erscheinenden Zitats aufzulösen; drittens, um einige seiner Vorschläge zu einer möglichen vitalistischen Deutung der von uns untersuchten Sterbephänomene zu diskutieren; und viertens, weil ich anthroposophisch orientierte Kolleginnen und Kollegen auf diesem Wege dazu anstiften möchte, an der Gestaltung und Durchführung weiterer Forschung auf diesem noch jungen Forschungsgebiet mitzuwirken.
Zu Gregory Rupik: ›Remapping Biology‹
Als James Watson und Francis Crick 1953 die Struktur des Erbmoleküls DNA entdeckten, glaubten sie, das jahrtausendealte Geheimnis des Lebens gelüftet zu haben. Sie lösten damit eine wissenschaftliche und technische Revolution aus, die auf dem Glauben beruht, dass Lebewesen in Baconscher Manier (»Wissen ist Macht«) durch immer feinere Zergliederung bis hin zu ihren Molekülen und Atomen verstanden werden können. Tatsächlich ermöglichten die neuen Kenntnisse bald, Lebewesen gentechnisch zu manipulieren. Aus materialistischer Sicht war diese Entwicklung äußerst erfolgreich und kulminierte in der Veröffentlichung der menschlichen Genomsequenz im Jahr 2000, die der Öffentlichkeit in Anwesenheit von Bill Clinton und Tony Blair mit großem Medienaufwand verkündet wurde.
Zum 250. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (* 27. Januar 1775, † 20. August 1854)
Bei der anfänglichen Beschäftigung mit Jakob Böhmes Leben und Werk fiel mir das seltsame Wort »Ungrund« auf; es erinnert an Abgrund und vermittelt einen gewissen Schrecken, als sei es etwas noch weitaus Gefährlicheres. Der Mystiker Jakob Böhme (1575–1624) war in gewisser Weise ein Vorläufer der deutschen Romantik; er hat in Görlitz gelebt, als ein einfacher Schuhmacher zunächst. Seine Schriften setzten mit dem 25. Lebensjahr ein, nach seiner Schau anhand eines glänzenden Zinngefäßes, und tragen den Stempel des Selbsterlebten, des zutiefst durchlittenen geistigen Schauens. Sein erstes Manuskript, später ›Aurora oder Morgenröte im Aufgang‹ (1612/13) genannt, geriet in falsche Hände: in die des Stadtpfarrers Gregor Richter, der ihn beim Stadtrat anzeigte. Die evangelische Kirche bekämpfte Böhme und erteilte ihm Schreibverbot. Freunde ermutigten ihn, trotzdem weiterzuschreiben, und er tat es aus einem inneren Gebot heraus.
Zum Film ›Seelenlandschaften: Spirituelle Orte in Deutschland‹ von Rüdiger Sünner
Wem heute hierzulande, des gesch.ftigen Treibens überdrüssig, nach Waldesrauschen und weiten Landschaften zumute ist, der bucht einen Kurs in zertifiziertem Waldbaden oder setzt sich in den Flieger nach Island, Kanada oder womöglich gleich Neuseeland. Angesichts eines Zeitgeistes, der jene, die es sich leisten können, mit dem flüchtigen Ruhm eines spektakulären Selfies für die sozialen Medien in die entlegensten Gegenden treibt, ist jede Berichterstattung über Orte, die sich dem touristischen Würgegriff bislang weitgehend zu entziehen vermochten, eine Gratwanderung. Daher muss ein Film, der ›Seelenlandschaften‹ beleuchten will, sich an der Frage bewähren, ob die eingefangenen Bilder geeignet sind, zu Erhalt und Würdigung beizutragen, oder im Gegenteil einer massentouristischen Aneignung und damit Entseelung von Natur Vorschub zu leisten.
Wie können wir heute mit Naturgeistern leben?
Der junge Germanist Thomas Höffgen hat ein neues Buch mit dem Titel ›Nordische Naturgeister – Leben mit den Wesen des Waldes‹ (BoD 2024) vorgelegt, in dem er uns vor allem die Fülle solcher Phänomene bei den alten Germanen vorführen möchte. Höffgen hat bereits in mehreren Publikationen die Glaubenswelt unserer Vorfahren erforscht, und er tut das mit einem ungewöhnlichen Enthusiasmus – es scheint, als ob er einem immer noch tabuisierten Thema neues Leben einhauchen möchte, und dafür hat er auch einen ganz eigenen Lebensweg gewählt. Obwohl er in Germanistik mit einem exzellenten Buch über ›Goethes Walpurgisnacht-Trilogie‹ promovierte und auch eine gewisse Zeit als Universitätsdozent arbeitete, hat er sich ganz vom akademischen Betrieb entfernt und genießt dafür als freier Schriftsteller in naturreligiösen Kreisen immer mehr Akzeptanz. Für seine spirituell ausgerichtete Form der Philologie war wohl kein Platz an der Universität, und so veröffentlicht er seine Bücher heute in Eigenregie, um größtmögliche geistige Unabhängigkeit zu haben.
Oder: Da fehlt noch etwas
Raja Brooke Birdwing Butterfly, zu Deutsch: Raja Brooke Vogelfalter-Schmetterling. Das bedeutet also (von hinten beginnend):
1. Er ist ein Schmetterling.
2. Er gehört zur Gruppe der Vogelfalter, die nicht nur so heißen, weil sie so groß sind wie kleine Vögel, sondern auch, weil ihre flach ausgebreiteten Flügel genau wie die sichelartigen Schwingen von Schwalben oder Seglern aussehen.
3. Er ist der Namensträger von Raja Brooke, eigentlich Sir James Brooke (1803–1869), eines englischen Abenteurers, der 1841 mit seinem bewaffneten Segelschiff dem Sultan Omar Ali Saifuddin II. von Brunei half, den Aufstand von Einheimischen auf Borneo unblutig zu beenden. Danach übernahm er vom Sultan als »Raja« (Herrscher) die Verwaltung der Provinz Sarawak, machte sich bald selbstständig und begründete die Dynastie der »Weißen Rajas« von Sarawak. Nach dem Überfall Japans auf Borneo und dem Ende der britischen Kolonialherrschaft fiel das Königreich an den neu gegründeten Staat Malaysia. Raja Brooke gilt heute als wichtiger Vorläufer der Staatsgründung Malaysias. Und der Schmetterling, als der Nationalschmetterling Malaysias, ist also gewissermaßen staatstragend.
Die Zahl Acht ist ein Wesen, eine Idee in der Geisteswelt. Wir können nur acht Äpfel, acht Bäume sehen, aber nicht die Zahl Acht. Was für eine Farbe hat sie? Was für eine Form? Klingt sie noch? Gäben wir darauf eine Antwort, würde das Wesen der Acht zum etwas Konkreten. In der Wirklichkeit verfügt die Acht als Wesen über unendlich viele Möglichkeiten zur Verwirklichung und unzählbare Beziehungen zu anderen Wesen.
Zu Andreas Neider: ›Zur gegenwärtigen Aufarbeitung der Corona-Pandemie – Teil I-III‹ in die Drei 3-5/2024 und zu Ute Hallaschka: ›Ein Mensch‹ in die Drei 6/2024
Rudolf Steiners 100. Todestag war auch für die Redaktion dieser Zeitschrift ein Anlass, innezuhalten und einen so dankbaren wie kritischen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um danach die Aufgaben der Zukunft ins Auge zu fassen. Und so stehen hier Rudolf Steiner und die Anthroposophie fast ausschließlich im Mittelpunkt – auch wenn Bernd Brackmann einleitend die verrottende politische Kultur unserer Gegenwart beschreibt und zur Rettung unseres demokratischen Gemeinwesens mehr Mitbestimmung für mündige Bürger empfiehlt.
Oder: Klare Kante gegen Rechts – und alles gut?
Am 11. September 1990, zum Ende des Kalten Krieges, verkündete Präsident George H.W. Bush eine neue Weltordnung. Das mag verheißungsvoll geklungen haben, denn eine vernunftbasierte und friedliche Regelung innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Verhältnisse ist stets zu begrüßen. Aber zu fragen bleibt, ob Ordnung in diesem Sinne gemeint war oder ein neues Dominanzsystem der USA. Unerwartete Antwort gab der damalige US-amerikanische Außenminister Antony Blinken im Dezember 2024 vor dem »Council on Foreign Relationsc »Wenn wir auf die letzten 20 Jahre zurückblicken, waren unsere Experimente mit Regime-Change nicht gerade von durchschlagendem Erfolg gekrönt.« Tatsächlich finden wir seit 1990 in der politischen Welt immer weniger Ordnung, trotz der seit 2008 vor allem von der westlichen Welt propagierten »regelbasierten internationalen Ordnung«. Die letzten 35 Jahre waren in hohem Maß irritierend, nicht nur aufgrund von Naturkatastrophen und neuen Technologien, sondern auch durch eine dichte Abfolge oft völkerrechtswidriger Kriege; Revolutionen mit der Folge von »failed States« (wie in Syrien. Libyen und Afghanistan); eine reale oder fiktive Terrorgefahr weltweit; globale Probleme mit illegaler Migration usw. Für die Zukunft gibt es nur unsichere Prognosen; Eben noch sah man einen neuen Kalten Krieg zwischen den USA und Russland heraufziehen, nun verbrüdern sich die beiden mächtigsten Männer der Welt. Wie wird sich das Verhältnis der USA zu China entwickeln? Und stehen die BRICS-Staaten zwar für eine multipolare, aber nicht für eine freiere und gerechtere Welt? Immerhin will China sein Smart-City-Konzept den Ländern des globalen Südens aufdrängen, und Russland bis 2025 ein landesweites biometrisches Zahlungssystem einführen.
Liebe Anthroposophie der Zukunft, ich schreibe Dir einen Brief. Einmal, um mich Deiner zu vergewissern im Nachsinnen und Vordenken. Dann auch, weil ich gefragt wurde, was ich zu Deinem Wesen sagen könnte, im Angesicht des 100. Todestages Rudolf Steiners am 30. März 2025. Dieses Datum hat sicher auch für Dich eine Bedeutung. Ich empfinde es als Einschnitt, durch den vieles neu werden kann - wenn es Menschen gibt, die das wollen. Da hier noch andere mitlesen, versuche ich. diesen intimen Brief so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen mitdenken und mitfühlen können.
Zu Rudolf Steiners 100. Todestag am 30. März 2025
Mich beschäftigte eine bestimmte Frage in der Zeit der 80er- und 90er-Jahre. Ich war damals dabei, meinen Weg und mich selbst zu finden. Innerlich voller Fragen, stieß ich um mich herum auf eine Reihe älterer Menschen, meine Eltern und auch ehemalige Lehrer, die alle Anthroposophen waren und die irgendwie genau wussten oder zu wissen meinten, was aus mir werden sollte. Sie beurteilten mich aufgrund festgelegter Begriffe und Vorerfahrungen und planten mein Leben. Daraus entstand die folgende Frage: Kann man einen anderen Menschen aufgrund von festgelegten Begriffen und Vorerfahrungen wirklich beurteilen und verstehen? Ich erlebte, wie das völlig selbstverständlich so gehandhabt wurde, und merkte bei mir selber ein Unwohlsein demgegenüber. Denn diese Begriffe und Urteile hatten etwas an sich, als ob ihnen die Organe für das fehlten, was wirklich im Tieferen und auch in der Wahrnehmung geschah. Sie blieben bei sich. Reichten gar nicht zu mir hin. Ich fühlte mich in meinem inneren und äußeren Leben nicht gesehen.
Zur Gegenwart der Zukunft
Anthroposophie ist »die Weisheit, die der Mensch spricht«. - Der Mensch ist aber das Ich: »Und dieses ›Ich‹ ist der Mensch selbst. Das berechtigt ihn. dieses ›Ich‹ als seine wahre Wesenheit anzusehen«. Wiederum: »Das Ich ist alle Wesen / Alle Wesen sind das Ich«. - Diese wenigen, knappen Formulierungen Rudolf Steiners könnten dazu helfen, die häufig auftauchende Frage nach dem Spezifischen der Anthroposophie eindeutig und fruchtbar zu beantworten. In Zusammenklang mit ihnen könnte sie lauten: Das Spezifische der Anthroposophie ist ihr Wesen - hier verbal verstanden! - und Wirken als Ichosophie!
Christliche Ursprünge moderner Demokratie. Zugleich ein Blick auf Theo Kobusch: ›Die Entdeckung der Person‹
Seit gut 75 Jahren hat anthroposophisches Leben in den meisten deutschsprachigen Gebieten innerhalb von Gemeinwesen sich entwickeln und prosperieren können, die es in seinem Bestehen sichern, eingebettet in freiheitliche, demokratische Staatswesen. Wo sich aber, wie neuerlich zunehmend zu bemerken ist, durch Anthroposophie angeregte Weltsichten mit Ansätzen eines wieder stärker aufstoßenden völkischen Nationalismus durchmischen, ist es oftmals die Demokratie selbst, die skeptisch ins Visier genommen wird. Daraus ergeben sich Fragen an das anthroposophische Selbstverständnis, zumal diese Kritik an der Demokratie sich auf bestimmte Äußerungen Rudolf Steiners beruft, wie etwa im ersten ›Memorandum‹ von 1917.