Betrachtungen zum Lebensgang Rudolf Steiners II
Steiner beginnt den Blick auf seine Kindheit mit der Herkunft seiner Eltern. Beide. Mutter und Vater, stammten aus der gleichen Gegend.2 Darin waren sie sich ähnlich. Der Bezug zu Landschaft und Milieu prägte und bestimmte sie. Im österreichischen Waldviertel waren sie verwurzelt. Als ihr Leben sich rundete, kehrten sie wieder dorthin zurück.Das Verhältnis zwischen einem durch irdische Bedingungen und geistige Intentionen bestimmten Lebensweg, die Spannung zwischen physischer und geistiger Biografie, ist für die menschliche Existenz ein Leben lang thematisch. Ob man sich gedrängt fühlt, dort zu leben und zu arbeiten, wo man auch zur Welt kam. oder ob die Tätigkeit einen an die unterschiedlichsten Orte auf der Welt führt, ob innere oder äußere Beweggründe den Anlass geben zur Führung des eigenen Lebensweges, sagt immer auch etwas aus über das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Existenz. Ist mit der Herkunft das Vertraute. Bekannte und Gewohnte verbunden, ein Lebenszusammenhang, der Sicherheit verheißt und der in diesem Sinne für das Alte und das Vergangene steht, so verheißt Fremde das Neue. Seine Unvorhersehbarkeit zielt auf die inneren Gestaltungskräfte der Seele und deren Wirksamkeit. Freilich handelt es sich dabei nicht um normative Aspekte biografischer Entfaltung. Die entscheidende und im eigentlichen Sinn ortsunabhängige Frage zielt letztlich auf das Maß der Verursachung einer eigenständigen Lebensführung durch das eigene Ich. Wird es vom Gegebenen, sei dies innerer oder äußerer Natur, überformt oder gibt es sich selbst und dem Leben Form und bildet auf diese Weise in der Zeit eine zweite Natur?
Wie sind sie zu verstehen?
Aus der Zeit vor der Jahrhundertwende gibt es mehrere Äußerungen Rudolf Steiners, die - in zum Teil recht heftiger Weise - gegen das Christentum gerichtet zu sein scheinen. In seiner Autobiografie erklärt er, was für ihn der Anlass dazu war: »Im Widerspruch mit den Darstellungen, die ich später vom Christentum gegeben habe, scheinen einzelne Behauptungen zu stehen, die ich damals niedergeschrieben und in Vorträgen ausgesprochen habe. Dabei kommt das Folgende in Betracht. Ich hatte, wenn ich in dieser Zeit das Wort »Christentum« schrieb, die Jenseitslehre im Sinne, die in den christlichen Bekenntnissen wirkte. Aller Inhalt des religiösen Lebens verwies auf eine Geistwelt, die für den Menschen in der Entfaltung seiner Geisteskräfte nicht zu erreichen sein soll. Was Religion zu sagen habe, was sie als sittliche Gebote zu geben habe, stammt aus Offenbarungen, die von außen zum Menschen kommen. Dagegen wendete sich meine Geistesanschauung, die die Geistwelt genau wie die sinnenfällige im Wahrnehmbaren am Menschen und in der Natur erleben wollte.« Es gibt Autoren, die diese Erklärung Rudolf Steiners nicht für alle seine Aussagen gelten lassen wollen: Einzelne Formulierungen, so wird behauptet, ließen sich nicht anders verstehen, als dass er doch das Christentum als solches damals gemeint habe.
und die Inspirationsquellen der Anthroposophie
Martin Basfeld, der am 12. Oktober 2020 überraschend verstarb, arbeitete in den letzten Monaten seines Lebens intensiv an einem bedeutenden Artikel zu den fünf >lnspirations-quellen der Anthroposophie^ Angeregt von dem gleichnamigen Büchlein Sigismund von Gleichs wollte er zeigen, dass es einen geradezu spiegelbildlichen Zusammenhang zwischen der Baconschen Lehre von den Idolen und den fünf Inspirationsquellen gibt, und zwar in der Weise, dass diese Idole heute in verwandelter Form in Einrichtungen - auch in anthroposophischen - wieder Einzug gehalten haben. Das Anliegen dieses Artikels ist zweierlei: Zum einen mithilfe der Erkenntnisintention seines bislang unveröffentlichten Aufsatzes Martin Basfeld noch einmal »zu Wort kommen zu lassen«. Zum anderen auf der Grundlage seiner Ausführungen zu entwickeln, wie das Erkennen dieser Gegenimpulse dazu führen kann, einen neuen Zugang zu den Impulsen der Michael-Schule zu finden, die zu realisieren mit der Weihnachtstagung I923 angestrebt wurde.
Ein geistesgeschichtlicher Bogen von Aristoteles über Francis Bacon zu Rudolf Steiner
In einem Vortrag von 1910 entwickelte Rudolf Steiner eine eigentümliche, viergliedrige, symbolische Darstellung der menschlichen Seele: Zwei aufeinander zulaufende Pfeile in der Horizontalen, zwei in der Vertikalen, das Ganze umschlossen von einem Kreis. Dabei repräsentiert der eine der beiden horizontalen Pfeile (von links) die Erinnerung, durch welche die vergangenen Eindrücke in das gegenwärtige Seelenleben hereingetragen werden, der andere (von rechts) das »Begehren«, womit Rudolf Steiner das Gefühlsleben meinte, das sich auf Zukünftiges bezieht (Angst. Hoffnung. Vorfreude, im weiteren Sinne Sympathien und Antipathien). Senkrecht von oben wirkt in der Seele die Aktivität des Ich, welcher die Sinneseindrücke senkrecht von unten entgegenstehen. Die beiden horizontalen Pfeile zeigen die zeitliche Einbettung der Seele zwischen Vergangenem (Erinnertem) und Zukünftigem (»Begehrtem«), während das Ich gleichsam von »oberhalb« des Zeitstroms, aus dem Geistigen in die Seele hineinwirkt, und die Sinneseindrücke immer (nur) im Hier und Jetzt auftreten, also ebenfalls keine eigene Zeitlichkeit an sich tragen.
Christliche Ursprünge moderner Demokratie. Zugleich ein Blick auf Theo Kobusch: ›Die Entdeckung der Person‹
Seit gut 75 Jahren hat anthroposophisches Leben in den meisten deutschsprachigen Gebieten innerhalb von Gemeinwesen sich entwickeln und prosperieren können, die es in seinem Bestehen sichern, eingebettet in freiheitliche, demokratische Staatswesen. Wo sich aber, wie neuerlich zunehmend zu bemerken ist, durch Anthroposophie angeregte Weltsichten mit Ansätzen eines wieder stärker aufstoßenden völkischen Nationalismus durchmischen, ist es oftmals die Demokratie selbst, die skeptisch ins Visier genommen wird. Daraus ergeben sich Fragen an das anthroposophische Selbstverständnis, zumal diese Kritik an der Demokratie sich auf bestimmte Äußerungen Rudolf Steiners beruft, wie etwa im ersten ›Memorandum‹ von 1917.
Zur Gegenwart der Zukunft
Anthroposophie ist »die Weisheit, die der Mensch spricht«. - Der Mensch ist aber das Ich: »Und dieses ›Ich‹ ist der Mensch selbst. Das berechtigt ihn. dieses ›Ich‹ als seine wahre Wesenheit anzusehen«. Wiederum: »Das Ich ist alle Wesen / Alle Wesen sind das Ich«. - Diese wenigen, knappen Formulierungen Rudolf Steiners könnten dazu helfen, die häufig auftauchende Frage nach dem Spezifischen der Anthroposophie eindeutig und fruchtbar zu beantworten. In Zusammenklang mit ihnen könnte sie lauten: Das Spezifische der Anthroposophie ist ihr Wesen - hier verbal verstanden! - und Wirken als Ichosophie!
Zu Rudolf Steiners 100. Todestag am 30. März 2025
Mich beschäftigte eine bestimmte Frage in der Zeit der 80er- und 90er-Jahre. Ich war damals dabei, meinen Weg und mich selbst zu finden. Innerlich voller Fragen, stieß ich um mich herum auf eine Reihe älterer Menschen, meine Eltern und auch ehemalige Lehrer, die alle Anthroposophen waren und die irgendwie genau wussten oder zu wissen meinten, was aus mir werden sollte. Sie beurteilten mich aufgrund festgelegter Begriffe und Vorerfahrungen und planten mein Leben. Daraus entstand die folgende Frage: Kann man einen anderen Menschen aufgrund von festgelegten Begriffen und Vorerfahrungen wirklich beurteilen und verstehen? Ich erlebte, wie das völlig selbstverständlich so gehandhabt wurde, und merkte bei mir selber ein Unwohlsein demgegenüber. Denn diese Begriffe und Urteile hatten etwas an sich, als ob ihnen die Organe für das fehlten, was wirklich im Tieferen und auch in der Wahrnehmung geschah. Sie blieben bei sich. Reichten gar nicht zu mir hin. Ich fühlte mich in meinem inneren und äußeren Leben nicht gesehen.
Liebe Anthroposophie der Zukunft, ich schreibe Dir einen Brief. Einmal, um mich Deiner zu vergewissern im Nachsinnen und Vordenken. Dann auch, weil ich gefragt wurde, was ich zu Deinem Wesen sagen könnte, im Angesicht des 100. Todestages Rudolf Steiners am 30. März 2025. Dieses Datum hat sicher auch für Dich eine Bedeutung. Ich empfinde es als Einschnitt, durch den vieles neu werden kann - wenn es Menschen gibt, die das wollen. Da hier noch andere mitlesen, versuche ich. diesen intimen Brief so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen mitdenken und mitfühlen können.
Ihre Bewahrung und Erneuerung als Existenzfrage für Gegenwart und Zukunft
Es ist nun über hundert Jahre her, dass Rudolf Steiner die biologisch-dynamische Landwirtschaft auf Schloss Koberwitz bei Breslau im heutigen Polen begründet hat. Diese Form der Landwirtschaft ist nicht nur für unsere Zeit, sondern für die ganze Zukunft der Erde etwas ungeheuer Wichtiges. Aber nicht minder wichtig ist es, und zwar als Vorbereitung, um die Bedeutung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise überhaupt verstehen zu können, die Frage nach dem Wesen der Kulturlandschaft, nach ihrer Entstehung, ihrer Gefährdung und ihrer Zukunft zu stellen. Dafür muss ich zunächst weit ausholen.
Was ist das Paradies? Das muss man eigentlich niemandem erklären: Es gibt Ferienparadiese, Gartenparadiese, Schokoladen- oder Gurkenparadiese. Hunderte Ortsteile weltweit sind nach dem Paradies benannt. Es gibt Filme, Romane, selbst ein Asteroid trägt den Namen des Paradieses. Das Paradies ist eines der zentralen Urbilder im Christentum, im Judentum und im Islam. Auch wenn das Nirvana des Buddhismus und des Hinduismus auf einer etwas anderen Vorstellung dieses Paradieses beruhen, ist doch das Grundgefühl dasselbe: »Es ging uns einst sehr gut, jetzt geht es uns viel, viel schlechter, aber eines Tages wird es wieder …«
Die respirativen Funktionsträger Gaias
Wie viele Menschen liebe auch ich die Berge. Neben ihrer unbegreiflichen Schönheit und Majestät nehme ich sie als hohe geistige Wesen wahr. Ihre Lebensäußerungen empfinde ich, gemessen an menschlichem Sein, als so titanenhaft dimensioniert, dass sie das um Verstehen bemühte Bewusstsein mit ihrer Seinswucht gleichsam betäuben oder zumindest herabdämpfen. Zu diesem Problem tritt die Fremdartigkeit des Bergbewusstseins gegenüber menschlichem Bewusstsein hinzu. Entsprechend schwer fällt es mir, zu einem dialogischen Verstehen vorzudringen. Bei einem Phänomen, das ich die »Bergatmung« nenne, blieb mir, über die unmittelbare Wahrnehmung hinaus, ein tieferes Verständnis lange verwehrt. Erst durch die Sichtweise einer anthroposophisch erweiterten Physiologie wurden mir die inneren Zusammenhänge erkennbar. Für mich ist es eine der schönsten Arten, mit der von Rudolf Steiner eröffneten Anthroposophie zu leben, wenn sich deren Weisheitsgüter (die uns zunächst in verschriftlichter Buchform begegnen) völlig zwanglos in der Erfahrungswirklichkeit auf ungeahnte Weise bestätigen und zur lebendigen Anwendung bringen lassen. Darin liegt eine tiefe Glücksempfindung. Hiervon will der folgende Artikel (als einem möglichen Zugang) berichten.
Anmerkungen zu Daniel Nicol Dunlop
100 Jahre nach der Weihnachtstagung, also in dem Rhythmus, in welchem gewichtige Impulse erneut weltwirksam werden können, scheint ein gesteigertes Interesse an der rätselhaften Gestalt Dunlop aufzukommen. In dieser Lebensskizze liegt der Aspekt darauf, Dunlops Wesen und Wirken insbesondere im Zusammenhang mit Rudolf Steiner und der Anthroposophischen Bewegung als in Verbindung mit den Westlichen Mysterien und damit mit dem Mysteriengeschehen insgesamt stehend, zu verstehen. Die Tragik von Dunlops Schicksalsweg innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, aber auch das Zukunftspotenzial dieser Konstellation können heute besser erkannt werden.
Daniel Nicol Dunlop und die Mysterien der Erde
Der vorliegende Beitrag ist die Ausarbeitung eines Vortrags zur Tagung des D. N. Dunlop Instituts ›Die Mysterien der Freiheit und der Gemeinschaft – Daniel Nicol Dunlops Wirken als Esoteriker und Wirtschaftspraktiker‹ in Frankfurt am Main. Da die besonderen wirtschaftlichen Organisationsfähigkeiten Dunlops sich nicht aus seiner Biografie erklären lassen, wird untersucht, wie diese in einer früheren Inkarnation veranlagt worden sein könnten. In der Wirtschaftsorganisation des Templerordens tauchen viele Elemente auf, die von Dunlop aufgegriffen und an die Anforderungen seiner Zeit angepasst wurden.
Zum 100. Geburtstag des ›Heilpädagogischen Kurses‹
Ausgehend von einer Rudolf Steiner besonders befriedigenden Tafelzeichnung zum Heilpädagogischen Kurs entwickelt G. Alfred Kon im folgenden Beitrag, wie ein tieferes Verständnis der Sinnesorganisation zum Begreifen des Karma-Gedankens führen kann.
Brücken für die Bewusstseinsseele bauen
Der vorliegende Artikel soll die Bedeutung eines vertieften Verständnisses der menschlichen Beziehungsfähigkeit für die zukünftige Entwicklung der Geisteswissenschaft hervorheben. Diese Aufgabe wird immer dringlicher, zumal sich die Dynamik der menschlichen Beziehungsfähigkeit seit Steiners Zeiten stark verändert hat, insbesondere in den letzten Jahren mit dem Aufkommen des Internets und der sozialen Medien.
Psychologie in der Anthroposophie
Wer bin ich, was kann ich, was will ich? Alle Antworten auf diese Fragen zusammengenommen drücken unsere Identität aus. Sie zu finden ist Grundlage eines erfüllten Lebens. Durch die seelischen Wirkungen des Schwellenübertrittes finden wir sie oft noch schwerer. Dass dieser Schwellenübertritt in unserer Kulturepoche auch unbewusst erfolgt, ist ein wichtiger Grund, warum wir die Anthroposophie brauchen. Die Antworten auf oben genannte Fragen zu finden, ist eines der Ziele der Waldorfpädagogik und des anthroposophischen Erkenntnisweges. Sie nicht zu finden kann in Krisen führen. Kann Psychotherapie in solchen Krisen auch für Anthroposophen ein Gewinn sein? Wie stehen Psychotherapie und Schulungsweg zueinander?
Die Bedeutung der Psychologie für eine soziale Heilkunst
Die Krisen der Gegenwart können nur gemeistert werden, wenn genügend Menschen einen bewussten Zugang zum Gebiet der moralischen Impulse finden. Das setzt voraus, dass die Schwelle zur geistigen Welt richtig überschritten wird. Der vorliegende Beitrag zeigt, warum Rudolf Steiner sich bei seiner ersten öffentlichen Beschreibung der drei Glieder des sozialen Organismus zunächst intensiv mit der damals aufkommenden Psychoanalyse auseinandersetzte. Wenn mit falschen Erkenntnismitteln in den Bereich des Unbewussten eingedrungen wird, entsteht eine Gefahr für das gesamte soziale Zusammenleben.
Gedanken zur geistigen Forschung
Zur Bedeutung der »charakterologischen Veranlagung« in Rudolf Steiners ›Philosophie der Freiheit‹
»Michael muß uns durchdringen als die starke Kraft, die das Materielle durchschauen kann, indem sie im Materiellen zugleich das Geistige sieht«1 - Rudolf SteinerMit Eduard von Hartmanns Hinweis auf die determinierende Kraft charakterlicher Verschiedenheiten der Menschen führt Rudolf Steiner im I. Kapitel der »Philosophie der Freiheit« einen Freiheitsgegner an, der sich von den Auffassungen der großen Masse ihrer Gegner unterscheidet. Denn diese halten es für prinzipiell unmöglich, die Naturkausalität auf dem Gebiete menschlichen Handelns unterbrochen zu denken. ...
Selbstlosigkeit als Mitte einer Ästhesiosophie
»Sieghafter Geist / Durchflamme die Ohnmacht / Zaghafter Seelen. /Verbrenne die Ichsucht, / Entzünde das Mitleid, / Dass Selbstlosigkeit, / Der Lebensstrom der Menschheit, /Wallt als Quelle / Der geistigen Wiedergeburt.«Rudolf Steiner, 20 September 1919Dieser michaelisch gestimmte Spruch, den Marie Steiner bei der Erstveröffentlichung mit der Überschrift ‘Meditationsworte, die den Willen ergreifem versah, wurde von Rudolf Steiner am sechsten Jahrestag der Grundsteinlegung des ersten Goetheanums, am vierzehnten Tag nach der Eröffnung der ersten Waldorfschule verdichtet. Hier begegnen wir zwei Gebärden des Ich, die einen radikalen Gegensatz erzeugen.
In dem michaelischen Zeitalter, in dem wir leben, geht es einerseits darum, das eigene Denken zu verlebendigen und zu spirrtualisieren. Es geht aber genauso dringlich darum, die Sinneswahmehmungals etwaszu schulen undzu erleben, in dem auch das Seelische der Welt mitschwingt. Mit dem Vollziehen des von Steiner so genannten »Lichtseelenprozesses«, wird Stück um Stück der Materialismus unserer Zeit überwunden. Die Wandlung der Welt fangt bei jedem einzelnen Menschen an.
Rudolf Steiners Karmavorträge von 1924 als Denkkunstwerk
Erkenntnis, in alten Zeiten als Offenbarung eine Gottesgabe, ist immer mehr individuelle menschliche Leistung geworden. Am Beginn dieser Entwicklung steht Sokrates mit seinem schockierend radikalen Zurückweisen aller überlieferten Weisheit: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Sein Erkenntnisinstrument ist die Frage, als Einladung an den einzelnen Menschen, selbst zu denken. Dies führt zu der Einsicht und Grundregel der Philosophie, dass Weisheiten sekundär sind und nicht zu Dogmen erstarren sollten, dass Gedanken nicht das Denken ersetzen können. Das Denken selbst ist das Primäre, das lebendige Huhn, das immer neue Eier legt. In der Konsequenz entscheidet sich Lessing, wenn Gott ihm in der einen Hand die Wahrheit, in der anderen die Suche nach der Wahrheit zur Wahl bieten würde, für die Suche; nicht für die Produkte, die Erkenntnisse, sondern für die Erkenntnisfähigkeit als menschliche Produktionskraft. Und wenig spater stellt Hölderlin diese Umwendung im menschlichen Erkennen in einen großen Zusammenhang: »Denn nicht vermögen / Die Himmlischen alles. Nemlich es reichen / Die Sterblichen eh' an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo, / Mit diesen. Lang ist / Die Zeit, es ereignet sich aber / Das Wahre.«
zu den Planetensäulen Rudolf Steiners
Die »Säulenworte« gehören zu den rätselhaftesten Dingen, die Rudolf Steiner hinterlassen hat. Auf zwei Zetteln aus dem Jahr 1911 oder 1912 sind Zeichnungen von Säulen, Kapitellen und Architraven zu sehen, wie sie später in den beiden Kuppelsälen des Goetheanum in Dornach gebaut worden sind. Die Kapitellformen des großen Kuppelsaales gleichen denen von Malsch und von Stuttgart. Als gezeichnete Säulen zierten sie allerdings bereits 1907 während des Münchner Kongresses die Wände des Saales. Offenbar hat Steiner die einmal entwickelten Formen stets beibehalten. Aber nur auf jenem Zettel ist in den Schaft jeder Säule der großen Kuppel jeweils ein Wort eingeschrieben: »DAS ES« - AN ES« - »IN ES« - »ICH« - »VOM ICH« - »AUS MIR« - »ICH INS ES«. Was sollen diese Worte besagen? Nirgends im gesamten Werk Rudolf Steiners scheint es einen Hinweis in Bezug auf diese Worte zu geben.
Eine Gegenbewegung – Erster Teil
Ich ging aus dem Haus und merkte es nicht. Plötzlich stand ich unten auf der Straße. Wo war ich gewesen, als ich die Stufen hinunterstieg? In Gedanken in Gedanken. Die Jungmannova lag nicht weit. Frühlingsluft. Ewig dieses Gehen. Durch die Vaterstadt spazieren. Die Augen deprimiert auf den Boden gerichtet. Immerhin habe ich diesmal ein Ziel. Habe ich ein Ziel? Man muss schon sehr verzweifelt sein, wenn man von etwas überhaupt nicht überzeugt ist und sich trotzdem Hilfe davon erhofft.
Biografische Spuren Georg Trakls
Georg Trakl (1887-1914), der von vielen als der größte deutschsprachige Lyriker seiner Generation angesehen wird, ging be täubt durch sein kurzes Erdenleben. Er sei nur halb geboren. In der Kindheit und Jugend habe von seiner Umgebung nur das Wasser einen Eindruck auf ihn gemacht Solche Äußerungen von ihm sind überliefert. Die Welt und vor allem sich selbst ertrug er nur betäubt durch starke Rauschmittel. Heruntergedämpft war sein Denken, gelähmt sein Wollen. Sein Fühlen entfaltete sich wie eine große, dunkle Blüte. Eine blaue Blume.
Reinkarnation und Karma in der Novelle ›Die schwarze Spinne‹ von Jeremias Gotthelf
Hin und wieder taucht heutzutage der Gedanke an Reinkarnation und Karma – zu Deutsch: an Wiederverkörperung und selbst geschaffenes Schicksal – in der Öffentlichkeit auf, allerdings oft ohne echte Vertiefung und geistigen Hintergrund. So heißt z.B. ein 2008 erschienener Roman ›Mieses Karma‹. Darin geht es um mehrmalige Erdenleben einer Protagonistin, die nach ihrem frühen Tod ungute Taten zunächst als Tier und schließlich wieder als Mensch in erneuten Inkarnationen ausgleichen muss. Hier werden Aspekte von Reinkarnation und Karma miteinem gewissen moralischen Impuls in eine unterhaltsame Handlung gebracht. Im Allgemeinen kommt solchen Gedanken in der westlichen Welt aber keine große Bedeutung zu, man verortet den Glauben an wiederholte Erdenleben weiterhin vorangig in östlichen Religionen. Noch ist wenig bekannt, dass es auch in der deutschen Geistesgeschichte verschiedene Beispiele aus allen Zeiten dafür gibt – und zwar mehr, als man vermuten sollte. Sie sind allerdings größtenteils nicht Zeugnisse konkreter Kenntnis geistiger Zusammenhänge, sondern eher Andeutungen, Ahnungen oder Mutmaßungen. Rudolf Steiner erläutert, dass man im 18. Jahrhundert, in dem die Theosophie an Wirkmächtigkeit verlor, die Tatsache wiederholter Erdenleben nicht gekannt habe, und im 19. Jahrhundert sei eine weitere »Abwendung von den spirituellen Welten« eingetreten.
Otfried Preußlers ›Krabat‹ neu gelesen
Anlässlich des 100. Geburtstags von Otfried Preußler am 20. Oktober 2023 habe mir wieder einmal seinen ›Krabat‹ vorgenommen - einfach so. Beim Lesen fielen mir dann mehr und mehr Parallelen auf zwischen den Verhältnissen in der Mühle im Koselbruch und der heutigen Zeit Und ich entdeckte archetypische Bilder eines Entwicklungsweges in der Auseinandersetzung mit dunklen Kräften und Mächten. Schließlich wurde mir die Dimension der Kulturtat die Preußler mit diesem 1971 zuerst erschienenen Werk geleistet hat deutlich: Alte Sagenmotive aufgreifend und vor dem Hintergrund der eigenen Faszination für die Ideologie der Nazidiktatur als junger Mensch hat er nahezu prophetisch ein Zeichen gegen den Trend nicht nur seiner Zeit gesetzt das bis heute eine erstaunliche Verbreitung findet Von all dem soll im Folgenden die Rede sein.
Immanuel Kant zum 300. Geburtstag
Immanuel Kant wurde am 26. April 1724 geboren. Seine Bedeutung nach 300 Jahren gründet in seinem dreiteiligen Hauptwerk, dessen erster Teil, die »Kritik der reinen Vernunft 1781 veröffentlicht wurde. Kant war damals im 57. Lebensjahr, d.h. im dritten Mondknoten. Bis zu seinem Tod 1804 erschienen rund 2.000 Schriften zu dem philosophischen Neuansatz, den er vorgelegt hatte. Deshalb schreibt Friedrich Schiller unter dem Titel ›Kant und seine Ausleger‹ passend: »Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung / setztl Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.« Zwischen dem Erscheinen der ›Kritik der reinen Vernunft‹ und uns hegen rund 240 Jahre, in denen sich eine weitere große Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Dabei ist es der Philosophie Kants einigermaßen erspart gebheben, zu einer tradierten Lehre zu werden, wie der Aristo-teh'smus in der Scholastik oder der Thomismus in der Neuzeit. Es gab wohl keinen Philosophen unter denen, die sich an Kant orientiert hatten, der nicht wiederum produktive Kritik an ihm geübt oder ihn selbstständig interpretiert hätte.
Ideologie und Fakten - Teil I
In einem Artikel der ›Erziehungskunst‹ vom November 2022 forderten Albert Schmelzer und Martyn Rawson einen Umbau des Waldorflehrplans mit postkolonialen Anteilen. Dies betrifft auch den Geschichtsunterricht. Dort werden bisher die großen historischen Entwicklungen von den »Ältesten Zeiten« über Antike, Mittelalter und Neuzeit bis zur Gegenwart in Überblicksepochen behandelt. Dabei liegt der Fokus im Wesentlichen aut Europa. Die deutschen Waldorfschulen, so Schmelzer und Rawson weiter, seien »strukturell rassistisch« und spiegelten in ihren Lehrplänen nicht eine durch Migration veränderte Bevölkerung. Bijan Kafi reagierte daraufhin mit einem Artikel in die Drei (3/2023), in dem er darlegte, dass der von Schmelzer und Rawson geforderte (ideologische) Antirassismus mit einer treiheitsorientierten Waldorlpädagogik unvereinbar sei. Daraut antwortete Frank Steinwachs (4/2023), der u.a. darlegte, dass sich die neue und diversere Demografie in den Klassenzimmern zeige, weshalb Bijan Kafis Kritik nicht die Realität des schulischen Alltags treffe. Beiträge von Johannes Kiersch, Ralf Sonnenbeig, Michael Debus und Salvatore Lavecchia ergänzten die Debatte, mit der Tendenz, an pädagogisch wirksamen Elementen der Waldorfpädagogik festzuhalten. Mein Beitrag versteht sich vor diesem Hintergrund als Nachfrage. Denn im 21. Jahrhundert hat der Postkolonialismus - vorsichtig formuliert - doch viel von seinem emanzipatorischen Impuls eingebüßt. Wir leben in einer veränderten Welt, in der auch ein aufstrebender »Globaler Süden« von Rassismus und Rechtsextremismus heimgesucht wird; teilweise in politischen Bewegungen, die mit dem Postkolonialismus verbunden sind. Der Angriff der Hamas auf Israel wäre hier nur ein Beispiel.
Immanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe haben sich beide intensiv mit dem Problem des Lebendigen auseinandergesetzt, Kant in seiner ›Kritik der Urteilskraft‹, Goethe in seiner ›Metamorphose der Pflanzen‹. Die beiden Schriften, die zeitgleich an Ostern 1790 erschienen, können als paradigmatisch für die Frage nach dem Lebendigen angesehen werden, Kant bezüglich der Zweckmäßigkeit, Goethe bezüglich der Form und ihrer Metamorphose. Rudolf Steiners Darstellungen ermöglichen es, Goethes Methode als die Lösung von Kants Frage zu erkennen.